In "Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris" erzählt Jan Schmitt die unfassbare Geschichte seiner sexuell missbrauchten Mutter - 3sat-Themenwoche ab Sonntag
STANDARD: "Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris" lief 2009 in den Kinos. Was hat sich seither verändert?
Schmitt: Am Anfang war der Film seiner Zeit voraus. Der Sturm der Entrüstung brach mit dem 28. Jänner 2010 aus, als am Berliner Canisius-Kolleg Missbrauchsfälle öffentlich wurden. Das brachte eine Lawine ins Rollen. Das große Schweigen wurde gebrochen.
STANDARD: Glauben Sie, dass Ihr Film zu stärkerem Bewusstsein beigetragen hat?
Schmitt: Ich glaube schon, dass der Film einen Impuls gab. Es gab viele Leute, die im Kino den Film sahen und mir anschließend sagten: Mir ist es ebenso ergangen. Sie trauten sich, etwas öffentlich zu machen. Umgekehrt setzt man sich unverändert ungern mit den Folgen sexueller Gewalt auseinander. Ich denke, dass man nach wie vor das Thema schnell vom Tisch haben will. Man zahlt den Leuten eine Entschädigung, und dann soll möglichst wieder Ruhe einkehren.
STANDARD: Ist die Justiz machtlos?
Schmitt: Die Justiz ist tätig, das Problem ist die Verjährungsfrist. Die Täter können sich dadurch sicher fühlen. Sie werden nicht greifbar für die Justiz und müssen nicht dafür einstehen, was sie getan haben. Wenn ein Betroffener sich rührt, muss er womöglich mit einer Verleumdungsklage rechnen. Opfer haben lebenslang mit solchen Vorfällen zu kämpfen, psychisch und körperlich. Mein Eindruck ist, dass die Opfer auch Jahre danach nicht wieder auf die Beine kommen und alle den Tod in sich tragen.
STANDARD: Wie haben Ihre Angehörigen reagiert?
Schmitt: Die Familie mütterlicherseits hat sich von mir abgewendet. Das spiegelt das Motiv wider, wie mit Opfern umgegangen wird. Sie werden kaltgestellt, aus der Familie rausgebissen. Die Vorfälle waren der Familie hinlänglich bekannt. Dennoch wird jetzt wieder der Deckel darauf gesetzt, während die Familie väterlicherseits mir zur Seite steht.
STANDARD: Es gab Vorwürfe, Sie hätten mit den detailreichen Schilderungen die Persönlichkeitsrechte Ihrer Mutter posthum verletzt.
Schmitt: Ich sehe das anders. Als ich nach ihrem Tod in das Haus meiner Mutter gefahren bin, fand ich Tagebücher, die sie sorgfältig sortiert und mit Fotos, einem Gedicht, einem Abschiedsbrief offen ausgebreitet hat. Das war für mich wie ein Vermächtnis. Es sagte: Schau dir das bitte an. Ich fühlte mich aufgefordert und wollte wissen, was dahinter steckt. Mich motivierte zusätzlich , dass keiner in der Familie je darüber gesprochen hatte. Niemand von ihnen fragte, warum sie sich das Leben nahm. In mir entstanden Bilder, die erzählt werden mussten. Als ich die gesellschaftliche Dimension des Problems erkannte, war endgültig klar, dass ich daraus einen Film machen musste.
STANDARD: Hätte Ihre Mutter gewollt, dass Sie ihre Geschichte öffentlich machen?
Schmitt: Ich glaube schon. Sie war lange Zeit in Therapie und probierte alle möglichen Sachen, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie hatte dennoch immer wieder den Wunsch, sich selbst zu töten. Sie erschuf sich eine poetische Gegenwelt, der sie die Brutalität des Alltags entgegenstellte.
STANDARD: Gab es Feedback von Leuten, die sagten: Ich bin gegenwärtig betroffen?
Schmitt: Die Fälle, die sich nach oben spülen, passierten vor vielen Jahren. Dennoch ist es falsch, wenn der Eindruck erweckt wird, das seien alte, schlechte Dinge, und das sei kein aktuelles Problem. Ganz im Gegenteil. Wenn Kinder von sexueller Gewalt erzählen, wird das abgetan. Das war in den 50er-Jahren nicht anders als heute. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 3./4.9.2011)
Jan Schmitt (43) arbeitet an zwei weiteren Filmen über sexuellen Missbrauch. Schmitt studierte Politikwissenschaft, arbeitete beim Hörfunk und ist seit 2001 ZDF-Redakteur im aktuellen Dienst.
Das Programm auf 3sat im Überblick
Mit Jan Schmitts Film "Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris" startet 3sat am Sonntag um 21.45 Uhr die Themenwoche Anklage Missbrauch.
Um 23.05 Uhr folgt "Der Dämon in mir - The Woodman": Kevin Bacon als sexueller Belästiger.
Am Dienstag fasst die Doku "Und wir sind nicht die Einzigen" (20.15) die jahrelangen Übergriffe in der deutschen Odenwaldschule zusammen.
Um 0.30 folgen in "Zuletzt befreit mich doch der Tod" Porträts von Menschen, die als Kinder missbraucht wurden.
Im Anschluss erzählen in "Laut und deutlich" fünf Frauen und ein Mann über ihr Leben heute, viele Jahre nachdem sie sexuell missbraucht wurden.
"Holy Watergate" (Mittwoch, 21.00) zeigt Missbrauch der katholischen Kirche in den USA. Die schleichende Entwicklung sexueller Annäherung an einen Jugendlichen ist danach Thema des belgische Spielfilms "Privatunterricht" (22.55).
Am Donnerstag erzählt die Doku "Die Heimkinder - Geschlagen und vergessen?" von einem Mann, der zwölf Jahre lang in verschiedenen Heimen missbraucht wurde. Um 21.00 Uhr diskutieren Experten in "scobel - System Missbrauch". Im Sozialdrama "Mysterious Skin - Unter die Haut" geht es um 23.10 Uhr um Verdrängung der Missbrauchserfahrung eines jungen Mannes.
"Tatort Familie" begibt sich um 20.15 Uhr anhand von drei Fällen auf die Suche nach den Ursachen häuslicher Gewalt. Im Durchschnitt wird fast jeden Tag eine Frau in Deutschland von ihrem aktuellen oder früheren Partner getötet.
Das Stück "Die Beichte" von Felix Mitterer steht um 20.15 Uhr auf dem Programm. Mitterers Hörspiel behandelt die beinharte Abrechnung eines Mannes mit einem Priester, der ihn einst sexuell missbraucht hat, und mit seiner eigenen Schuld. Mit Gabriel Barylli und Ernst Stankovski. (prie/red)
Link zur 3sat-Themenseite
Details zum Programm