Der Nebel, der noch einige Jahre nicht aufhören würde, falls er überhaupt je aufhörte, begann, soweit ich mich erinnere, mit meinem ersten Tagebucheintrag im März 2000: "Ich esse eine Dattel und stelle mir vor, wie es wäre, eine Kakerlake zu essen." - Von Barbara Markovic
Der kleine Maulwurf, dem man auf den Kopf gekackt hatte, ging von einem
Tier zum anderen und verglich ihre Ausscheidungen mit dem Stück Dreck,
das ihm auf den Kopf gefallen war. So konnte er feststellen, dass der
Schuldige ein Hund war.
Der Nebel, der noch einige Jahre nicht aufhören würde - falls er
überhaupt jemals aufhörte -, begann, soweit ich mich erinnere, mit
meinem ersten Tagebucheintrag vom März 2000: "Ich esse eine Dattel und
stelle mir vor, wie es wäre, eine Kakerlake zu essen."
Bald darauf kam ein Anruf von Bojana, meiner besten Freundin, die den
Hörer zweimal fallen ließ, während sie das Kabeltelefon in ihr Zimmer
zog, wo sie noch ein bisschen Privatsphäre hatte, weil sie mir nur in
ihrem Zimmer mitteilen konnte, dass sie eine Art geistigen Stromausfall
hatte, der ihr alle Gedanken entschärfte. Nebel im Geist nannte es
Milica, die dritte von uns, als wir uns einig wurden, dass wir von
Ähnlichem befallen waren.
Was wir Nebel nannten, hatte sich in den Muskeln und in den Gedanken
angesiedelt und machte aus einem Belgrader einen trägen Schwächling, der
sich nur mit viel Mühe und Willenskraft über kurze Strecken schleppen
konnte. Nach mehr als einem Monat hatte es sich auf alle Menschen in der
Umgebung ausgebreitet und ließ sie ihre Lebenspläne vergessen. Nach zwei
Monaten machten die Leute nervöse Scherze über Zombies. Ein wenig
beruhigten sie die Nachrichten im Fernsehen, die die Erscheinung
konsequent verschwiegen. Aber, da waren sich alle einig, es handelte
sich immer noch um einen Ausnahme-, einen vorübergehenden Zustand, über
den man, wie am ersten Tag, jammern konnte und sollte.
Es war schon Mai, als Bojana an einem Morgen sich einen Liter Kaffee
kochte und im Wohnzimmer mit ihrer Mutter die letzte übriggebliebene
Zigarette rauchte, wobei sich ihre Mutter, wie schon üblich, über einen
Schmerz beim Denken beklagte. Bojana ging zum Supermarkt, um das
schreckliche Cola-artige schwarze Getränk mit Kohlensäure zu kaufen, und
hörte kurz der Verkäuferin zu: "Ich wollte etwas aus dem Keller holen,
aber schneide mich hier" (horizontal über die Brust), "wenn ich weiß,
was. Was wollte ich dir sagen? Hm. Grüß deine Mutter."
Aus der Küche vernahm ich an demselben Tag im Mai das Gespräch zwischen
meiner Tante und einer Nachbarin darüber, dass mit ihnen etwas nicht
stimme, dass sie heute einfach nicht sie selbst seien. Auch am vorigen
Tag hatte ich ihnen zugehört, und sie waren nicht sie selbst gewesen. Im
Fernsehen liefen Tombola und eine Volksmusiksendung. Milica lud uns ein:
"Kannst du Zigaretten kaufen?", "Okay, ich muss nur warten, bis Mutter
nach Hause kommt: Vielleicht hat sie Geld."
Und da war ich, zu Hause, im Tempel der Langeweile, auf meine Mutter
wartend. Ich öffnete alle Schubladen im Wohnzimmer und stöberte durch
ihre alten Fotos und Schachteln und Briefe, in der Hoffnung, etwas
Süßes, Geheimes oder Zigaretten zu finden. Oft versteckte sie alles
Wertvolle vor mir in den Schubladen. Ich kniete nieder und öffnete die
unterste Schublade, in der sich zwei Packungen Filter 57 befanden.
Filter 57 waren mit Abstand die schlechtesten Zigaretten, die es am
Markt gab. Von ihnen wurden die Finger sofort gelb und die Zähne kaputt
und sie schmeckten nach Kotze. Speziell für Bauarbeiter und ihre
schmutzige Hände hatte man sie verkehrt in die Schachteln gelegt. Ich
nahm eine Schachtel mit. Früher hätte ich es nicht getan.
Bevor ich kam, hatten Bojana und Milica in Milicas Zimmer schon einige
Begriffe geklärt. In letzter Zeit hieß es immer, dass das Gras gespritzt
sei und Ecstasy ein Schrott, aber das nannten Milica und Bojana nicht
Nebel im Geist, sondern Scheiße im Blut, weil es anders funktionierte
und es theoretisch möglich war, es zurückzuverfolgen - über einen
Nachbarn und seinen Dealer zu dem Kriegsverbrecher, dann zurück nach
Albanien usw. Da während meiner Busfahrt zu Milica der Strom ausgefallen
war, waren die Straßen unbeleuchtet, und die letzte Station der Linie 23
sah wie das Ende der Welt aus, obwohl das eigentliche Ende der Welt sich
erst hinter Milicas Wohnblock befand. Nachdem niemand mehr etwas tat,
Kinder nicht mehr in die Schule gingen und die Eltern nicht zur Arbeit,
verschwand die Hierarchie zwischen den Erwachsenen und den anderen,
weshalb ich in Milicas Wohnung eine gemischte Gesellschaft aus
Nachbarinnen, meinen Gymnasiumsfreundinnen, kleinen Kindern und Milicas
Mutter und Großmutter traf.
