Rundschau: Weird Weird West

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coverfoto: ace books

Allen Steele: "Hex"

Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, Ace Books 2011

Zwei Fälle in den letzten Jahren gab's, in denen ich mir sicher war, dass eine populäre US-amerikanische Buchreihe bald zu einer deutschen Ausgabe bei Heyne führen würde: Zum einen Cherie Priests 2009 mit "Boneshaker" begonnene Modernisierung des Steampunk-Genres - die kommt im Winter. Zum anderen Allen Steeles seit den frühen Nuller Jahren laufende "Coyote"-Reihe ... da hat sich bislang allerdings noch nichts getan; von Steele gibt's auf Deutsch nur einige wenige Romane aus den 90ern. Seltsam eigentlich: Mit schon acht Romanen und einer Novelle hat der "Coyote"-Zyklus das Potenzial zu der von Verlagen so geliebten Verkaufserfolgswiederholung (ein gefundenes Fressen also nicht nur für Heyne, sondern auch für Bastei Lübbe), zudem sind Steeles Erzählungen als klassische Space Operas im Gedenken an Arthur C. Clarke, Larry Niven und Robert A. Heinlein angelegt. Und drei "Hugos" hat Steele auch schon auf dem Konto.

"Hex" bietet sich für QuereinsteigerInnen an, weil es auch für den "Coyote"-Zyklus einen Neubeginn bedeutet. Was bisher geschah, spielt für den Roman erstens keine große Rolle und wird zweitens - getarnt als "außerirdisches Dokument" zu Romanbeginn und in einer Timeline vor den Quellenangaben - kurz zusammengefasst. Hier schnell ein Überblick: Coyote ist der Name der ersten und bislang einzigen Kolonialwelt der Menschheit. Von der Erde, auf der eine totalitäre Ideologie die andere abgelöst hat, hat man sich losgesagt und sich mit viel US-amerikanisch anmutendem Pioniergeist der Besiedelung Coyotes gewidmet. Dass Coyote die Menschheit viel besser repräsentiert als die alte Erde, wurde auch quasi-offiziell abgesegnet: Der Talus, ein loser "Club" außerirdischer Zivilisationen, unterhält diplomatische Beziehungen zu Coyote, nicht jedoch zu den als unzuverlässig und gefährlich eingestuften Regimes Europas ... pardon, der Erde. Das Verhältnis der diversen Aliens zu Coyote reicht von Freundschaft bis zu Zurückhaltung - etwas überraschend kommt daher das Angebot just der distanzierten danui, den Menschen eine weitere Welt zur Besiedelung zu überlassen. Coyote hat zwar gerade einmal eine Million EinwohnerInnen, aber Planeten mit den richtigen Lebensbedingungen sind überaus selten, und so greift man das Angebot auf. Zwischen den Zeilen schimmert bereits zu Beginn durch, dass es sich dabei um eine Art Test seitens der Aliens handeln dürfte.

Mit der Leitung der Erkundungsexpedition wird Andromeda Carson beauftragt, eine erfahrene Kommandantin der Handelsmarine von Coyote, die eigentlich schon an ihr Karriereende denkt, nun aber die Mission ihres Lebens antritt. Etwas getrübt durch den Umstand, dass ihr Sohn Sean dem Explorerteam angehört - alte Familienkonflikte schwelen vor sich hin und beschäftigen die ProtagonistInnen mindestens so sehr wie das eigentliche Erkundungsziel. Das hat es allerdings in sich, denn die neue Welt ist kein Planet, sondern Teil einer Dyson-Sphäre, die den Heimatstern der danui (praktischerweise im Abstand von genau einer Astronomischen Einheit, also der Sonne-Erde-Distanz) umgibt. Unter der am Romanende angegebenen Sekundärliteratur ist der Physiker Freeman Dyson entsprechend prominent vertreten. Sein mittlerweile immerhin schon ein halbes Jahrhundert altes Konzept der Dysonsphäre ist hier nicht als durchgängige Schale um einen Stern angelegt, sondern als Verbund aus Billionen Sechsecken; ergo der Spitzname "Hex". Die eigentliche "Fläche" des jeweiligen Hexagons ist leer, dafür bieten seine 1.000 Meilen langen und 100 Meilen dicken "Kanten" jeweils ein vollständiges Habitat und ergeben insgesamt das Biggest Dumb Object Ever. Beziehungsweise ja eigentlich ein "Big Smart Object", wie es in einer selbstironischen Kapitelüberschrift heißt. Und damit man sich das Ganze auch gut vorstellen kann, sind dem Roman einige sehr schöne Schnittzeichnungen des Gesamtobjekts und seiner Einzelbestandteile vorangestellt. Guter Service, das.

