Daniel Domscheit-Berg hat einen Schlüssel zu einem Wikileaks-Datenpaket zerstört
Mit Peter Illetschko sprach der ehemalige Partner von Julian Assange
in Alpbach über die Gründe dieser Aktion.
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Standard: Es heißt, Sie und andere ehemalige Mitarbeiter von Wikileaks
haben Daten gelöscht. Welche Veranlassung hatten Sie dazu?
Domscheit-Berg: Ich habe nicht die Daten zerstört, sondern einen von drei
Schlüsseln, mit denen man sie entziffern konnte. Die Daten selbst waren nicht am
gleichen Ort. Die anderen ehemaligen Mitarbeiter von Wikileaks, die einen
Schlüssel hatten, haben das auch so gemacht. Wir wollten das Thema endlich
abhaken.
Standard: Warum haben Sie also den Datenschlüssel vernichtet?
Domscheit-Berg: Wir wollten die Daten, die auf vier Servern lagen,
vergangenes Jahr im Herbst an Julian Assange übergeben. Er hatte aber womöglich
kein Interesse. Jedenfalls sagte er ständig, er habe keine Zeit. Wir haben die
Daten dann auf eine Festplatte transferiert und diese an einen Ort gebracht, zu
dem auch wir nicht leicht Zugang hatten. Da ging es einfach darum, unser
Versprechen zu halten, die Quellen in jedem Fall zu schützen. 2010 und auch
heuer passierten bei Wikileaks viele Fehler. Mittlerweile sind die
US-Botschaftsberichte, seinerzeit als Cablegate bekannt geworden, unredigiert
zum Download verfügbar, auch die Quellen sind ersichtlich. Ich hatte deshalb
keine Grundlage mehr, Wikileaks zu vertrauen. Da bin ich lieber der Buhmann, als
gegen mein Gewissen zu handeln und Angst zu haben, dass da etwas schiefgeht.
Standard: Sie hätten die Daten aber auch ganz einfach nicht übergeben
können. Setzen Sie sich da nicht dem Vorwurf der Zensur aus?
Domscheit-Berg: Das hat mir noch niemand vorgeworfen, das würde ich auch
nicht gelten lassen. Der Datensatz bestand aus ungefähr drei- bis
dreieinhalbtausend Objekten, die über das Einsendesystem von Wikileaks
hereinkamen. Statistisch gesehen war der Ausschuss immer zwischen 80 und 90
Prozent. Nur zehn bis 20 Prozent waren interessant. Der Rest waren irgendwelche
Katzenfotos oder Lebensgeschichten von Menschen, mit denen man nichts anfangen
konnte. Es blieben also ein paar hundert Dokumente übrig, die mittlerweile auch
alt sind und nicht mehr relevant, weil sie über ganz andere Kanäle an die
Öffentlichkeit gelangten.
Standard: Haben Sie eine Liste über die Inhalte des Datenpakets?
Domscheit-Berg: Ich habe eine ungefähre Ahnung. Da waren etwa Unterlagen zur
Planung und Genehmigung der Love-Parade in Duisburg, die bekanntlich in einer
Katastrophe endete. Da waren auch Dokumente über die Kriegspropaganda für
Afghanistan. Der Rest wurde nie bearbeitet.
Standard: Wie hat Assange auf die Zerstörung der Schlüssel reagiert?
Domscheit-Berg: Er meint nun, dass alles, von dem er sprach - also Dokumente,
die kommen sollten - da dabei waren. Er hat mir auch vorgeworfen, damit
Dokumente aus der Bank of America zerstört zu haben. Seine Ankündigung, diese
Dokumente zu haben, kam aber erstmals schon im September 2009. Es war auch eine
No-Fly-List der USA darunter: Da stand, wer nicht in ein Flugzeuge einsteigen
durfte. Diese Liste kursiert mittlerweile im Internet. Assange hat zuletzt eine
Tirade verfasst, wonach ich beim FBI und meine Frau beim CIA sein soll. Bei
unserer Hochzeit sollen auch Mossad-Agenten gewesen sein. Ich jedenfalls weiß
nichts davon und habe auch noch keinen Gehaltsscheck bekommen. Sie glauben
nicht, wie viele Parteien und Organisationen bei mir anlaufen und meinen, wenn
ich Bedenken hätte, die Daten an Wikileaks zu übergeben, könnte ich sie auch
jemand anderem geben. Das fühlte sich für mich eine Zeit lang an, als wäre ich
Frodo mit dem Ring und jeder Gollum kommt und erklärt, warum er diesen Schatz
braucht. Im Prinzip zeigt diese Geschichte auf, dass Wikileaks nicht alles
leisten konnte, was Assange leisten wollte.
Standard: Und das wäre?
Domscheit-Berg: Dokumente anzunehmen, zu prüfen, zu anonymisieren, zu
veröffentlichen und gegen Zensurbestrebungen zu verteidigen. Das ist zu viel
Arbeit, zu viel Verantwortung und letztlich zu viel Macht für ein einzelnes
Portal. Man darf nicht alleine entscheiden, wie und mit wem man solche Dokumente
publiziert. Das ist nicht demokratisch.
Standard: Openleaks, Ihr neues Portal, müsste dann ja nach anderen
Grundsätzen funktionieren?
Domscheit-Berg: Das wird es auch. Wir wollen etwa hundert Partner, am
liebsten etwa 50 Medien und 50 NGOs. Dort sind die Experten im Umgang mit diesen
Informationen, die die Grenze ziehen können zwischen öffentlichem Interesse und
dem Schutz des Privaten. Sie können die Informationen verifizieren. Wir stellen
nur die Technologie bereit, damit diese Organisationen Informationen von
anonymen Quellen bekommen können. Als Quelle kann man sich dann auch überlegen,
welche Information man welchem unserer Partner übergibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2011)
Daniel Domscheit-Berg (33) ist Informatiker, Buchautor und
Ex-Sprecher der
Enthüllungsplattform Wikileaks. Der Deutsche hat die Plattform Openleaks
gegründet und kritisiert Wikileaks-Boss Julian Assange vehement. Dieser
war
zuletzt ins Kreuzfeuer geraten, weil alle US-Depeschen von Wikileaks
unredigiert
ins Internet gelangt sind.