Rundschau: Weird Weird West

Ansichtssache | Josefson
10. September 2011, 10:12
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coverfoto: ace books

Allen Steele: "Hex"

Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, Ace Books 2011

Zwei Fälle in den letzten Jahren gab's, in denen ich mir sicher war, dass eine populäre US-amerikanische Buchreihe bald zu einer deutschen Ausgabe bei Heyne führen würde: Zum einen Cherie Priests 2009 mit "Boneshaker" begonnene Modernisierung des Steampunk-Genres - die kommt im Winter. Zum anderen Allen Steeles seit den frühen Nuller Jahren laufende "Coyote"-Reihe ... da hat sich bislang allerdings noch nichts getan; von Steele gibt's auf Deutsch nur einige wenige Romane aus den 90ern. Seltsam eigentlich: Mit schon acht Romanen und einer Novelle hat der "Coyote"-Zyklus das Potenzial zu der von Verlagen so geliebten Verkaufserfolgswiederholung (ein gefundenes Fressen also nicht nur für Heyne, sondern auch für Bastei Lübbe), zudem sind Steeles Erzählungen als klassische Space Operas im Gedenken an Arthur C. Clarke, Larry Niven und Robert A. Heinlein angelegt. Und drei "Hugos" hat Steele auch schon auf dem Konto.

"Hex" bietet sich für QuereinsteigerInnen an, weil es auch für den "Coyote"-Zyklus einen Neubeginn bedeutet. Was bisher geschah, spielt für den Roman erstens keine große Rolle und wird zweitens - getarnt als "außerirdisches Dokument" zu Romanbeginn und in einer Timeline vor den Quellenangaben - kurz zusammengefasst. Hier schnell ein Überblick: Coyote ist der Name der ersten und bislang einzigen Kolonialwelt der Menschheit. Von der Erde, auf der eine totalitäre Ideologie die andere abgelöst hat, hat man sich losgesagt und sich mit viel US-amerikanisch anmutendem Pioniergeist der Besiedelung Coyotes gewidmet. Dass Coyote die Menschheit viel besser repräsentiert als die alte Erde, wurde auch quasi-offiziell abgesegnet: Der Talus, ein loser "Club" außerirdischer Zivilisationen, unterhält diplomatische Beziehungen zu Coyote, nicht jedoch zu den als unzuverlässig und gefährlich eingestuften Regimes Europas ... pardon, der Erde. Das Verhältnis der diversen Aliens zu Coyote reicht von Freundschaft bis zu Zurückhaltung - etwas überraschend kommt daher das Angebot just der distanzierten danui, den Menschen eine weitere Welt zur Besiedelung zu überlassen. Coyote hat zwar gerade einmal eine Million EinwohnerInnen, aber Planeten mit den richtigen Lebensbedingungen sind überaus selten, und so greift man das Angebot auf. Zwischen den Zeilen schimmert bereits zu Beginn durch, dass es sich dabei um eine Art Test seitens der Aliens handeln dürfte.

Mit der Leitung der Erkundungsexpedition wird Andromeda Carson beauftragt, eine erfahrene Kommandantin der Handelsmarine von Coyote, die eigentlich schon an ihr Karriereende denkt, nun aber die Mission ihres Lebens antritt. Etwas getrübt durch den Umstand, dass ihr Sohn Sean dem Explorerteam angehört - alte Familienkonflikte schwelen vor sich hin und beschäftigen die ProtagonistInnen mindestens so sehr wie das eigentliche Erkundungsziel. Das hat es allerdings in sich, denn die neue Welt ist kein Planet, sondern Teil einer Dyson-Sphäre, die den Heimatstern der danui (praktischerweise im Abstand von genau einer Astronomischen Einheit, also der Sonne-Erde-Distanz) umgibt. Unter der am Romanende angegebenen Sekundärliteratur ist der Physiker Freeman Dyson entsprechend prominent vertreten. Sein mittlerweile immerhin schon ein halbes Jahrhundert altes Konzept der Dysonsphäre ist hier nicht als durchgängige Schale um einen Stern angelegt, sondern als Verbund aus Billionen Sechsecken; ergo der Spitzname "Hex". Die eigentliche "Fläche" des jeweiligen Hexagons ist leer, dafür bieten seine 1.000 Meilen langen und 100 Meilen dicken "Kanten" jeweils ein vollständiges Habitat und ergeben insgesamt das Biggest Dumb Object Ever. Beziehungsweise ja eigentlich ein "Big Smart Object", wie es in einer selbstironischen Kapitelüberschrift heißt. Und damit man sich das Ganze auch gut vorstellen kann, sind dem Roman einige sehr schöne Schnittzeichnungen des Gesamtobjekts und seiner Einzelbestandteile vorangestellt. Guter Service, das.

Wenn Allen Steeles Werke seinen Fans als die perfekte Space Opera erscheinen, dann liegt dies an einer leicht aufschlüsselbaren Siegerformel: Die beginnt schon mal bei der menschlich gehaltenen Romanlänge, die näher bei Steeles klassischen Vorbildern liegt als bei den All Too Big Dumb Books, die heute den Markt dominieren. Dazu kommen eine geradlinig vorangetriebene Handlung, die auf sprachliche Auffälligkeiten verzichtet (no-nonsense style, wie das so schön heißt), eine Portion Human Drama (vor allem der Mutter-Sohn-Konflikt) und natürlich der allseits begehrte Sense of Wonder. Dabei bewegen sich die ProtagonistInnen auf ihrem Weg durch das Hex zwischen ehrfürchtigem "Boah!"-Staunen und gelegentlichen Anflügen touristischer Borniertheit ... schließlich soll der aufgeklärte Homo galacticus ja auch nicht allzu weit vom Leser der Gegenwart abgehoben sein. Und schließlich vermählt sich der menschliche Entdeckungstrieb mit dem Gefühl, von überlegenen Intelligenzen getestet und bewertet zu werden: Der alte Konflikt zwischen sich geheimnisvoll gebenden Aliens und Menschen, die ungeduldiger sind, als gut für sie wäre. Dass Entscheidungen übers Knie gebrochen werden und zu Missverständnissen zwischen den Spezies führen, ist ein Muster, das Steele bereits in früheren "Coyote"-Romanen angewandt hat.

Kommen wir zu den weniger gelungenen Aspekten: Ein paar Mal hapert's ein wenig mit der Logik - etwa wenn eingangs beschrieben wird, wie der interstellare Verkehr reglementiert wird, um potenzielle Aggressoren daran zu hindern, sich frei zwischen den Sternen zu bewegen. Die Coyote-Menschen finden aus dem Stegreif einen Weg, das System zu umgehen, indem sie eine Idee anwenden, auf die dutzende höher entwickelte Spezies in tausenden Jahren offenbar nicht gekommen sind. Unglücklich auch die Figur des Lieutenant Amerigo Cayce, Seans dauerunfähigem Vorgesetzten, der wirklich immer die falsche Entscheidung trifft und dafür recht kaltherzig die Rechnung präsentiert bekommt. Im Vergleich zu den übrigen ProtagonistInnen ist das eine reeecht simple Darstellung - ein Autor sollte nicht seine eigenen Figuren mobben. Weniger ins Gewicht fallend, aber eine nette unfreiwillige Pointe ist die Illustration eines Hexagons in der Romanmitte, die mit ... acht Ecken erstaunt. Hoffentlich hat Steele keinen Herzinfarkt bekommen, als er sein Druckexemplar ausgepackt hat.

Wenn zuvor die Namen Clarke, Niven & Heinlein gefallen sind, muss man ergänzend noch anmerken, dass Steele diesen zwar nacheifert, aber auch nichts grundlegend Neues hinzufügt. "Hex" hätte Wort für Wort so auch vor 30 oder 40 Jahren geschrieben werden können. Allerdings bleibt der Plot so attraktiv wie eh und je und ist dazu angetan, die LeserInnen in das wahre Goldene Zeitalter der Science Fiction zurückzuversetzen: als sie zwölf waren.

