Bozo sapiens: Auf Irren programmiert

  • Verfangen zu sein in vermeintlicher Gewissheit führt zu notwendigen 
Fehlern im Programm des Homo sapiens.
    foto: gerd altmann/www.pixelio.de

    Verfangen zu sein in vermeintlicher Gewissheit führt zu notwendigen Fehlern im Programm des Homo sapiens.

Viele Wege führen in die Irre - Vorurteile der Wahrnehmung bestimmen unser Verhalten - daraus ergibt sich: Irren ist nun einmal menschlich

Wie wirklich ist das, was wir als Wirklichkeit ansehen? Wie sicher ist, was wir zu wissen und glauben zu dürfen meinen? Nun, spätestens seit Paul Watzlawick 1976 sein diesen Fragen gewidmetes Kultbuch Wie wirklich ist die Wirklichkeit? veröffentlichte (derzeit erscheint die 39. Auflage ), könnten wir, wenn wir nur wollten, so manches davon als Irrtum verabschieden. Wäre da nicht Watzlawicks großer Gegenspieler, die Gewissheit.

Wenn es in unserer bunten Welt eine Tatsache gibt, die immer wieder die unnötigsten, teuersten und auch menschlich bedrückendsten Probleme heraufbeschwört, dann ist es die Gewissheit. Und gewiss sind wir nahezu unbegrenzt: dass - was auch immer - nur so und nicht anders zu sein habe oder gehe; dass stets wir und nicht die anderen in Auseinandersetzungen gleich welcher Art recht haben; dass wir die Schlüssel, die wir gerade verzweifelt suchen, hier und nirgendwo anders platziert haben. Woraus sich die weitere Gewissheit ergibt: Irgendein verflixter Trottel muss sie von dort genommen und verlegt haben.

Also, Vorsicht vor felsenfesten Überzeugungen. Mit der Gewissheit ist das so eine Sache. Professor Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der Mitbegründer der Humanethologie, der auf den Menschen bezogenen Verhaltensforschung, hat dazu ein sozusagen himmelhohes Beispiel beigesteuert. Jeder kennt die Illusion, der Mond fliege gegen die Wolken, wenn man bei leicht bewölktem Himmel zum Mond aufblickt. Eigentlich wissen wir natürlich, dass die Wolken ziehen und nicht der Mond. Dennoch ist der andere Eindruck zwingend - leider eben nur falsch.

Und woher kommt diese Fehlvorstellung? Nun, wie Eibl-Eibesfeldt erklärt, geht unsere evolutionär geprägte Wahrnehmung hier von der Gewissheit aus, dass sich immer Objekte gegen einen ruhenden Hintergrund bewegen. Diese Hypothese hat sich auf der Erde bewährt. Es war wichtig, nicht lange überlegen zu müssen, ob sich hier eine Beute oder ein Feind bewegten.

Womit Eibl-Eibesfeldt uns daran erinnert, dass der moderne Menschentypus, der heute etwa Europa bevölkert, im Wesentlichen bereits vor zehn bis 20.000 Jahren existierte. Wir unterscheiden uns daher in unserer verhaltensbestimmenden Ausstattung kaum von jenen altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern. Diese Gewissheit, sprich diese Vorurteile der Wahrnehmung bestimmen auch unser übriges Verhalten. Wir sind von der Evolution sozusagen auf Fehler programmiert. Was dem Kirchenvater Hieronymus schon im 4. Jahrhundert aufgefallen sein muss, wie sonst hätte er sein berühmtes "Errare humanum est", Irren ist menschlich, niederschreiben und der Menschheit eine der vermutlich am häufigsten verwendeten Floskeln bescheren können.

