Alfred Gusenbauer hat auf dem Weg zum Bundeskanzler genug Konzessionen gemacht - Dennoch schätzt er die Radikalität, die aber kein Vorrecht der Jugend sei
STANDARD: Für Sie dieselbe Frage wie für alle Jungpolitiker in dieser Serie: Was bewegt einen jungen Menschen, in die Politik zu gehen?
Gusenbauer: Kern der Überlegung war, die Dinge zum Besseren zu verändern. Mein Engagement hat als Schulsprecher am Gymnasium Wieselburg und als Gründer der dortigen Schülerzeitung Ruinenreport begonnen. Das war eine Anspielung auf den baulichen Zustand unseres Schulgebäudes.
STANDARD: Muss man für den Bund die Ideologien runterschrauben?
Gusenbauer: Ja, man ist in der Sozialdemokratie mit einer anderen Breite von politischen Auffassungen und Interessen konfrontiert als in Schule und Jugendorganisation. Obwohl es da auch ziemlich heftig abgeht.
STANDARD: Sie waren sieben Jahre lang Chef der Sozialistischen Jugend. Ist es abgegangen?
Gusenbauer: Es war die herrlichste Zeit. Wir hatten durch den Bundesjugendplan Finanzmittel zur Verfügung und waren damit nicht auf die Partei angewiesen. Diese Unabhängigkeit haben wir weidlich ausgenützt.
STANDARD: Die Partei war erfreut?
Gusenbauer: Wir haben uns immer als kritischer Teil der Sozialdemokratie verstanden. Natürlich hat unser Auftreten Freunden aus der Gewerkschaft und der Parteiführung nicht gepasst. Es hat schon ordentlich Konfliktstoff gegeben.
STANDARD: Dann will man selbst in die Partei und muss sich anpassen.
Gusenbauer: Anpassen muss man sich das ganze Leben. So wie man in der Politik zwischen Parteien Kompromisse schließen muss, muss man auch innerhalb von Parteien Kompromisse schließen. Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen. Das ruft höchstens große Kopfschmerzen hervor. Manchmal ist es besser, die zweitbeste Lösung zu nehmen.
STANDARD: Wären Sie damit auch als SJ-Chef zufrieden gewesen?
Gusenbauer: Nein, da hat man eine andere Rolle. In der Jugendorganisation wächst man auch an der Auseinandersetzung mit der Parteiführung. Man kann sich nicht durchschmeicheln. Widerstand und radikalere Positionen haben ja neben den Positionen selbst auch den Sinn zu lernen, mit Konflikten umzugehen, sie inhaltlich auszutragen.
STANDARD: Wenn Sie an Ihre Ziele von damals denken, sind Sie heute zufrieden?
Gusenbauer: Zufrieden darf man nie sein. Die Welt bedarf nach wie vor einer Reihe von Verbesserungen, damit die Lebensverhältnisse besser werden und das Zusammenleben besser funktioniert. Wir sind weit entfernt von einer perfekten Welt, die gibt es wahrscheinlich gar nicht. Aber es muss immer Leute geben, die die Verbesserung der Verhältnisse zu ihrem Programm machen.
STANDARD: Sind da junge, radikale Ideen gefordert?
Gusenbauer: Ich sehe auch viele ehemalige Politiker, die in der Pension radikaler auftreten als jemals zuvor. Radikal zu sein ist kein Privileg der Jugend allein.
STANDARD: Ist die Jugend nicht mehr rebellisch genug?
Gusenbauer: Nein, das glaube ich nicht. Die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in der Welt fordert heute wieder stärker zu einer akzentuierten Diskussion heraus. Die reduziert sich nicht nur auf die Jungen, sondern erfasst große Teile der Bevölkerung. Wiewohl man sagen muss, wenn es um Bewegungen geht, darum, auf die Straße zu gehen, sind das vielfach wieder die Jungen.
STANDARD: Würden Sie empfehlen, in die Politik zu gehen?
Gusenbauer: Wenn sich junge Leute für Politik interessieren, halte ich es für ganz wichtig, dass sie das tun. Gerade in so turbulenten Zeiten wie jetzt wird politische Gestaltung wieder wichtiger. Die Illusion, die über längere Zeit bestanden hat, dass im Wesentlichen die Wirtschaft alles regelt und sich die Politik am besten nicht einmischt, diese Zeiten sind ja wohl vorbei.
STANDARD: In einem Interview sagten Sie, dass die talentiertesten Leute in die Wissenschaft, Forschung oder Wirtschaft gehen, nicht in die Politik. Heißt das, wir werden von untalentierten Politikern regiert?
Gusenbauer: Das hängt davon ab, ob dieser Trend anhält. Man muss schon sehen, dass es eine gewisse Abwertung der Politik im öffentlichen Bewusstsein gegeben hat. Wenn das Sozialprestige von Politikern gering ist, ist auch die Bereitschaft von jungen Menschen gering, sich zu engagieren. Noch dazu kommt es zu einer Boulevardisierung der Politik. Es geht weniger um politische Inhalte oder gesellschaftspolitische Veränderungen, sondern um das Verteilen von Haltungsnoten.
STANDARD: Was bedeutet das für junge Politiker heute?
Gusenbauer: Erstens kreiert diese Art von Banalisierung einen bestimmten Politikertyp, einen populistischen. Das Zweite ist, wenn nur noch Ersatzauseinandersetzungen stattfinden und nicht über die tatsächlichen Probleme geredet, geschrieben und kommentiert wird, dann ist das ein Prozess der Entdemokratisierung. Das ist kein Vorwurf an die Medien, es ist ein beidseitiger Prozess.
STANDARD: Haben Sie eine Idee, wie man die Leute dazu bringen kann, sich wieder mehr für Inhalte zu interessieren?
Gusenbauer: Gerade jetzt gibt es mehr Möglichkeiten, weil wir über andere Kommunikationsmittel verfügen, mit denen man viel einfacher und direkter in Kontakt treten kann. Du kannst auch ohne Medium, über Facebook und Twitter und was auch immer mit Leuten in Kontakt treten, mit denen diskutieren. Du bist nicht mehr abhängig davon, was dir jeden Tag präsentiert wird. Ich will damit die Medien nicht gering schätzen, aber sie sind halt in der Zwischenzeit nicht mehr allein auf der Welt.
STANDARD: Sie sind den ganzen Weg gegangen: von der Jugendorganisation bis hin zum Bundeskanzler. Ist Ihr Jugendtraum von damals in Erfüllung gegangen?
Gusenbauer: Mit Sicherheit. Ich habe mir zwar einzelne Dinge anders vorgestellt, aber ich habe das immer gewünscht, und ich habe dafür auch viel gearbeitet, aber wie immer im Leben gehört auch Glück dazu. (Katharina Mittelstaedt, STANDARD-Printausgabe, 3./4.9.2011)
ALFRED GUSENBAUER (51) war sieben Jahre Vorsitzender der Sozialistischen Jugend, von 2000 bis 2008 SPÖ-Vorsitzender und von Jänner 2007 bis Dezember 2008 Bundeskanzler.