Wie man zu neuen Erkenntnissen kommt

2. September 2011, 17:37
  • Artikelbild
    vergrößern 600x399
    foto: festival venedig

    Eine preiswürdige Performance: Keira Knightley als Sabina Spielrein.

Bemerkenswerte Premieren von David Cronenberg und Michael Glawogger beim Filmfestival am Lido

Eine erste Einstellung verrät viel über die Sicherheit eines Regisseurs. David Cronenberg beginnt seinen neuen Film A Dangerous Method in diesem Sinn souverän: Eine Kutsche in rasender Fahrt, darin eine Frau, Arme und Hände verkrampft, die Gesichtsmuskeln arg verzerrt. Sabina Spielrein (mit großem Einsatz: Keira Knightley) ist - im äußersten Zustand der Hysterie - auf dem Weg in die Psychiatrie. Ohne Umschweife wird man also in dieses "period piece" katapultiert, mit dem zentralen Krankheitssymptom konfrontiert. Von da an wird es kompliziert. 1904 sind die Methoden der Psychoanalyse noch jung.

Cronenbergs Wettbewerbsbeitrag wurde auf der Mostra mit großer Vorfreude erwartet, und er hat nicht enttäuscht. Es ist ein hochkonzentrierter Film über den Psychoanalytiker Carl Jung (Michael Fassbender) geworden, dessen zentrale Konflikte über ein intellektuelles Dreiecksverhältnis arrangiert sind.

Geschickt changiert Christopher Hamptons Drehbuch zwischen privaten und professionellen Herausforderungen, bis die Grenzen immer mehr verschwimmen. Der Fall Spielrein wird für Jung zur doppelten Prüfung, weil er an ihm seine Methoden schärft, Erkenntnisse gewinnt - der jungen Frau, die selbst Ärztin werden will, allerdings auch zunehmend verfällt. Dritter im Bunde ist Sigmund Freud (Viggo Mortensen), Jungs bewunderter Lehrmeister in Wien, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Von Anfang trägt sie aber auch den Keim des Konfliktes in sich: Man wird sich übers Ziel der wechselseitigen Anstrengungen nicht einig.

Cronenbergs Sicht der Geschichte trübt kein Staubkorn, er dringt zu einer Art Essenz des Genres vor, arbeitet mit präzisen, verknappten Szenen, in denen das Verhältnis zwischen Forschung und Existenz, Arzt und Patient sowie Lehrer und Schüler in Bewegung gerät. Was man hier in großer Komplexität - und ohne Verzicht auf Dramatik - zu sehen bekommt, ist das faszinierende Bild einer Gruppe, die energisch neues Terrain beschritten hat, aber nicht alle Freiheiten des Geistes gleichermaßen zu leben verstand.

Einschränkungen ganz anderer Art stehen im Mittelpunkt von Michael Glawoggers jüngstem Dokumentarfilm Whores' Glory, der kommende Woche auch in Österreich anläuft und der der Prostitution in Thailand, Bangladesch und Mexiko nachgeht: ein Triptychon, das kulturelle, religiöse Unterschiede erfasst. Das Ergebnis ist eine ausgesprochen reife Arbeit, der man die lange Beschäftigung mit dem Gegenstand positiv anmerkt. Der Arbeitsalltag der Frauen wird nüchtern protokolliert, ohne auf Diskretion zu vergessen. Tatsächlich scheint es gerade die Unaufgeregtheit, die Gelassenheit des Films gegenüber den Protagonistinnen zu sein, die ihnen eine eigene Form von Würde verleiht.

Die Erweiterung des Blicks liegt dennoch nicht nur in der Perspektive: Man muss die Düsternis und Enge des Rotlichtviertels von Bangladesch gesehen haben, um eine Vorstellung von einem zeitgenössischen Arbeitsghetto zu kriegen.  (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Printausgabe, 3./4. 9. 2011)

Kommentar posten
10 Postings
Lord Jim
00

"Ich habe mich in meinem Verständnis von Kino verändert. Früher habe ich versucht zu erkunden, was Kino ist. Heute gebe ich dem Film, was er braucht."
dieses zitat vom cronenberg läßt nach seinen zwei letzten eher konventionellen filmen (versteht mich nicht falsch, sie waren nicht schlecht, hätten aber auch von jedem anderen gedreht werden können) meine hoffnung auf einen cronenbergschen cronenberg endgültig versiegen.

mooos
10
entschuldigung,

aber der link zum "reisewetter" in thailand ist wohl ein böser scherz in anbetracht der filmkrtik davor, oder macht der glawogger-film soviel lust auf prostutuierte in thailand, dass mann gleich einen flug buchen will???

Lord Jim
01

eigentlich ja.

jodaflo
 
00
adwords

another_stranger_me
11

cronenberg + viggo mortensen - ein super gespann (a history of violence, eastern promises)

dazu noch keira knightley als eye candy, dass auch noch spielen kann -> MUST SEE

Therimon
00
THX ...

... for the character of Vigo Mortensen :-)

Martin Major
 
12

die könnte in ein paar jahren sogar marie curie spielen. genug ähnlichkeit wäre vorhanden, und der stoff wär auch interessant genug. cameron crowe vielleicht.

Hüftgold
12
Die Vorfreude ...

... auf diesen Film nimmt überwältigende Ausmaße an. Und diese Kritik macht es auch nicht leichter, noch länger darauf zu warten.

niewieder nett
 
00

mir gehts auch so. hab mir gestern den trailer 2x hintereinader auf imdb angeschaut und gänsehaut gekriegt. für mich eine sehr spannende geschichte und dann die tollen schauspieler...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.