"Bundesstaaten könnten Neuuntersuchung einleiten"

Interview9. September 2011, 06:57
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Historiker Daniele Ganser über die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem brisanten Thema 9/11 und Ressourcenkriege

Der Schweizer Friedensforscher und Historiker Daniele Ganser ist einer der wenigen europäischen Wissenschafter, die sich mit der historischen Erforschung von 9/11 beschäftigen. Mit seinen Herangehensweise wird er nicht selten ins Eck der Verschwörungstheoretiker gestellt. Natürlich sei das Thema heikel, so Ganser gegenüber derStandard.at. Schließlich hätte 9/11 etliche Länder in den Krieg geführt. Sollte die offizielle Version von 9/11 tatsächlich nicht stimmen, hätte man auch in Westeuropa ein Problem. Für diese "offizielle" Version gäbe es allerdings genauso wenig wissenschaftlich taugliche Beweise wie für andere.

derStandard.at: Sie sind Friedensforscher und Historiker. Ist 9/11 nach zehn Jahren wissenschaftlich eigentlich aufgearbeitet, gibt es seriöse Forschung zu 9/11?

Ganser: Wissenschaftlich aufgearbeitet ist es noch nicht. Mittlerweile gibt es aber ein Raster, in dem man die verschiedenen Erklärungen für den 11. September aufgelistet hat.

derStandard.at: Die wären?

Ganser: Die erste und "ofizielle" Variante ist die "Surprise"-Variante: Bin Laden hat die USA überrascht. 19 Islamisten haben den Anschlag ausgeübt, Bush und Cheney konnten nichts tun, um das zu verhindern. Die "Lihop"-Variante – let it happen on purpose – geht davon aus, dass Bin Laden der Drahtzieher in Afghanistan ist, Bush und Cheney haben den Anschlag bewusst zugelassen, um danach Kriege um Ressourcen zu führen und das Pentagon-Budget zu erhöhen. Die dritte Variante ("Mihop" – made it happen on purpose) geht davon aus, dass der Anschlagplan aus dem Pentagon kommt.

derStandard.at: Die Behauptungen, die US-Regierung hätte derart viele Menschenleben im Rohstoffkrieg geopfert, sind doch sehr "brisant". Ist es überhaupt denkbar, dass sie stimmt?

Ganser: Denkbar ist alles in der historischen Forschung. Die Frage ist, hat man Dokumente, die zeigen, dass Regierungen daran denken, die eigene Bevölkerung anzugreifen. Es existiert zum Beispiel ein Originaldokument aus dem Jahre 1962 zur "Operation Northwood". Das Pentagon hatte den Auftrag, einen Plan auszuarbeiten, wie man einen Krieg gegen Kuba rechtfertigen könnte. Darin heißt es, man könnte Flugzeuge oder Schiffe in die Luft sprengen oder Sprengsätze in Washington und New York hochgehen lassen, um das dann Castro anzuhängen. Die Operation wurde allerdings von Kennedy abgebrochen.

derStandard.at: Allerdings ist das kein Beleg dafür, dass 9/11 der gleichen Logik entspringt.

Ganser: Nein, natürlich nicht. Es gibt auch keine entsprechenden Dokumente. Man muss aber auch sagen: Northwood war 1962 und die Historiker haben 40 Jahre gebraucht, um an das Dokument zu gelangen. Es war lange Top Secret. Und der Vollständigkeit halber: es gibt für keine der drei Haupttheorien zu 9/11 ernstzunehmende Belege, auch nicht für die Surprise-Theorie. Ob es jetzt um die Einführung des Frauenwahlrechts oder 9/11 geht, in der Wissenschaft gilt "Quellenforschung, Quellenforschung und nochmal Quellenforschung". Es ist wichtig, dass sich auch die Forschung mit 9/11 auseinandersetzt, sonst wird die Lage immer chaotischer. Die US-Universitäten müssen sich mit dem Thema befassen. Die Frage ist, ob sie zu einem Schluss kommen. Ich bin auch nicht zu einem Schluss gekommen, welche der drei Geschichten nun stimmt.

derStandard.at: Geht man als Forscher nicht ein extremes Risiko ein, wenn man zu 9/11 forscht? Wird man nicht sofort als "Verschwörungstheoretiker" beschimpft?

Ganser: Natürlich ist das Thema heikel. Schließlich folgte auf 9/11 die Aktivierung des NATO-Bündnisfalles, der etliche Länder in den Krieg führte. Und der Nato-Bündnisfall beruht auf der Surprise-Variante. Sollte die tatsächlich nicht stimmen, hat man auch in Westeuropa ein Problem, weil die Nato-Aktivierung falsch war.

