Wikileaks-Aussteiger

"Ich fühlte mich wie Frodo mit dem Ring"

Interview | 4. September 2011, 18:07
  • Artikelbild
    foto: standard/newald

    "Wikileaks konnte nicht alles leisten, was Julian Assange leisten wollte." Daniel Domscheit-Berg will nun mit seinem neuen Projekt Openleaks aus Fehlern lernen - und als Aufdecker weitermachen.

Daniel Domscheit-Berg hat einen Schlüssel zu einem Wikileaks-Datenpaket zerstört

Mit Peter Illetschko sprach der ehemalige Partner von Julian Assange in Alpbach über die Gründe dieser Aktion.

*****

Standard: Es heißt, Sie und andere ehemalige Mitarbeiter von Wikileaks haben Daten gelöscht. Welche Veranlassung hatten Sie dazu?

Domscheit-Berg: Ich habe nicht die Daten zerstört, sondern einen von drei Schlüsseln, mit denen man sie entziffern konnte. Die Daten selbst waren nicht am gleichen Ort. Die anderen ehemaligen Mitarbeiter von Wikileaks, die einen Schlüssel hatten, haben das auch so gemacht. Wir wollten das Thema endlich abhaken.

Standard: Warum haben Sie also den Datenschlüssel vernichtet?

Domscheit-Berg: Wir wollten die Daten, die auf vier Servern lagen, vergangenes Jahr im Herbst an Julian Assange übergeben. Er hatte aber womöglich kein Interesse. Jedenfalls sagte er ständig, er habe keine Zeit. Wir haben die Daten dann auf eine Festplatte transferiert und diese an einen Ort gebracht, zu dem auch wir nicht leicht Zugang hatten. Da ging es einfach darum, unser Versprechen zu halten, die Quellen in jedem Fall zu schützen. 2010 und auch heuer passierten bei Wikileaks viele Fehler. Mittlerweile sind die US-Botschaftsberichte, seinerzeit als Cablegate bekannt geworden, unredigiert zum Download verfügbar, auch die Quellen sind ersichtlich. Ich hatte deshalb keine Grundlage mehr, Wikileaks zu vertrauen. Da bin ich lieber der Buhmann, als gegen mein Gewissen zu handeln und Angst zu haben, dass da etwas schiefgeht.

Standard: Sie hätten die Daten aber auch ganz einfach nicht übergeben können. Setzen Sie sich da nicht dem Vorwurf der Zensur aus?

Domscheit-Berg: Das hat mir noch niemand vorgeworfen, das würde ich auch nicht gelten lassen. Der Datensatz bestand aus ungefähr drei- bis dreieinhalbtausend Objekten, die über das Einsendesystem von Wikileaks hereinkamen. Statistisch gesehen war der Ausschuss immer zwischen 80 und 90 Prozent. Nur zehn bis 20 Prozent waren interessant. Der Rest waren irgendwelche Katzenfotos oder Lebensgeschichten von Menschen, mit denen man nichts anfangen konnte. Es blieben also ein paar hundert Dokumente übrig, die mittlerweile auch alt sind und nicht mehr relevant, weil sie über ganz andere Kanäle an die Öffentlichkeit gelangten.

Standard: Haben Sie eine Liste über die Inhalte des Datenpakets?

Domscheit-Berg: Ich habe eine ungefähre Ahnung. Da waren etwa Unterlagen zur Planung und Genehmigung der Love-Parade in Duisburg, die bekanntlich in einer Katastrophe endete. Da waren auch Dokumente über die Kriegspropaganda für Afghanistan. Der Rest wurde nie bearbeitet.

Standard: Wie hat Assange auf die Zerstörung der Schlüssel reagiert?

Domscheit-Berg: Er meint nun, dass alles, von dem er sprach - also Dokumente, die kommen sollten - da dabei waren. Er hat mir auch vorgeworfen, damit Dokumente aus der Bank of America zerstört zu haben. Seine Ankündigung, diese Dokumente zu haben, kam aber erstmals schon im September 2009. Es war auch eine No-Fly-List der USA darunter: Da stand, wer nicht in ein Flugzeuge einsteigen durfte. Diese Liste kursiert mittlerweile im Internet. Assange hat zuletzt eine Tirade verfasst, wonach ich beim FBI und meine Frau beim CIA sein soll. Bei unserer Hochzeit sollen auch Mossad-Agenten gewesen sein. Ich jedenfalls weiß nichts davon und habe auch noch keinen Gehaltsscheck bekommen. Sie glauben nicht, wie viele Parteien und Organisationen bei mir anlaufen und meinen, wenn ich Bedenken hätte, die Daten an Wikileaks zu übergeben, könnte ich sie auch jemand anderem geben. Das fühlte sich für mich eine Zeit lang an, als wäre ich Frodo mit dem Ring und jeder Gollum kommt und erklärt, warum er diesen Schatz braucht. Im Prinzip zeigt diese Geschichte auf, dass Wikileaks nicht alles leisten konnte, was Assange leisten wollte.

Standard: Und das wäre?

Domscheit-Berg: Dokumente anzunehmen, zu prüfen, zu anonymisieren, zu veröffentlichen und gegen Zensurbestrebungen zu verteidigen. Das ist zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung und letztlich zu viel Macht für ein einzelnes Portal. Man darf nicht alleine entscheiden, wie und mit wem man solche Dokumente publiziert. Das ist nicht demokratisch.

Standard: Openleaks, Ihr neues Portal, müsste dann ja nach anderen Grundsätzen funktionieren?

