Zweite Android-Generation glänzt mit starker Hardware, durchdachten Medienangeboten und exklusiven Features
Der erste Schwung von Tablets mit Googles Betriebssystem Android ging summa summarum ins Leere. Zu klobig, zu langsam, eine unausgereifte Bedienung und ein vergleichsweise schwaches App-Angebot ließen Motorola Xoom und Co. gegenüber Apples jüngstem iPad 2 alt aussehen.
Auf der IFA 2011 zeichnete sich ein verändertes Bild. Die Hersteller sind in sich gegangen und versuchten ihre Stärken herauszuarbeiten. Mit Erfolg: Die zweite Generation an Android-Tablets erweist sich mit fortschrittlicher Hardware und exklusiven Features als deutlich stärker konkurrenzfähig.
Pures Android
Die Entwickler von Toshiba haben sich auf Purismus besonnen. Das AT200 ist das dünnste 10,1-Zoll-Tablet am Markt, wiegt mit zeitlosem, edlem Alu-Chassis nur 558 Gramm und setzt auf Android 3.2 in Reinkultur. Keine eigene Interface-Schicht wurde drübergelegt, keine Software-Anpassungen bedrohen den Google-eigenen Aktualisierungszyklus. Unter der Haube arbeitet ein TI OMAP 4430-Prozessor mit 1,2 GHz und die Speicherausstattung bis 64 GB ist per microSD-Karten ausbaubar. WiFi (b/g/n) und Bluetooth dienen zur kabellosen Kommunikation, micro-USB und micro-HDMI sorgen für die Eingabe und Ausgabe von Inhalten.
In der Hand wirkt das AT200 sehr hochwertig und liegt ob des geringen Gewichts angenehm in der Hand. Das Display löst mit 1280 x 800 Pixel nicht nur hoch auf, sondern erfreut auch mit einem breiten Betrachtungswinkel und schönen Farben und Kontrasten. Der Touchscreen spricht gut an, die Bedienung ist flott. Hin und wieder hakt es, was laut Toshiba aber angeblich an dem ausgestellten Vorserienmodell liege. Die große Frage ist, was Toshiba sich den Drang zur Fertigungsperfektion kosten lassen wird. Erscheinen soll das AT200 noch im Dezember.
Mit OLED und Stift
Samsung baut auf dem Ersterfolg mit dem Galaxy Tab auf und setzt die Tablet-Serie mit einem 7,7 Zoll großen Gerät und einem Smartphone-Tablet-Mischling mit 5,5 Zoll und Stifteingabe fort.
Das Galaxy Tab 7.7 ist eine konsequente Weiterentwicklung des Ur-Tabs und zeichnet sich durch einen flotten Zweikernprozessor mit 1,4 GHz sowie ein farbstarkes OLED-Display mit 1280x800 Bildpunkten aus. Der bis zu 64 GB große interne Speicher lässt sich durch microSD-Karten erweitern. Zwei Kameras (3 MP und 2 MP) sorgen auch dank LED-Blitz für passable Bilder und Videochats. GPS, WiFi, Bluetooth und USB gehören zur Standardausstattung. Auffallend ist das geringe Gewicht mit 335 Gramm womit sich das Tablet gut als Taschenbuch eignet - schlicht und schlank ist das Design. Samsung typisch wird über Android 3.2 die Touchwiz-Oberfläche gelegt. Damit hebt man sich zwar von der Masse optisch ab, die Handhabung profitiert jedoch nicht unbedingt davon. Der Updatezyklus des Betriebssystems wird - wenn man den Vorgänger als Referenz nimmt - in die Länge gezogen. Erscheinen soll das Tab 7.7 im Herbst.
Notizbuch
Eine Lücke zwischen Tablet und Smartphone will Samsung mit dem Galaxy Note stopfen. Wer hier keine Lücke sieht, kann das 5,3-Zoll-Gerät auch als übergroßes Smartphone betrachten. Mit Android 2.3 Gingerbread und Touchwiz-Oberfläche soll es die Funktionen eines Mobiltelefons mit dem Anwendungskomfort eines Tablets vereinen. Ein scharfer OLED-Screen (1280x800px), ein schneller Dualcore-Prozessor mit 1,4 GHz, bis zu 32 GB, eine 8 MP und eine 2 MP Kamera, GPS, 3G, WiFi sowie USB wurden in das 9,65 mm dünne Gehäuse gepackt. Wie bei allen Galaxys is die Formatunterstützung für Audio und Video breit. Das besondere ist die optionale Eingabe per Stift. Samsung hofft, dass damit all jene Angesprochen werden, die ihren digitalen Begleiter als Notizbuch nutzen wollen. Wie sehr diese Feature nachgefragt wird, muss sich noch zeigen. Unterdessen haben sich auch Multitouchscreens für die Fingereingabe als zeichentauglich erwiesen. Die Größe des Note verbannt es aus der Hosentasche in eine Jackentasche oder Handtasche. Zumindest physisch gibt es also reichlich Lücken zu füllen. Der Preis ist noch offen, die Verfügbarkeit wird mit Herbst angegeben.
