Die Bedeutung von Geld hat sich verändert und mit ihr nicht nur der Geldgebrauch, sondern auch die Formen von Geldvermögen. Dieser Wandel sollte auch bei Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung stärker berücksichtigt werden
Verfolgt man die Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung, die auf Berechnungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beruhen, erstaunt bisweilen die geringe Treffsicherheit. Offensichtlich ermöglichen die den Prognosen zugrundeliegenden Annahmen nichts Genaueres. Als Erklärung bietet sich die Vermutung an, dass sowohl das Maß (BIP) als auch dessen Grundannahmen nicht stetig, dem Wandel der realen Rahmenbedingungen entsprechend, überprüft werden.
"Das BIP entspricht der Gesamtsumme der Bruttoausgaben der Endverbraucher für inländische Leistungen zum Kaufpreis." Das bedeutet, wirtschaftliche Entwicklung wird am Geldgebrauch berechnet. Doch gewandelt hat sich die Bedeutung von Geld und mit ihr veränderten sich nicht nur der Geldgebrauch, sondern auch die Formen von Geldvermögen.
BIP-Berechnung
Zur Bedeutung und zum Gebrauch von Geld: Je mehr Leistungen, die zuvor unbezahlt erbracht wurden, mit Geld entlohnt werden, desto mehr ergibt logischerweise die BIP-Berechnung. Man kann sich das am Schwinden der Selbstversorgung in Landwirtschaft und Haushalt verdeutlichen, andererseits am stark gewachsenen Angebot von Waren und deren Nachfrage: Wir gebrauchen zunehmend Güter und Dienste, die wir kaufen müssen; entsprechend müssen wir über Geld verfügen, also eigene Leistungen verkaufen können. So ist es eigentlich überhaupt nicht erstaunlich (was aber in den Medien als besonders bemerkenswert berichtet wird), wenn frühere osteuropäische - oder allgemeiner - sich industriell entwickelnde Länder nach Wechsel ihrer wirtschaftspolitischen System am BIP gemessenes Wachstum haben; wiederum logischerweise haben sie auch - trotz größerer Armut - höhere Wachstumsraten als die bereits in der Geldverwendung weiter entwickelten Länder.
Als eine Erklärung für Inflation gilt, dass die gegenüber dem Warenangebot größere Geldmenge erhöhte Nachfrage bewirkt, also nach dem "Gesetz von Angebot und Nachfrage" höhere Preise verlangt und bezahlt werden können, sofern Bedarf besteht. Nun ist die Geldmenge zur "Bekämpfung" der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2007 durch die Notenbanken weltweit erheblich ausgeweitet worden, ohne dass dementsprechend mehr produziert wurde und dennoch blieb die Inflation im Vergleich zu früheren Zeiten - bisher - gering.
Geld wurde "gehortet"
Gründe für diese scheinbaren Unvereinbarkeiten können im Wandel des Geldgebrauchs gefunden werden. Ein erster Grund dürfte darin liegen, dass Geld in beträchtlichem Ausmaß "gehortet", also die Nachfrage - bisher - nicht erhöht wurde. Nach Pressemeldungen verfügten etwa Unternehmen in den USA im Dezember 2007 über 610,1 Milliarden US-Dollar an "cash", aber im Juli 2011 über 964,0. (Deutsche Unternehmen verfügten im 2. Quartal 07 über 65,4 Milliarden Euro und im 4. Quartal 2010 über 121,5; österreichische in der selben Zeitspanne 6,3 bzw. 9,0 Milliarden Euro.) Ebenso soll der Schuldendienst der US-Privathaushalte, gemessen am verfügbaren Einkommen, im selben Zeitraum von über 13,5 Prozent um mehr als zwei Prozentpunkte gesunken sein. Das heißt, es wurde mehr gespart und weniger nachgefragt.
Das vermehrte Geld floß in die Finanzwelt
Gespart wurde aber auch in den öffentlichen Haushalten, so dass den "abgebauten" Arbeitskräften weniger Kaufkraft blieb. Und das den verschuldeten Ländern zur Verfügung gestellte Geld wurde dazu verwendet, fällig gewordene Kredite zu "bedienen", womit ein zweiter wesentlicher Grund für bisher ausgebliebene stärkere Inflation erkennbar wird: Das vermehrte Geld fließt in die Finanzwelt. Das bedeutet: Der Geldgebrauch wurde einerseits in der "realen Wirtschaftswelt" eingeschränkt, weitete sich andererseits in der "virtuellen Finanzwelt" rapide aus.
Diese Phänomene des Wandels müssten bei Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung stärker berücksichtigt werden - der Entzug von Geld durch Sparen einerseits und für den Gebrauch von Geld zum spekulativen Handel in Finanzwerten (Währungen, Aktien, Derivate etc.) andererseits.
Wie brisant dieser Wandel ist, erschließt sich beim Nachdenken über Antworten auf eine exemplarische Frage: Was macht die Volksrepublik China mit den angesparten Billionen von US-Dollar, von anderen Währungen und Staatsanleihen? Bei diesem Nachdenken kann einem der Atem stocken. (Leser-Kommentar, Paul Kellermann, derStandard.at, 5.9.2011)
Autor
Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeits-, Bildungs- und Geldsoziologie sowie Hochschulforschung. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdiszilinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft".