Junge Politik

"Anpassen muss man sich das ganze Leben"

Interview | 2. September 2011, 16:24
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    foto: standard/hendrich

    Vom SJ-Chef zum Bundeskanzler: Alfred Gusenbauer.

Alfred Gusenbauer hat auf dem Weg zum Bundeskanzler genug Konzessionen gemacht - Dennoch schätzt er die Radikalität, die aber kein Vorrecht der Jugend sei

STANDARD: Für Sie dieselbe Frage wie für alle Jungpolitiker in dieser Serie: Was bewegt einen jungen Menschen, in die Politik zu gehen?

Gusenbauer: Kern der Überlegung war, die Dinge zum Besseren zu verändern. Mein Engagement hat als Schulsprecher am Gymnasium Wieselburg und als Gründer der dortigen Schülerzeitung Ruinenreport begonnen. Das war eine Anspielung auf den baulichen Zustand unseres Schulgebäudes.

STANDARD: Muss man für den Bund die Ideologien runterschrauben?

Gusenbauer: Ja, man ist in der Sozialdemokratie mit einer anderen Breite von politischen Auffassungen und Interessen konfrontiert als in Schule und Jugendorganisation. Obwohl es da auch ziemlich heftig abgeht.

STANDARD: Sie waren sieben Jahre lang Chef der Sozialistischen Jugend. Ist es abgegangen?

Gusenbauer: Es war die herrlichste Zeit. Wir hatten durch den Bundesjugendplan Finanzmittel zur Verfügung und waren damit nicht auf die Partei angewiesen. Diese Unabhängigkeit haben wir weidlich ausgenützt.

STANDARD: Die Partei war erfreut?

Gusenbauer: Wir haben uns immer als kritischer Teil der Sozialdemokratie verstanden. Natürlich hat unser Auftreten Freunden aus der Gewerkschaft und der Parteiführung nicht gepasst. Es hat schon ordentlich Konfliktstoff gegeben.

STANDARD: Dann will man selbst in die Partei und muss sich anpassen.

Gusenbauer: Anpassen muss man sich das ganze Leben. So wie man in der Politik zwischen Parteien Kompromisse schließen muss, muss man auch innerhalb von Parteien Kompromisse schließen. Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen. Das ruft höchstens große Kopfschmerzen hervor. Manchmal ist es besser, die zweitbeste Lösung zu nehmen.

STANDARD: Wären Sie damit auch als SJ-Chef zufrieden gewesen?

Gusenbauer: Nein, da hat man eine andere Rolle. In der Jugendorganisation wächst man auch an der Auseinandersetzung mit der Parteiführung. Man kann sich nicht durchschmeicheln. Widerstand und radikalere Positionen haben ja neben den Positionen selbst auch den Sinn zu lernen, mit Konflikten umzugehen, sie inhaltlich auszutragen.

STANDARD: Wenn Sie an Ihre Ziele von damals denken, sind Sie heute zufrieden?

Gusenbauer: Zufrieden darf man nie sein. Die Welt bedarf nach wie vor einer Reihe von Verbesserungen, damit die Lebensverhältnisse besser werden und das Zusammenleben besser funktioniert. Wir sind weit entfernt von einer perfekten Welt, die gibt es wahrscheinlich gar nicht. Aber es muss immer Leute geben, die die Verbesserung der Verhältnisse zu ihrem Programm machen.

STANDARD: Sind da junge, radikale Ideen gefordert?

Gusenbauer: Ich sehe auch viele ehemalige Politiker, die in der Pension radikaler auftreten als jemals zuvor. Radikal zu sein ist kein Privileg der Jugend allein.

STANDARD: Ist die Jugend nicht mehr rebellisch genug?

Gusenbauer: Nein, das glaube ich nicht. Die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in der Welt fordert heute wieder stärker zu einer akzentuierten Diskussion heraus. Die reduziert sich nicht nur auf die Jungen, sondern erfasst große Teile der Bevölkerung. Wiewohl man sagen muss, wenn es um Bewegungen geht, darum, auf die Straße zu gehen, sind das vielfach wieder die Jungen.

STANDARD: Würden Sie empfehlen, in die Politik zu gehen?