Alles aus einer Hand
Spät in den Markt eingestiegen, will Sony bei seinen Tablet-Modellen seine mediale Stärke bündeln. Das Tablet S gibt sich mit 10,1 Zoll als direkter iPad-Rivale im eigenwilligen Design. Das Tablet P ist mit zwei zusammenspielenden 5,5-Zoll-Screens ausgestattet und für den Transport in der Jackentasche zusammenklappbar. Beide Geräte setzen auf die Tegra 2-Plattform von Nvidia und Android 3.2. Die unmittelbare Updatefähigkeit soll gegeben sein, da keine größere Desiganpassung vorgenommen wurde. Den wesentlichen Unterschied sollen exklusive inkludierte Dienste des Unternehmens ausmachen. Das beginnt bei einem eigenen Medienbrowser, geht über die Integration der Streaming-Dienste Music und Video Unlimited, eine Service, der die "besten" Apps des Android Market vorselektiert und geht bis zur Unterstützung von PlayStation-zertifizierten Spielen und der dafür typischen (virtuellen) Steuerung. Zusätzlich hat man in den Webbrowser eine Funktion integriert, durch die Webseiten rascher angezeigt werden. Dieses Quick View sorgt dafür, dass einfache Inhalte wie Texte zuerst geladen und damit schon vor dem vollständigen Aufbau verfügbar sind. Ein weiteres Sony-eigenes Feature ist die "Throw-Funktion", die über WiFi eine Ausgabe von Medien auf externen Bildschirmen oder Anlagen ermöglicht. Ein weiteres Beispiel ist die "Remote Media App" womit die Tablets dank Infrarot-Integration zur Universalfernbedienung werden.
Design-Schwächen
Im ersten Hands on gefiel das "alles aus einer Hand"-Konzept. Hierbei stimmen die Tablets optimistisch, dass Sony in Zukunft bei allen seinen Produkten von den Früchten der hauseigenen Mediensparten Gebrauch macht - und etwa wie bei den Tablets Spiele ins Paket einschnürt. Auf der anderen Seite wird sich zeigen müssen, wie die Kunden die Designkonzepte der Sony-Tablets aufnehmen. Vollplastik in Zeiten der hochwertigen Alu-Konkurrenz überzeugt auf den ersten Blick nicht. Dafür stimmt der Preis: Ab 479 Euro ist das "S" ab September zu haben. Das Nischen-Modell "P" ist gut 100 Euro teuer und folgt Anfang 2012.
Günstig
Als Schnäppchen unter den Luxusprodukten will sich Lenovos IdeaPad A1 platzieren. Neben dem Top-Modell ThinkPad soll es bei einem Startpreis von 199 US-Dollar das Einstiegssegment abdecken. Dafür müssen Kunden einige Einsparungen in Kauf nehmen: So verbaut der chinesische Hersteller etwa nur einen Einkernprozessor mit 1 GHz während die Konkurrenten mit flotten Zweikern-CPUs laufen. Das Display misst 7 Zoll, löst im Vergleich zum Galaxy Tab 7.7 allerdings geringer mit 1024x600 Bildpunkten auf. In der Grundausstattung fasst der Speicher lediglich 8 GB - der Aufpreis auf 16 GB beträgt 40 Dollar, bei 32 GB sind es 90 USD mehr. Die Ausstattung zeugt dennoch nicht von Geiz: Zwei Kameras, WLAN, Bluetooth, GPS und micro-USB und microSD-Kartenslot sind Standard. Finaler Dämpfer: Als Betriebssystem kommt das nicht für Tablets optimierte Android 2.3 zum Einsatz. Im Kurztest überraschte das kleine IdeaPad mit der robusten Hülle. Insgesamt machten sich die Einsparung aber nicht nur im niedrigen Preis bemerkbar. Die Bedienung könnte flüssiger sein und das Display Bilder schöner darstellen. Der Tablet-Einstieg ist bei 199 Dollar dennoch leicht gemacht.
Ausblick
Ob für Puristen, Medienliebhaber, Vielreisende oder Sparfüchse: Die zweite Generation an Android-Tablets liefert bis zum Ende des Jahres einige gute Gründe, weshalb man zum Weihnachtsgeschäft von Apples iPad absehen könnte. "Könnte" und nicht "sollte" deshalb, weil Googles Android-Plattform trotz seiner funktionellen Vorzüge nach wie vor den Feinschliff eines iOS vermissen lässt. Hier ist zu hoffen, dass Google mit dem ebenfalls für die nächsten Monate erwarteten Update nachzieht. Die Hardware-Hersteller haben jedenfalls bereits auf den grünen Weg gefunden.
Auf der IFA noch nicht zu sehen, aber mit großer Spannung erwartet ist auch Amazons Antwort auf das Apple-Tablet. Wie Insider munkeln, dürfte der Online-Händler massiv an der Preisschraube drehen und mit Android-Geräten nach dem eBook-Reader "Kindle" eine weitere Vertriebsplattform für seine Download-Angebote schaffen. (Zsolt Wilhelm aus Berlin, derStandard.at, 3.9.2011)