Domscheit-Berg: Das wird es auch. Wir wollen etwa hundert Partner, am liebsten etwa 50 Medien und 50 NGOs. Dort sind die Experten im Umgang mit diesen Informationen, die die Grenze ziehen können zwischen öffentlichem Interesse und dem Schutz des Privaten. Sie können die Informationen verifizieren. Wir stellen nur die Technologie bereit, damit diese Organisationen Informationen von anonymen Quellen bekommen können. Als Quelle kann man sich dann auch überlegen, welche Information man welchem unserer Partner übergibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2011)

Daniel Domscheit-Berg (33) ist Informatiker, Buchautor und Ex-Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks. Der Deutsche hat die Plattform Openleaks gegründet und kritisiert Wikileaks-Boss Julian Assange vehement. Dieser war zuletzt ins Kreuzfeuer geraten, weil alle US-Depeschen von Wikileaks unredigiert ins Internet gelangt sind.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 163
1 2 3 4
tignosa
00
20.12.2011, 12:50
der kommt sich aber mächtig wichtig vor

El Clandestino ****
00
16.12.2011, 21:25

der typ gehört ganz einfach ignoriert.....punkt!

....naja vielleicht sollte man ihm fürs zerstören der datenschlüssel noch ein blaues geben wenn man ihn sieht; grausiger wichtigmacher

DieBo
01
27.10.2011, 10:06
"Ich fühlte mich wie Frodo mit dem Ring" na ja, wer die geschichte kennt der weiß dass Sam die eigentliche Last trug.

Mirabeau
11
Ich erkläre mich solidarisch: Mit seiner Katze.

http://tinyurl.com/3rl6gph

Na, wenn das kein guter Grund ist?

guesman curd
00

"Julian was constantly battling for dominance, even with my tomcat Herr Schmitt," ... :D

Heinrich Kurzierl
31

Der Typ der hier den Zugang zu den Cables vernichtet hat ist der letzte der genug Persönlichkeit hat eine ähnliche Plattform hochzuziehen und dann die Verantwortung zu übernehmen.

Er kopiert die Idee in leicht abgewandelter Form, die er sapotiert hat.
Das Letzte.

BK W. Shoyssel
00
Loyalität ist doch etwas Schönes.

Ich bin gerührt.

mikemey
02
Frodo? Wohl eher Fredo!

nt

Elettra
00
Ich Wette jede Summe

diese Schlüssel wurden im OL. Dateisystem verloren und warten dort auf einen wirklich ehrlichen Finder.

Nachdem dies so gut wie ausgeschlossen ist definiert dies ddb

Als gelöscht.

MichseXY
10
Ich bin sicher...

... sein Mini Ego hat das nicht zugelassen, diese Macht zu vernichten. "Ha! Ich habs doch noch! Unabsichtlich kams auf OPENLEAKS raus ..." -.-

El D14bl0
11
der schwitzbär der schwitzt sehr
10
mich erinnert er an eine andere Figur .... an den Gollum ...

http://www.youtube.com/watch?v=AJhfb5J5yG8

res publica
614
Domscheid Berg ist ein Wichtigmacher, und seine Frau arbeitet für... Microsoft LOL

da haben sich ja 2 gefunden, die für Transparenz, Datensicherheit und Backdoors in der eigenen Software für die NSA berühmt sind...

tomas tomas
15

sie hat für Microsoft gearbeitet - und ist weg von dort. zuerst recherchieren, dann reden/posten

res publica
11

habe anders zu tun, als mich ständig am laufenden zu halten über den Lebenswandel von domscheid berg und seiner Alten.

vana
30

vertritt offenbar die amerikanischen oligarcheninteressen gegenüber assange, der für die britischen oligarcheninteressen steht wie an seinem anwalt ablesbar.

exSpectator
21

Klassischer Nerdrage von DDB.

AntiFa201
92

volli**ot, der hat´s nicht gecheckt. die "freien medien" haben gleiche quellen wie wikileaks, decken jedoch niemals das auf was wikileaks aufgedeckt hat, da sie system befürworter sind. es bringt also null sich mit den freien medien zusammen zu tun. der typ sollte sich schon mal einen job in einer leiharbeitsfirma suchen, denn lange dauerd seine karriere nicht mehr.

ShaelEth
 
10

klar, wenn sie die berichte an krone, bild und konsorten weitergeben, darf man sich nicht wundern wenn mit geheimdokumenten schindluder getrieben wird. aber man kann sich die partner ja gott sei dank aussuchen.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
13
die freien Medien vermeiden es wo immer es geht, ihre Quellen zu verbrennen

und damit nicht nur zu persönlich zu gefährden, sondern auch zum Versiegen zu bringen.
"Nachhaltigkeit" nennt man das.

Die Wikilückenpisser sind allesamt zu blöd dazu.

Raphae1
21

Die letzte Quelle von Wikileaks dürfte Bradley Manning gewesen sein, der von Adrian Lamo verraten wurde. Julian Assange kann nichts dafür, dass Bradley seit 15 Monaten in einem US Militärgefängnis sitzt ohne jemals verurteilt worden zu sein. Nicht einmal dem UN Sonderbeauftragten für Folter wird erlaubt Bradley Manning zu besuchen. Aber davon schreibt derstandard nichts. Auch nichts von den Inhalten der Botschaftsdepeschen, zumindest nicht den für Österreich relevanten.

elsalvador
53

eckelhafter typ...

Flaschenpost
15
Ist das geil...

einmal im Leben mächtig zu sein.

Ab sofort wird politisch korrekt aufgedeckt, staatlich kontrollierte Leakpolitik schützt vor Überraschungen...

Standardabweichung
213

Er kommt mir vor wie der Kleingartenbesitzer, der dem Nachbarn die Marillenbäume abschneidet, weil das Obst auf sein Grundstück fällt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 163
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.