Das Geheimnis des rotrückigen Würgers

2. September 2011, 17:58
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Thomas Ganns "Angst", ein literarisches Fundstück

"Das Thema Angst ist aufschlussreich, aber es ist auch unschön, abschreckend." In seinem Essay holt Thomas Gann weit aus, beginnt bei der griechischen Philosophie, konzentriert sich dann aber auf psychoanalytische Deutungen und auf zwei Autoren, die ihre Angstvorstellungen auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben haben: Franz Kafka und Ernst Jünger.

Alphabetisch und ohne große Fanfaren hat der Hamburger Textem Verlag seinen "Kleinen Stimmungs-Atlas in Einzelbänden" eröffnet, mit A wie Albernheit oder eben wie Angst. Die Bände sollen sich zu einer Art Minipedia auf Papier summieren. Der essayistische Zugang ist Programm. Kafkas Erzählung Der Bau nimmt Gann zum Anlass, über unlösbare Verstrickungen nachzudenken, über Dunkelheit und Einsamkeit. Die Reaktion des Prager Autors auf Besucher in einem Kirtag-Schützengraben leitet fast zwangläufig zu Jünger über. Ihm gewinnt Gann ungewöhnliche Seiten ab, ohne seinen Kriegshymnen zu verfallen. Nebenbei erfährt man dabei auch, was es mit dem Frontispiz auf sich hat, einem Vogel namens "Rotrückiger Würger" (klingt wie eine Namensschöpfung der seligen Erika Fuchs).

Das Bändchen eignet sich zum Lesen zwischendurch und unterwegs, ist es doch fast so kompakt wie ein Smartphone und vielleicht gescheiter. Jedenfalls gescheiter als manche sonstige Lektüre in der U-Bahn. (Michael Freund / DER STANDARD, Printausgabe, 3./4. 9. 2011)

 

Thomas Gann, "Angst". € 12,50 / 72 Seiten. Textem Verlag, Hamburg 2011

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