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Also, zum Preis der Sterne:

Das ist ein unerträglicher Schmus! Ich habe schon vor vielen Jahren das Prequel der Romanserie gelesen. In der schriftstellerischen Chronologie der 6. Band. Das ging grad irgendwie noch.
Aber der erste Band ist grottenschlecht. Das einzig witzige daran ist daß Bekas Sternenyacht "Warhammer" heißt.

kann man mir bitte 2 neuere scifibücher empfehlen die ich lesen sollte? danke

Neal Asher

ist Action pur, die gesamte Polity-Reihe (weiß leider nicht, wie das auf Deutsch heißt) ist echt toll

Auf Deutsch sind es die "Polis"-Romane, und ja: Sie haben vollkommen recht. Mir fällt momentan außer Asher kein SF-Autor ein, der ähnlich actiongeladen schreibt.

John Scalzi

Als ich kringel mich grad mit dem neuen John Scalzi "Der Wilde Planet". Sehr witzig, vor allem - aber nicht nur - wenn man auf Katzen und Hunde steht...

So viel gute neuere SciFi gibts leider nicht!

Probieren Sie es mal mit R. M. Meluch "The Myriad".
Dann vielleicht Sean McMullen mit "The miocene Arrow".
Oder vielleicht "The fifth Quadrant von C.J. Ryan mit einer swashbuckelnden Heldin.

Lieber Christoph Karl Steininger,

"The Miocene Arrow" von Sean McMullen ist das zweite Buch eines Zyklus.

"The Fifth Quadrant" von C. J. Ryan das dritte eines Zyklus.

Macht das Probleme oder kommt man trotzdem zurecht?

Beim Arrow ohne Zweifel!

Zyklen sind ja so eine Sache. Manchmal kommt man damit nicht zurecht.
Das Bedauerliche ist nur daß man als Leser von SciFi in ihrer Ausformung als SpaceOpera eigentlich kaum noch Auswahl hat.
Miocene Arrow gehört eindeutig nicht dazu, ist aber so in die Zukunft verlegt daß es wenig ausmacht.
Ach wo sind doch die Tage meiner Jugend hingeschwunden da es noch Wunder und Aufregung gab. So wie zum Beispiel bei dem Exordium Zyklus von Sherwood Smith und Dave Trowbridge. Der Erstling hieß "Phoenix in Flight" gefolgt von "Ruler of nought" dann "A Prison unsought" und dann "Rifters Covenenant".
Es war wie bei George Raymond Richard Martin und seinem Zyklus. Manche könne kein End finden!

Ich gebe Ihnen vollkommen recht. Man hat manchmal wirklich Sehnucht nach diesem Sense-of-Wonder-Gefühlen- bzw.Handlungen, die so wirklich fesseln.
Ich empfand allerdings vor etlichen Jahren beim Lesen von Iain Banks' "Consider Phlebas" oder Hamilton's "The Night's Dawn Trilogy" noch immer so etwas in diese Richtung gehendes. Eine faszinierende Wirkung auf mich hatten auch die "Hyperion Cantos" Romane von Dan Simmons. Man kann schon noch als Erwachsener eintauchen, aber das intensive Wow-Erlebnis der Jugend bleibt (fast) nur Erinnerung.

Zyklen: Gibt 's wirklich gute, aber sie haben völlig recht, viele finden kein End und man wartet auf den großen Plot, aber der "kummt net, kummt net ..."

Lieber Benutzer,
hast' schon recht,
einerseits:
"Ma' steht in da Költ'n und woart..."
;-)
andrerseits:
'Hyperion' fand ich genial, hat ein bisschen an "Chaucer" erinnert.
'Bedenke Phlebas' ist ebenfalls großartig (ich hab' jetzt die Hälfte meines postings wieder gelöscht, weil ich nicht Gefahr laufen wollte zu spoilern)
Hamilton ist mir bisher unbekannt? Kannst Du mehr erzählen ohne all zu viel zu verraten?

