Grüne orten signifikantes Gefälle zwischen Kindergarten und Volksschule bei Nachmittagsbetreuung
Wien - Die Grünen rüffeln Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) wegen ihrer Pläne für die Nachmittagsbetreuung in Schulen. Ab dem Eintritt in die Volksschule seien die Betreuungsplätze akute
Mangelware, sagt Grünen-Bildungssprecher Harald Walser. Er möchte zwar nicht kleinreden, dass Schmied die Betreuung ausbauen will, vermisst aber ein pädagogisches Umdenken der Ministerin.
Auch Grünen-Familiensprecherin Daniela Musiol meint: "Kinderbetreuung
darf
nicht mit dem Kindergarten enden. Auch Volksschüler brauchen ein
Mittagessen, Betreuung und Hilfe bei den Hausaufgaben." Die Qualität der
Betreuung müsse durch gut ausgebildete Pädagogen und Erzieher
sichergestellt werden. Neue Freizeitpädagogen, die in nur zwei
Semestern zu Aufpassern ausgebildet werden, würden nicht genügen.
Ganztagsschule: Normalität statt Stigma
Hier sieht auch Walser den entscheidenden Punkt: "Was Schmied ankündigt, geht in die falsche Richtung, weil die Nachmittage in der Schule ausschließlich Betreuungscharakter bekommen sollen", sagt er zu derStandard.at. Walser will vielmehr echte ganztägige Schulen "mit verschränktem Unterricht". Denn: "So wie es Schmied plant, schaut die Nachmittagsbetreuung wie eine Bestrafung für die Kinder aus. Begüterte Kinder dürfen nach Hause, die anderen müssen bleiben. Das führt zu einer Stigmatisierung der Kinder."
Schmied hat am Freitag ihre Pläne wiederholt, die Nachmittagsbetreuung für
Schulkinder auszubauen. Bis 2015 soll es an jeder zweiten Schule
ein solches Angebot geben und die derzeitige Anzahl von 105.000
Betreuungsplätzen auf auf 210.000 - inklusive Hortplätze - verdoppelt
werden. Die Bundesregierung stellt dafür bis 2014 jedes Jahr 80
Millionen Euro zur Verfügung. Walser findet die Pläne aber finanziell und pädagogisch ungenügend.
Generell orten die Grünen ein starkes Gefälle zwischen Kindergarten und Volksschule. 2010 besuchten fast alle österreichischen Fünfjährigen einen Kindergarten, die Betreuungsquote liegt bei den Drei- bis Fünfjährigen bei 91 Prozent. Das ändere sich ab der Volksschule, sagt Walser: Nur 15.000 der 83.000 Erstklassler in Österreich hätten einen Platz in einem Hort. Nur rund 16 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen verbrächten ihre Nachmittage in einer Betreuungseinrichtung.
Grüne fordern Verhandlungen von Schmied
Auf die Frage von derStandard.at, ob so viele Eltern ihre Kinder am Nachmittag überhaupt in der Schule sehen wollen, sagt Walser: "So wie es derzeit läuft, ist die Nachfrage noch nicht dort, wo sie sein müsste. Wir wollen eine echte Ganztagsschule. Nur dort findet ein kindgerechter Tagesablauf mit
Lern- und Erholungsphasen statt." Mit einem sinnvollen pädagogischen Konzept würde die Ganztagsschule viel mehr Anklang bei den Eltern finden. Walser sagt außerdem, Schmied laufe die Zeit davon. "Sie muss jetzt zusätzliche Mittel für ganztägige Schulen
beim Finanzministerium ausverhandeln. Sonst ist das Budget bis weit in
die nächste Legislaturperiode festgeschrieben." (kap, derStandard.at, 5.9.2011)