Wenn Allen Steeles Werke seinen Fans als die perfekte Space Opera erscheinen, dann liegt dies an einer leicht aufschlüsselbaren Siegerformel: Die beginnt schon mal bei der menschlich gehaltenen Romanlänge, die näher bei Steeles klassischen Vorbildern liegt als bei den All Too Big Dumb Books, die heute den Markt dominieren. Dazu kommen eine geradlinig vorangetriebene Handlung, die auf sprachliche Auffälligkeiten verzichtet (no-nonsense style, wie das so schön heißt), eine Portion Human Drama (vor allem der Mutter-Sohn-Konflikt) und natürlich der allseits begehrte Sense of Wonder. Dabei bewegen sich die ProtagonistInnen auf ihrem Weg durch das Hex zwischen ehrfürchtigem "Boah!"-Staunen und gelegentlichen Anflügen touristischer Borniertheit ... schließlich soll der aufgeklärte Homo galacticus ja auch nicht allzu weit vom Leser der Gegenwart abgehoben sein. Und schließlich vermählt sich der menschliche Entdeckungstrieb mit dem Gefühl, von überlegenen Intelligenzen getestet und bewertet zu werden: Der alte Konflikt zwischen sich geheimnisvoll gebenden Aliens und Menschen, die ungeduldiger sind, als gut für sie wäre. Dass Entscheidungen übers Knie gebrochen werden und zu Missverständnissen zwischen den Spezies führen, ist ein Muster, das Steele bereits in früheren "Coyote"-Romanen angewandt hat.

Kommen wir zu den weniger gelungenen Aspekten: Ein paar Mal hapert's ein wenig mit der Logik - etwa wenn eingangs beschrieben wird, wie der interstellare Verkehr reglementiert wird, um potenzielle Aggressoren daran zu hindern, sich frei zwischen den Sternen zu bewegen. Die Coyote-Menschen finden aus dem Stegreif einen Weg, das System zu umgehen, indem sie eine Idee anwenden, auf die dutzende höher entwickelte Spezies in tausenden Jahren offenbar nicht gekommen sind. Unglücklich auch die Figur des Lieutenant Amerigo Cayce, Seans dauerunfähigem Vorgesetzten, der wirklich immer die falsche Entscheidung trifft und dafür recht kaltherzig die Rechnung präsentiert bekommt. Im Vergleich zu den übrigen ProtagonistInnen ist das eine reeecht simple Darstellung - ein Autor sollte nicht seine eigenen Figuren mobben. Weniger ins Gewicht fallend, aber eine nette unfreiwillige Pointe ist die Illustration eines Hexagons in der Romanmitte, die mit ... acht Ecken erstaunt. Hoffentlich hat Steele keinen Herzinfarkt bekommen, als er sein Druckexemplar ausgepackt hat.

Wenn zuvor die Namen Clarke, Niven & Heinlein gefallen sind, muss man ergänzend noch anmerken, dass Steele diesen zwar nacheifert, aber auch nichts grundlegend Neues hinzufügt. "Hex" hätte Wort für Wort so auch vor 30 oder 40 Jahren geschrieben werden können. Allerdings bleibt der Plot so attraktiv wie eh und je und ist dazu angetan, die LeserInnen in das wahre Goldene Zeitalter der Science Fiction zurückzuversetzen: als sie zwölf waren.

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