Gusenbauer: Wenn sich junge Leute für Politik interessieren, halte ich es für ganz wichtig, dass sie das tun. Gerade in so turbulenten Zeiten wie jetzt wird politische Gestaltung wieder wichtiger. Die Illusion, die über längere Zeit bestanden hat, dass im Wesentlichen die Wirtschaft alles regelt und sich die Politik am besten nicht einmischt, diese Zeiten sind ja wohl vorbei.

STANDARD: In einem Interview sagten Sie, dass die talentiertesten Leute in die Wissenschaft, Forschung oder Wirtschaft gehen, nicht in die Politik. Heißt das, wir werden von untalentierten Politikern regiert?

Gusenbauer: Das hängt davon ab, ob dieser Trend anhält. Man muss schon sehen, dass es eine gewisse Abwertung der Politik im öffentlichen Bewusstsein gegeben hat. Wenn das Sozialprestige von Politikern gering ist, ist auch die Bereitschaft von jungen Menschen gering, sich zu engagieren. Noch dazu kommt es zu einer Boulevardisierung der Politik. Es geht weniger um politische Inhalte oder gesellschaftspolitische Veränderungen, sondern um das Verteilen von Haltungsnoten.

STANDARD: Was bedeutet das für junge Politiker heute?

Gusenbauer: Erstens kreiert diese Art von Banalisierung einen bestimmten Politikertyp, einen populistischen. Das Zweite ist, wenn nur noch Ersatzauseinandersetzungen stattfinden und nicht über die tatsächlichen Probleme geredet, geschrieben und kommentiert wird, dann ist das ein Prozess der Entdemokratisierung. Das ist kein Vorwurf an die Medien, es ist ein beidseitiger Prozess.

STANDARD: Haben Sie eine Idee, wie man die Leute dazu bringen kann, sich wieder mehr für Inhalte zu interessieren?

Gusenbauer: Gerade jetzt gibt es mehr Möglichkeiten, weil wir über andere Kommunikationsmittel verfügen, mit denen man viel einfacher und direkter in Kontakt treten kann. Du kannst auch ohne Medium, über Facebook und Twitter und was auch immer mit Leuten in Kontakt treten, mit denen diskutieren. Du bist nicht mehr abhängig davon, was dir jeden Tag präsentiert wird. Ich will damit die Medien nicht gering schätzen, aber sie sind halt in der Zwischenzeit nicht mehr allein auf der Welt.

STANDARD: Sie sind den ganzen Weg gegangen: von der Jugendorganisation bis hin zum Bundeskanzler. Ist Ihr Jugendtraum von damals in Erfüllung gegangen?

Gusenbauer: Mit Sicherheit. Ich habe mir zwar einzelne Dinge anders vorgestellt, aber ich habe das immer gewünscht, und ich habe dafür auch viel gearbeitet, aber wie immer im Leben gehört auch Glück dazu. (Katharina Mittelstaedt, STANDARD-Printausgabe, 3./4.9.2011)

ALFRED GUSENBAUER (51) war sieben Jahre Vorsitzender der Sozialistischen Jugend, von 2000 bis 2008 SPÖ-Vorsitzender und von Jänner 2007 bis Dezember 2008 Bundeskanzler.

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Posting 1 bis 25 von 124
1 2 3
Politiker sind Gauner!!
00
schau dir diese bauernpranke an

???

Hans Klade2
00
12.3.2012, 18:54

Gusi soll auf die Öffentlichkeit pfeifen. Er ist von seinen Partei-Genossen auf das Schäbigste verraten worden und von den Medien gemeuchelt worden. Deshalb kann er sagen, was er will und machen, was er will, es wird ihm alles negativ ausgelegt. Er soll froh sein, dass er jetzt von der Last der Politik befreit ist. Er soll sein Privatleben genießen. Seine intriganten Nachfolger müssen sich nunmehr mit den derzeitigen schwierigen Problemen in der EU herumschlagen. Lorbeeren und Dank werden auch sie keine von der Bevölkerung ernten.

Lünz
01
Das ist ja des geilste!

In der Rubrik junge Politik ein Interview mit Alfred Gusenbauer.
Was kommta als nächstes? Nachwuchshoffnung Charly Blecha?

MemoryDragon
10
Was haben Sinowatz und Gusi gemeinsam?

