Ein kleiner südburgenländischer Ort verweigert sich stur dem 90-Jahr-Gedenken
Rudolf Sarközi ist ein höflicher Mensch. Wenn der Chef des Kulturvereins
der österreichischen Roma und Vorsitzender des Volksgruppenbeirats zum
Standard sagt, er lasse sich vom Bürgermeister der kleinen
südburgenländischen Gemeinde Kemeten "nicht weiter frotzeln, ich bin ja
nicht sein Rotzbub", so darf man von einem wohl gediehenen Grant
ausgehen.
Der Grant des Rudolf Sarközi wurzelt im Jahr 2006. Damals verkündeten
er, der Kemeter SP-Bürgermeister Johann Nussgraber und Emmerich
Gärtner-Horvath vom Oberwarter Verein Roma-Service gemeinsam einen
"Kompromissvorschlag".
Für die 200 in der Nazizeit vertriebenen und zu fast 100 Prozent
ermordeten Kemeter Roma solle zwar keine eigene Gedenktafel aufgehängt,
aber immerhin ein Teil der geplanten Ortsgeschichte-Skulptur reserviert
werden. Auf dass, so Gärtner-Horvath, "unsere Leute einen Platz haben,
wo sie Blumen und Kerzen hinstellen können".
Angeblich gibt es diese "Stahl-skulptur" schon. Allein: Aufgestellt ist
sie jetzt, im Herbst 2011, da der Entstehung, des Werdens und auch der
Verwerfungen des Burgenlandes gedacht wird, immer noch nicht. Und Rudolf
Sarközi will sich auch "nicht weiter darum bemühen, es ist schade um die
Luft, die ich beim Reden verbrauche".
Niemand in der so geschurigelten Volksgruppe - die erst so richtig in
Österreich angekommen ist, nachdem Franz Fuchs 1995 vier Oberwarter in
die Luft gesprengt hatte - glaubt mehr daran, dass in Kemeten ein Ort
eingerichtet wird, wo gegebenenfalls Blumen und Kerzen hingestellt
werden können.
Dem Standard verspricht der Bürgermeister, dass das Gedenk-Mal noch
"irgendwann in diesem Herbst" aufgestellt wird. "Jedenfalls vor der
Gemeinderatswahl im nächsten Jahr." Aber, das möchte er ausdrücklich
festgehalten wissen: "Entscheiden tun wir selber, von außen lassen wir
uns das nicht sagen." Entschieden hat freilich schon 2006 der
Gemeinderat: Es werde aufgestellt!
Sarközi hat, wenn man das so sagen will, die Nase voll. Dass noch heuer
aufgestellt wird, glaubt er nicht. Zu oft hat er die Versicherungen des
Bürgermeisters schon gehört. Der Standard hat nichts zu glauben, nur zu
berichten. So im April 2010: Der Gedenkort, so der Bürgermeister, werde
nach der Landtagswahl hergerichtet. "Vor der Wahl ist es zu heikel." Die
war am 30. Mai 2010. Stärkste Partei wurde die SPÖ.
Sarközi, der frühere rote Bezirksrat von Wien-Döbling, erzählt, dass er
dem roten Kemeter Bürgermeister einmal in aller Höflichkeit gesagt habe:
"Ich schäme mich dafür, dass du bei derselben Partei bist wie ich."
(wei, STANDARD-Printausgabe, 5.9.2011)