Schüssels Privatisierung als Freibrief zur Bereicherung

Kolumne | Gerfried Sperl, 4. September 2011, 17:27

Schüssels Zauberwort war die "Privatisierung". Der Staat sei ein schlechter Unternehmer, argumentierte er im Sog seiner Vorbilder

Als Wolfgang Schüssel 1995 Parteiobmann wurde und unter Jubel erklärte, auch die Kanzlerschaft zu erobern, da strich er von heute auf morgen die Worte "öko-sozial" aus dem Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Als der Dritte der Wahlen 1999 dann im Februar 2000 tatsächlich Regierungschef wurde, da war selbst das Soziale nur noch eine Randerscheinung.

Der "Markt" trat an die Stelle des "Staats" als Regelungsinstrument. Wer das bezweifelte, schrammte knapp am Marxismusverdacht vorbei. Der "Markt" war plötzlich eine Persönlichkeit. "Der Markt sagt..." - mit diesen Worten begannen Budgetverantwortliche ihre Analysen. Man verneigte sich wie vor einem Gott, den niemand wirklich kannte.

Als sich Österreich an die rechtspopulistische Regierungsbeteiligung gewöhnt hatte (sowas geht bei uns ja recht schnell), begann man den Reformeifer zu loben und Schüssel an die Seite von Thatcher und Reagan zu stellen. Noch dazu mit diesem Finanzminister, mit Karl-Heinz Grasser, dem angeblichen Kärntner Finanzgenie. Kritiker wurden zu notorischen Miesmachern gestempelt. Medial verstärkt durch Grassers Showauftritte.

Schüssels Zauberwort war die "Privatisierung". Der Staat sei ein schlechter Unternehmer, argumentierte er im Sog seiner Vorbilder, weshalb man die von ihm geführten Betriebe "privatisieren" müsse. Diese Ansicht ist heute noch gültig, ausgenommen infrastrukturelle Bereiche wie Schiene, Straße, Energie, Gesundheit.

Zwei weitere Einschränkungen. 1. Die Politik muss den Rahmen setzen. Denn der Markt funktioniert ohne Kontrolle und ohne soziale Bindung nicht. 2. Österreich ist südeuropäischer als viele meinen. Was die rechtlichen Grundstrukturen betrifft, tendieren wir zwar zum Norden. Schlamperei und korrupte Mentalitäten sind südlich.

"Privatisierung" heißt deshalb in der Praxis nicht "Entstaatlichung" , sondern "private Bereicherung" . Das ist in der Ära Schüssel passiert und dauert als "Gier an der Macht" (Alexandra Föderl-Schmid im Leitartikel am Samstag) an.

Das alles wurde durch die aus den USA importierten neoliberalen und republikanischen Theorien vom "schwachen Staat" noch verstärkt. Nahezu ohnmächtige Institutionen im Griff Mafia-ähnlicher Seilschaften können sich nicht wehren. Sie haben, wie der Telekom-Skandal wieder zeigt, längst auch die größeren Parteien unterwandert.

Das Mega-Problem mit einer wolkigen Rückkehr zur Links-Nostalgie lösen zu wollen ist eine eher romantische Sicht.

Konkret links sind die Forderungen, Grundsicherung und Bildungsangebote zu verstärken - angesichts der Summen, die in Gier- und Spekulier-Banken fließen, Schritte zu mehr Gerechtigkeit. Der liberalen Tradition entspräche die Forcierung der "Verantwortungsethik" , wie sie von dem verstorbenen Soziologen Ralf Dahrendorf vertreten wurde.

Sie wäre eine Schranke gegen Gier. Die Korruptionsstaatsanwaltschaft ist ein guter Weg, mehr Befugnisse für die Rechnungshöfe, und rigide Spekulationssteuern wären Gebote der Stunde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.9.2011)

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presumption of innocence
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Die Schüssel bringt das Fass zum Überlauf

Carlos Clementin
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Wenn ich in einem Betrieb schlecht wirtschafte fliege ich raus.
Wenn im Staat schlecht gewirtschaftet wird, gibt man diese "anstrengenden" Bereich freunderln ab, damit die sich auch bereichern können...

Wenn ein Staat beginnt grundlegende resourcen - dazu gehört auch die Fernmelde-Kommunikation - zu privatisieren, dann marschieren wir in Richtung USA ... wobei die USA schon davon "wegmarschiert"..

MAXIMA
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... mir ist es lieber wenn es dem Großteil der Bevölkerung gut geht ...