Antwort sie waren katastrophal während ihrer Amtszeit.

ceterum censeo faymanem esse d...
17
Auf dem Foto sieht er aus wie Boris Jelzin.

.
Jelzins Grimmassen und unpassenden Gestiken waren auf seinen Alkoholkonsum zurückzuführen.

Und bei Gusi?

Bumm Uckl
01
ein bissl, ja ..

aber vor allem zeigt sich wieder einmal, wie sehr sich politiker oder ex-politiker immer mehr ihren deix'schen ebenbildern angleichen; das gilt u.a. auch für seinen ehemaligen kontrahenten wolfgang s.

kakaniengeist
01
so ist es!

manfred deix!

DER maler des (abscheulichen politischen) *realismus* der alpenrepublik!

*LOL*
03
inland > jugend & politik > junge politik > gusenbauer...

das land hat grössere probleme als gedacht.

kakaniengeist
24
eine rolle hat er perfekt gespielt: die des *schwoazzn* u-boots!

wenn ein normalbürger ständig etwas verspricht und NICHTS hält, wird er irgendwann einmal nicht mehr beachtet, wirft man sich hinter seinem rücken *sagende blicke* zu oder erklärt ihn, oft ganz öffentlich und direkt, für verrückt.

unser *lieber* gusi aber gibt hoffnungsreiche und sehr gescheite (?) interviews und geniert sich bis heute

nicht

für seine erbärmliche rolle!

als kanzler, ein kasperl, mit dem ich zuerst mitleid hatte. später war er mir dann irgendwann nur mehr egal.

und das hat sich bis heute nicht geändert.

und wenn ich seinen beruflichen weiterweg *danach* anschaue, weiß ich genau, warum die spö, und ihre nepotistischen vertreterInnen, so weit weg von den sozialen bedürfnissen der alpenrepublikanerInnen sind.

MemoryDragon
01
Als

Kanzler hat er leider während seiner gesamten Amtszeit Wahlkampf mit regieren verwechselt. Er und der Chap.
Die4da Folge Restaurant Schwamasso hats damals ziemlich auf den Punkt gebracht.

thomas bernhard2
 
23
haar-scharf !

danke für exakte wortspende !

kakaniengeist
13
auf die *prophetische* rolle von gusi habe ich leider vergessen, bezug zu nehmen!

ich weiß nicht, wie oft unser ex-kanzler, vulgo *schwoazzes u-boot*, in letzter zeit seine prophetische weissagungsgabe, was die entwicklung der wirtschafts(?)krise anbetrifft, bemüht.

dass die zeiten schlechter wurden und werden, konnte und kann man, mit einiger hirnsubstanz, bezogen auf die rahmenbedingungen, voraussagen,

ohne die geistig-spirituellen logikkapriolen unseres *lieben* gusis (die im übrigen bei weitem überschätzt werden).

ich kenne ihn seit studentenzeiten und habe mich *seinerzeit* schon sehr gewundert, wie jemand mit diesen *kapazitäten* so weit kommen kann.

das bemerkenswerteste war seine bartpracht (oder -tracht). und selbst die war eigentlich nur kopiert.

torch
 
31

Sie tun dem Bundeskanzler a.d. zutiefst unrecht.

Wenn Sie doch bitte bei Ihrer oberflächlichen Analyse berücksichtigen, wie viele hoch dotierte Jobs er nahezu weltweit angeboten bekommen hat, es war und ist echt a Griss um das Multitalent.

Allein die universitäre Lehrtätigkeit seines Wirkens wird da echt voll unterschätzt, eine humane Ressource, die es dem Land zu erhalten gilt.

Aus Ihrem Posting spricht echter Neid ob der nur an Missgunst und Neidgenossenschaft gescheiterten weiteren Karriere dieses Multi-Talentes.
Allein die universell gestreuten Aktivitäten belegen das eindruckvoll, von der Akquisition im Immobilienwesen bis hin zur universitären Lehre spannt sich der Bogen. Sie sollten es doch lieber einfach neidlos anerkennen

kakaniengeist
01
bis zum ende des dritten absatzes

habe ich sie *ernst genommen*.

dann werden sie mir als prototyp des homo alpenrepublicanus offenbar, der dafür verantwortlich ist, dass es für die hiesigen volksvertreterInnen so leicht ist, uns zu regieren.

oder anders: gerade der österreicher hat genau die art von politik, die er sich *verdient*, aufgrund seiner blitzdummen verehrungssucht gegenüber *denen da oben*.