Mit Bozo sapiens - Why to Err is Human - auf Deutsch Auf Fehler programmiert. Warum der Mensch irren muss, - spinnen nun zwei amerikanische Autoren den Irrtumsfaden der trügerischen Gewissheit weiter. Augenzwinkernd tun sie kurz und bündig kund, dass sie den vorgeblich weisen Menschen (=Homo sapiens) für einen "bozo", einen Trottel halten, der sich immer wieder in seiner vermeintlichen Gewissheit verfängt. Amüsant und aufschlussreich räumen sie mit der Vorstellung auf, der Mensch sei ein durch und durch mit kritischer Vernunft begabtes Wesen. Und würde auch dementsprechend handeln.

Wahrheiten und Zweifel

Schön wär's. In Wahrheit verhalten wir uns, wo wir gehen und stehen, eher unvernünftig denn vernünftig. Täten wir Letzteres, gingen wir mit all unseren Gewissheiten ein wenig skeptischer um - was uns so manche durch das Land schwappende Welle der Verunsicherung ersparen würde. Und so manche politische Fehlentscheidung. Aber da wir das eben nicht tun, glauben wir nun zu oft, was uns als Wahrheit jenseits aller Zweifel präsentiert wird; sehen, was wir sehen wollen, hören bewusst weg, wenn es unangenehm wird, erinnern uns falsch, sobald es uns in den Kram passt. Und nicht nur dann. Polizisten verzweifeln häufig an den widersprüchlichen Zeugenaussagen bei Verkehrsunfällen. Und zwar nicht nur an den subjektiven der direkt Beteiligten, meist viel mehr noch an den "objektiven" der zufälligen Beobachter des Unfalls.

Wenn es uns auch nicht gefällt - Tatsache ist: Mit unserer vermeintlichen Gewissheit sind wir häufig dem Glauben näher als den belegbaren und überdies oft genug auch widersprüchlichen Tatsachen. Und sorgen so immer wieder für beachtliche, meist aber vollkommen unnötige Aufregung und Verunsicherung. Erinnern Sie sich noch an die Prophezeiungen des Club of Rome? Oder an das Waldsterben? Ein Blatt überbot das andere mit Horrorszenarien. Stimmen, die das eine wie das andere als eine gefährliche Panikmache ansahen, wurden gnadenlos an den Pranger der Öffentlichkeit gestellt. Obwohl sie recht hatten. Ebenso geht es denen, die der Klimakatastrophe gängiger Darstellungsart widersprechen. Obwohl vieles, sehr vieles dafür spricht, den diesbezüglich im Augenblick angesagten Propheten ein wenig distanzierter zu begegnen.

Daraus lässt sich eigentlich doch nur zweierlei schließen: Vorsicht vor allzu viel spontaner Gewissheit. Und: Geboten ist kritische Distanz zu allen Katastrophensäuen, die tagtäglich durchs mediale Dorf getrieben werden.

Alternativen sind da

Es stimmt doch nachdenklich, dass gerade jetzt, in einer Zeit, die sich in politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bezügen auf "alternativlos" versteift hat, eine beachtliche Menge von dagegen aufbegehrenden Titeln auf dem Markt sind. Bücher, die in unterschiedliche Richtung darauf aufmerksam zu machen versuchen, dass die sorgsam gepflegten und teilweise auch mit inquisitorischer politischer Correctness durchgesetzten Paradigmen obsolet sind und nur tiefer in die Misere führend wirken. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.9.2011)

Bücher zum Thema

  •  Michael Kaplan / Ellen Kaplan: Auf Fehler programmiert - Warum der Mensch irren muss. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 397 Seiten, € 19,95
  • Christopher Chabris / Daniel Simons: Der unsichtbare Gorilla - Wie unser Gehirn sich täuschen lässt. Piper Verlag, München 2011, 396 Seiten, € 19,95
  • Reinhard Kreissl: Wo lassen Sie denken? - Warum der Glaube an die Wissenschaft uns dumm macht. Diederichs Verlag, München, 176 Seiten, € 16,99
  • Walter Krämer: Die Angst der Woche - Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten. Piper Verlag. München 2011, 320 Seiten, € 19,99
  • Walter Krämer: So lügt man mit Statistik. Piper Verlag, München 2011, 208 Seiten, € 9,95
Share if you care