... und es ein paar gibt die viel mehr haben, als wenn es dem Großteil der Bevölkerung schlecht geht und es ein nur den Politikern sehr gut geht. Lieber eine schlechte Demokratie als einen guten Kommunismus.

karl may aka nestroy aka valentin
01

wie heisst die marktwirtschaft jetzt in den usa: kapitaler kommunismus nach den QE paketen, oder?

tho_mi
01

Irgendwie bezeichnend, dass die ÖVP gerade jetzt wieder mit Privatisierungen kommen will. Als ob ein paar Leute Angst hätten, dass vom Kuchen bald nichts mehr zu holen ist...

lord sinclair
06

konten einfrieren, privatbesitz beschlagnahmen und das ganze im rahmen der arbeitnehmerveranlagung an alle arbeitnehmer ausschütten. re-sozialisierung durch sozialdienste...lebenslang...

exile in mainstream
08

und so hinterlässt schüssel eine gesellschaft in der die angefressenen den angefütterten gegenüberstehen

Pharoah
06
Da ist noch einiges an Gegenwehr von ÖVP-Seite zu erwarten

und die Herren sind offenbar ganz gut aufgestellt.
"Ulmer, Gattringer, Feiner, Rauch, Kloibmüller: Das war Strassers Buberlpartie (...)" S. 18
Und: "Feiner ist nicht nur für die Auftragsvergaben des Innenministeriums zuständig (...).Ihm untersteht auch das BAK-, das Bundesamt für Korruptionsbe-kämpfung. Jene Sonderabteilung also, welche für die Telekom-Ermittlungen zuständig ist." S.19 Beide Zitate Profil. 36, 2011

Das halte ich für so brisant, dass ich es gesondert hervorheben will.

roundabout
00
Tja

wenn nur die Gier nicht eine zutiefst menschliche Eigenschaft wäre. Sie hat's bei den Staatsbetrieben nicht gegeben ?

Ein anständiger, nur mehr im Ausland fleissiger Öst
04
Warum sind Grasser & Co. immer noch nicht in U-Haft?!

Das finde ich die eigentliche Sauerei jedem um Redlichkeit bemühten Bürger gegenüber.

Gerhard Gilnreiner
 
01
SUPER BEITRAG.....

Dazu - ich persönlich glaube, dass es zwei Formen von UNanständigkeit gibt:

(1) Persönliche Bereicherung - gilt häufig als dumm und extra als Sauerei
(2) Füllen der Parteikassen - das gilt meiner Ansicht nach reihum, überall als Kavalliersdelikt. Warum ist den die Offenlegung der Parteifinanzen nicht durchsetzbar??????

Gerhard Kreuzer1
242
Je mehr der Staat in der Wirtschaft mitzureden hat, umso mehr Korruption gibt es.

Es ist ganz eindeutig, dass die beste Strategie gegen Korruption ein Zurückdrängen des Staates, also von Bund wie Ländern ist. Je weniger Unternehmen in Staatshand sind, umso weniger Korruption kann es geben. Je weniger Gesetze der Staat macht, um unser Leben und das der Wirtschaft zu regulieren und reglementieren und einzuschränken, umso weniger Platz haben Lobbyisten, Sozialpartner & Co mit ihren windigen Aktivitäten.

karl may aka nestroy aka valentin
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... sah man vor allem, nachdem unser bläser clinton den glass-stegall-act aufhob um die bürger an der bankenrettung zu beteiligen. sehr nöblich

systemfehler1
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Wie gut Turbo-Kapitalismus funktioniert

merkt man eh an der Finanzkrise: die Verluste wurden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.

Oder ein Beispiel aus der täglichen Praxis: Pharmavertreter und Ärzte.

King of Cowards
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Eine logische Schlußfolgerung

"Wenn ich nicht hinschaue, sehe ich auch keine Korruption."

So ähnlich wie:
"Wo kein Richter, da kein Henker"

Gegen dieses Motto kann man nichts sagen, außer, dass der Staat und die Bürger dadurch sehr schnell verarmen werden.

Tycho Brahe
02
Ihre "Theorie" von immer

weniger staatlicher Regulation endet konsequenterweise nach unten interpoliert in Anarchie, also Korruption-pur auf einem Höchstniveau. Haben Sie jetzt bemerkt, dass Sie sich mit Ihrer These selbst ad absurdum geführt haben?

Mr. Spock (der echte)
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und in der Privatwirtschaft gibts keine Korruption?

Wie naiv muss man sein ...

powidl
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Vollkommen richtig, auch die Privatwirtschaft ist mittlerweile korrumpiert.

Es gibt kaum mehr eine Hausverwaltung, die keine Kickbackzahlungen einstreift bei der Vergabe von Handwerkeraufträgen.

Wienbär
00
Eben nicht

Ein Staatsbetrieb braucht keine Lobby in der Politik. Wohl aber die Privatwirtschaft. Nur mit der entsprechenden "Werbung", dem "Anfüttern" (was für ein ekelerregendes Wort) von Politikern, werden diese Gesetze im Sinne des lobbyierenden Unternehmens goutieren und unterstützen. Ein großes Privatunternehmen hat immer "seine" Politiker, die durch entsprechende "Betreuung" im Sinne dieses Unternehmens bei politischen Entscheidungen agieren werden.