Gerne! Hamilton Peter F.: The Night's Dawn Trilogy (Deutsch: Armageddon-Zyklus): Tausende Seiten pralle, opulente Space-Opera eines britischen Autors, der einen sehr plastischen, griffigen Stil hat,

angenehm zu lesen und bei aller epischen Breite der Handlung dennoch immer spannend. Die Handlung spielt etwa 600 Jahre in der Zukunft in einem sehr gut durchkonstruierten Universum. Es gibt zwei Ausformungen der Menschheit: Die eine ist eher herkömmlich technisch orientiert, die andere nützt Dinge wie etwa die Symbiose mit exotischen Lebensformen, die ihr als Raumschiffe dienen. Sehr grob vereinfacht 2 Handlungsebenen. Ein Protagonist entdeckt ein Artefakt einer untergegangenen Rasse, das Rätsel aufgibt. Und: auf einem Hinterwäldler-Planeten passieren Dinge, die letztendlich das physikalische Weltbild erschüttern . Vermeintliche Metaphysik erscheint gar nicht mehr so "Meta".
"Nona": natürlich gibt 's da Zusammenhänge.

Lesenswert!

Cool; Danke!
Irgendwie, musste ich jetzt an 'Bruce Sterling's "Schismatrix" denken. Ich weiß auch nicht wieso...

Übrigens, ich habe Deinen Rat befolgt und "Aurora" von A. Reynolds gelesen: sehr gut!

Vonn Reynolds kann man sowieso alles lesen - bis auf den neuesten, der hat geschwächelt. Er soll lieber wieder SF schreiben, das kann er am besten.
Ansonsten wäre Andreas Brandhorst mit seinem Metamorph und Feuerzyklus - falls noch nicht bekannt - empfehlenswert.

Wegen "Aurora": Das freut mich! Ist übrigens einer der spannendsten im Revelation-Space-Zyklus. Die Figur des Tom Dreyfus wirkt auch sehr plastisch.
Übrigens: Lass dir Reynolds' Kurzgenschichtensammlungen aus dem Zyklus nicht entgehen. Da sind wirklich Schmankerln darunter.

"Ewigkeit" (Originaltitel: Century Rain) ist für Fans dieses Autors auch Pflicht. Der Roman schreit laut nach einem Nachfolgeband. Mal schauen ob Reynolds sein Baby hört ...

Jaa!
Und vor allem, dass er "Dreyfus" heißt, hat mich sehr amüsiert.

Auf meinem Nachtkastl liegt übrigens wieder einmal ein 'Larrry Niven'; ich geb' ihm noch mal 'ne Chance...

Lieber Trurl, Niven ist meiner bescheidenen Meinung nach schwer in Ordnung, ich mag ihn! Nur: Es gibt Burenhäutl und es gibt Chateaubriand. Beides gut! Niven ist eher - metaphorisch gesehen - Ersteres. Autoren wie z.B. Simmons, Baxter, Reynolds, Banks Letzteres ...

Also wenn wir schon beim Chateaubriand sind,

dann empfehle ich den uralten Bordeaux dazu: Edmond Hamilton: The Chronicle of The Star Kings. Mein Exemplar erschien bei Arrow.

Nur mal eines (Sorry): Iain Banks: Surface Detail

Bitteschön:
The Windup Girl - Paolo Bacigalupi
Harmony - Project Itoh

"hint! hint!"

Schon ziemlich bl*d!

Ich weiß nicht ob wer schon mal die Frage gestellt hat,wieso gibt es von Österreichischer Seite keine SciFi
und Fantasyautoren,ist das unter deren Niveau?

oh warte nur

in ein paar jahren werden ich und ein freund ganz groß rauskommen mit high fantasy romanen!

Fantasy hat in der Wissenschaftsabteilung ncihts zu suchen.

...die gehört in den Wirtschaftsteil.

Ich fand diese beiden Romane sehr gelungen, wenn nicht gar eines der besten "World Buildings" der letzten Jahre:

http://derstandard.at/125069169... deNumber=9

http://derstandard.at/125069169... deNumber=9

Der Autor ist aus Wien...

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