übrigens, gusi-fans sind mir ein *gräuel*, aber auch rudas-, cap-, bures- und ähnliche *liebhaberInnen*!

kakaniengeist
01
nachsatz!

damit sie mir keine parteipolitische *rotbrille* umhängen:

nur weil es in den anderen politischen bewegungen ähnliche *kapazunderInnen* gibt, sind mir die *blindgängerInnen* der spö noch lange

NICHT

sympathisch.

von einer partei, die den begriff *sozial(demokratisch)* noch immer in ihrem namen enthält, müssen man und frau mehr verlangen können,

*sialich*!

Toni Meister
01
Zumindest...

...der Atomlobby und Bertelsmann hat er sich noch nicht angedient wie sein Vorgänger-Kanzler.

bula sagt
00
basierend auf dem posting von

adolf ogi habe ich ein bisschen recheriert.
und so erschliesst sich mir (rhetorische frage) vorerst nicht ganz, wie der lt. www. ybbs.spoe.at stadtparteivorsitzende der spoe ybbs/donau, nö,
das auch mit korruption und brutalität verbundene vorgehen (umweltverbrechen) der gabriel resources ltd in rosia montana, rumänien,(gesellschaftrechtlich haftungsmässig günstiger firmensitz london) als non-executive director mit noch rudimentär vorhandenen prinzipien seiner spö in einklang bringt.
wobei natürlich zu berücksichtigen ist, dass man sich vor allem im leben - auch radikal - dem steigenden goldpreis und dem share holder value anpassen muss.

antworten statt bewerten!
22
"Anpassen muss man sich das ganze Leben"

Ja, wenn man so ein Karrierist wie Du ist dann stimmt das wohl ...

torch
 
01
"Es war die herrlichste Zeit. Wir hatten durch den Bundesjugendplan Finanzmittel zur Verfügung und waren damit nicht auf die Partei angewiesen. Diese Unabhängigkeit haben wir weidlich ausgenützt."

= >

das immerwährende Paradies ...

Hubert Ungeist
 
01
Typisch sozi

ein andere zahlts und verlangt nix dafür - da ist das Paradies

pussycat.1337
21

zum glück braucht er dich nicht als vorbild! und schon gar nicht um erlaubsnis fragen!

antworten statt bewerten!
00

?

Almi66
02
Taktik oder Empathie war nicht seine Stärke....

....das lag möglicherweise schon am Elternhaus, das ihn wohl nicht edle Zurückhaltung lehrte, sondern zum beruflichen Angriff für den Sohnemann blies.

Rausgekommen ist ein hochgebildeter, hochverbissener Kurzzeitkanzler, der den "Stallgeruch" mit Arroganz abzuschütteln gedachte, anstatt Stolz zu sein, wo man herkommt.

Vermutlich wäre er ohne seinen Drill und seine Härte nie Kanzler geworden, sondern Angestellter in Ybbs bei der Raiffeisen Bank...

Wäre aber sein politisches Talent mit mehr Einfühlungsvermögen gepaart gewesen, hätten wir wohl einen Langzeitkanzler erlebt!

hcl3
00
spannend

die raika-karriere mit rotem parteibuch
"real"utopie oder ?
seine excellenz scheu im interen kreis zur schau gestellt? mit ist sie nie aufgefallen.

bula sagt
01
mit einer finanziellen unabhängigkeit -

dank eines flexiblen rückgrats - im rücken, ist der ruf "back to the roots" - die wiederentdeckung der radikalität - leicht hinauszuschreien.
die lange zeit als sekretarius hatte er gut für belesenheit und sprachenkenntnisse genutzt, doch im bundeskanzleramt da fegen die sandstürme, von denen man in der sandkiste noch keine ahnung hat.
und für einen bauchfleck gibt es eben keine guten haltungsnoten.
man weiss, man kann die welt nicht sehr verändern - österreich schon gar nicht - man resigniert und nimmt das geld.
man muss sich im leben nicht nur immer anpassen, man muss auch hie und da ein arschloch sein.
und aus dieser schamvollen selbsterkenntnis heraus gibt man interviews und schreibt artikel.

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