Dass staatsnahe Betriebe gern mit politisch gefärbten Personen im Management besetzt werden, ist auch nicht die beste Art, Unternehmen optimal zu führen. Doch ist es hier gesetzlich leichter und eher zu enttarnen, wenn politisch gefärbte Idioten auf hohe Positionen gehoben werden.

Gerhard Gilnreiner
 
17
Ich halte Ihre Theorie für falsch....

....genommen wurde/wird - bei miesem Charakter und Gier überall z.B:

(1) Schattenwirtschaft in der Sowietunion
(2) Einkäufer von Handelsketten
(3) Einkäufer von Großunternehemen
(4) Parteien, finanziell immer in Nöten
(5) viele kleine Werkmeister die Leistungen bestätigen
(6) Referenten der Finanzämter
(7) usw ohne Ende - wenn nur die Gier groß genug ist und die Angst übersteigt

barbara klaric
08
Die Wirtschaft wäre ein finanzielles Nullsummenspiel, d.h., dass das Geld (universelles Tauschmittel und "Blut des Wirtschaftskreislaufes") nur zirkuliert (den Besitzer wechselt) aber in Summe die Geldmenge konstant bleibt.,.

Wenn da die Banken (wie ein blutsaugenden Parasit) nicht wären.

Diese erzeugen Geld als Gegenleistung für Schuldtitel plus Zinsen. Als Folge davon wachsen die Schulden und die Geldmenge exponentiell, letztere ist aber immer um die Zinsen geringer als die Schulden.

Eine vollständige Rückzahlung ist daher nur möglich, wenn das Volk sein ererbtes Vermögen an die Banken verkauft. Das nennt man dann "Privatisierung" statt Volksenteignung, weil die neuen Eigentümer de facto alle im Besitz von privaten Banken sind.

Auch der "Markt" (die Kreditgeber) besteht nur aus Banken,weil auch diverse Fonds mehrheitlich den Banken gehören.

Der Markt tritt wirklich an die Stelle des Staates weil das gemeinschaftliche Vermögen vom Markt kassiert wird.

karl may aka nestroy aka valentin
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ähmm, kurze zwischenfrage: wo kommen die zinsen her? und aus ist's mit ihrem 0summenspiel.

Nennt mich Loretta
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Geld an sich ist neutral....

D.h. Sie können - theoretisch - soviel Geld erzeugen wie sie wollen, die Summe des im Umlauf befindlichen Geldes wird immer der Summe der Wirtschaftsleistungen entsprechen. anders: Wenn 100 Wurstsemmeln a 10 Euro (;-)) produziert werden (und sonst nix für Geld tauschbar ist), wird der Einzelpreis halt auf 20 Euro steigen, wenn sich die Geldmenge verdoppelt.

Das Problem an der ganzen Geschichte ist mMn, dass die "richtigen Leute" ihr Geld in reales Vermögen umtauschen, während sich die echten Leistungsträger im Hamsterrad abmühen. Sobald das Finanzsystem krachen geht, werden die Karten neu gemischt, doch die Verhältnisse bleiben die alten.

PS: Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, denn es werden REALE Güter erzeugt (und weggezaubert)

Österreichische Verbrecher Partei !
09
Ein super Artikel, sie übersehen nur eines. Korruption und Verbrechen hat nichts mit Parteien und Politik zu tun. Hunderte kleine gemeinderäte machen ihre ordentliche Arbeit !!

Das besondere an diesen zwei Verbrechersyndikaten (schwarz- blau) ist, dass hier neu- und Jungmafiosi, als Verbrecher, in Top Positionen geholt wurden. das war zuvor nur bei Androsch der fall und da haben wir ja Geschichte gelernt. Es geht NICHT NUR um korrupte Politiker, Es geht um mafiöse Netzwerke, die wie die MAFIA die Politik für ihre verbrechen nutzten und jetzt die Politik in Geiselhaft nehmen, damit nichts aufgedeckt wird. WELCHER POLIZIST soll gegen Strasser ermitteln? WELVHER Staatsanwalt gegen Böhmdorfer oder die ÖVP Mafia? alle Führungskräfte und entscheidungsträger wurden von dieser Mafia geakuft, und sei es nur mit gratis Flügen nach Schottland. Hier hilft nur ein brutaler Rundum Befreiungs Scghlag, sonst gute Nacht

CEKA
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mir scheint sie sehen alles etwas einseitig

wer war denn hier stark involviert?
- Intertrading
- Konsum
- Lucona
- Bank Burgenland
- Draken
...

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