Was den Begriff „Verschwörung" angeht muss man ruhig bleiben und sich nichts vormachen: Es gibt immer wieder Verschwörungen in der Politik, das weiß jeder, der Internationale Politik studiert. Überall, wo zwei Personen etwas im Geheimen miteinander ausmachen, liegt eine Verschwörung vor. Die Schweinebuchtinvasion 1961 war eine Verschwörung, die Iran Contra Affäre in den 1980er Jahre war auch eine Verschwörung. Ich habe Bücher zu den Nato-Geheimarmeen, zur Kubakrise geschrieben – alles "Verschwörungen". Was mich aber erstaunt: Wenn man zu diesen Themen als Historiker arbeitet gibt es keine Probleme. Erst wenn man zu 9/11 forscht kann es passieren, dass man als „Verschwörungstheoretiker" verunglimpft wird.

Das ärgert mich und hält andere Akademiker davon ab, öffentlich zum Thema etwas zu sagen. Ich bin enttäuscht, dass Medien legitimen Fragen zum Hintergrund von 9/11 nicht stärker nachgegangen sind. Nach dem Motto: Es war Bin Laden und alle anderen Fragen sind Idiotenfragen. Das postmoderne wissenschaftlich-analytische Denken hat schließlich hervorgebracht, dass man die Pluralität von Stimmen analysiert. Bei diesem Thema wird das negiert. Entweder du bist für uns oder du bist gegen uns.

derStandard.at: Warum hat der Kongress nie auf einer weiteren Untersuchung bestanden?

Ganser: Der Kongress war nach den Anthrax-Anschlägen stark eingeschüchtert und hat nie eine fundierte Untersuchung von 9/11 durchgeführt.

derStandard.at: Wie stehen die Chancen, dass Obama die ungeklärten Fragen in einer weiteren Untersuchung nochmal aufrollen lässt?

Ganser: Auf der Ebene des Weißen Hauses oder des Kongresses sehe ich keine Chance. Die einzelnen Bundesstaaten könnten eine Neuuntersuchung einleiten. Der ehemalige Senator von Alaska, Mike Gravel, engagiert sich hier stark. Der ist dafür, auf Staatenebene Bundesbeamte unter Eid zu befragen.

derStandard.at: 9/11 war ein massiver Angriff auf die USA – danach wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen, der Afghanistankrieg begann. Wäre das ohne 9/11 möglich gewesen?

Ganser: Nein. Ich denke, dass der Afghanistankrieg ohne 9/11 nicht möglich gewesen wäre und 9/11 auch auf den Irakkrieg einen großen Einfluss hatte. Man wollte die Bevölkerung hinter diese Kriege scharen und die Geschichte, dass der für die Anschläge verantwortliche Bin Laden in Afghanistan sitzt, war das ausschlaggebende Argument. Es gab in den Tagen nach 9/11 Bemühungen von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, auch den Irakkrieg mit 9/11 in Verbindung zu bringen, das hat allerdings weder geklappt noch gestimmt. Danach wurde die Begründung mit den Massenvernichtungswaffen vorgebracht.

Auch hatte 9/11 einen großen Einfluss auf das Bild der Muslime im allgemeinen. Die wurden danach diskreditiert. Die großen Erdöl- und Erdgasreserven sind in den muslimischen Ländern und es stellt sich die Frage, ob man Ressourcenkriege in diesen Ländern rechtfertigen will.

derStandard.at: Ist die Rechtsstaatlichkeit auch ein Opfer von 9/11?

Ganser: Die Rechtsstaatlichkeit wurde von 9/11 untergraben. Der Krieg gegen den Irak war zum Beispiel ein Angriffskrieg ohne Uno-Mandat. Das ist zu verurteilen. Guantanamo ist ein Lager, der Zugang vom Roten Kreuz war nur eingeschränkt möglich. Die gesamte Überwachung der Bürger erinnert fast an den Überwachungsstaat à la DDR.

derStandard.at: Hat Obama etwas an diesem Kurs geändert?

Ganser: Obama trug sehr große Hoffnungen auf seinen Schultern und die hat er enttäuscht. Er hat Guantanamo zum Beispiel nicht geschlossen. Nach dem Friedensnobelpreis hatte man die Hoffnung, dass er keine Kriege mehr führen wird, das ist auch nicht der Fall. Zu unrecht wird gesagt, dass der Irakkrieg vorbei ist, dort werden derzeit große Militärbasen aufgebaut. Die Kriege laufen. Jüngst auch in Libyen, das über die größten Erdölreserven Afrikas verfügt. Ich denke wir bräuchten dringend eine Debatte über Ressourcenkriege und friedliche Alternativen. (mhe, derStandard.at, 9.9.2011)

  • Daniele Ganser ist Friedensforscher und Historiker an der Uni Basel. Gansers Forschungsschwerpunkte sind die Internationale Zeitgeschichte ab 1945, verdeckte Kriegsführung und Geostrategie, Geheimdienste und Spezialeinheiten, Peak Oil und Ressourcenkriege, Wirtschaftspolitik und Menschenrechte.
    foto: bornand/www.danieleganser.ch

    Daniele Ganser ist Friedensforscher und Historiker an der Uni Basel. Gansers Forschungsschwerpunkte sind die Internationale Zeitgeschichte ab 1945, verdeckte Kriegsführung und Geostrategie, Geheimdienste und Spezialeinheiten, Peak Oil und Ressourcenkriege, Wirtschaftspolitik und Menschenrechte.

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