Ich nahm einen Platz im Kreis um die Kerze ein und warf die Zigaretten
in die Mitte. Nach wenigen Minuten war die halbe Packung verschwunden.
Bojana erzählte, dass ab morgen nicht mehr bombardiert werde, wenn man
den Nachrichten glauben dürfe. In diesem Moment verstärkte sich mein
Nebel und ich sah, dass die anderen in ihre Hände starrten.
"Ist es weit zur Toilette?" "Zehn Schritte. Freilich, in diesem Nebel
geht's nicht so schnell." "Entsetzlich!" Den Nebel habe ich gehasst. Als
Milica an einem anderen Tag den vierten Bus wegfahren sah, in den sie
nicht einsteigen konnte, weil auf der Haltestelle Zeleni Venac jede
Sekunde hunderte Menschen dazuströmten, die bereit waren, für einen
Stehplatz zu töten, verstärkte sich Milicas Nebel.
Bojana registrierte eine Verdichtung, als sie in der Früh Zähne putzen
wollte und warten musste, bis nicht nur ihr Bruder, sondern auch ihr
Cousin Jovica, der seit kurzem aus dem Kosovo geflüchtet war und
vorübergehend bei Bojana wohnte, sich dem Alter gemäß unfassbar lange
geduscht hatte.
Ich musste nur aufwachen und mich im Spiegel ansehen, und der Nebel
verdichtete sich bis zum Erblinden. Es war nicht nur eine Depression.
Wir hatten das Gefühl, dass es von außen kam, von oben und von unten,
und dass mehrere daran schuld waren. Eine Fledermaus flog in das Zimmer
und wurde schnell gefangen. Alles, was eine Form hatte, konnten wir zur
Rede stellen oder vernichten.
Wer hat das Gummifenster zerschlagen? Jemand fragt: "Wer hat das
Gummifenster zerschlagen?" Und alle Anwesenden antworten schnell: "Ich
war es nicht!" Derjenige, der die Frage stellt, muss sie nicht
beantworten. Die anderen versuchen panisch, sich von der Schuld zu
befreien.
Als der Strom wiederkam, fragte uns Milicas Mutter, was wir wollten:
Einen embargokuchen oder Popcorn? Ajvar oder geräuchertes Fleisch? Das
schwarze oder das gelbe Getränk mit Kohlensäure? Börek mit Kartoffeln
oder Börek mit Kraut? Sie breitete ein Tischtuch aus und brachte Teller.
Auch Käse war dabei. Ich war begeistert. Während wir aßen, erzählte
Bojana, die gerade ihre magersüchtige Phase hatte und trübsinnig an
einer Scheibe Brot nagte, eine beunruhigende Geschichte über ihren
Cousin Jovica.
Jovica und seine Mutter waren vom Kosovo nach Belgrad geflüchtet. Wie es
sich gehörte, drängte sich Bojanas Familie enger zusammen, um Platz für
die Verwandten in Not zu machen. Jovica musste nach Belgrad kommen. In
Belgrad beschloss er, Polizist zu werden. Er wurde sofort auf der
Polizeiakademie aufgenommen, und als Bojana die Geschichte erzählte, war
er schon ins Internat übersiedelt, kam aber noch oft zum Mittagessen in
ihre Wohnung.
Weil er einen starken Wunsch hatte, die Welt zu regeln, hatte Jovica in
seiner ersten Woche Polzeiakademie eine Idee. An den Spinden im Internat
prangten kleine Blechplaketten mit dem Wappen der Belgrader Polizei.
Jovica schraubte eine dieser Plaketten ab und klebte sie auf ein Stück
Leder. So bastelte er sich einen gefälschten Polizeiausweis. Die falsche
Dienstmarke sah für Laien glaubwürdig aus. Nun konnte er, schon vor
Abschluss der Trainingsjahre, seine zukünftige Macht ausüben. Ungeduld
trieb Jovica dazu, ein unbedeutendes Verbrechen zu begehen, und er hatte
keine Schuldgefühle.
Mit seinem Instantausweis kam Jovica zu Bojana ins Zimmer, in dem sie
gerade schwermütig auf dem Bett lag und The Cure hörte. Jovica, der
Polizist werden wollte, zeigte Bojana, die eher ein Grufti und
gewöhnlich in einer Menge demonstrierender Menschen von einem
Polizeikordon eingekreist war, die gefälschte Dienstmarke.
Bojana saß auf einer Bank vor ihrem Wohnhaus und rollte schlechten
Tabak, als sie beobachtete wie ihr 16-jähriger Cousin vor einem
Supermarkt seine Nummer abzog. Er hielt die Dienstmarke hoch und schritt
die lange, nicht zu seiner Zufriedenheit geordnete Schlange würdevoll
ab. In den vergangenen und auch nächsten Monaten gab es Öl, Milch und
Mehl nur gelegentlich in einem der Supermärkte im Wohnblock und man
musste sich lange, manchmal den ganzen Tag, anstellen, um sie zu
erwerben. Jovica gab sich für einen Polizisten aus, um das Anstellen zu
regeln, und wurde von den unterwürfigen Verkäuferinnen willkommen
geheißen. Er hielt die Dienstmarke und maßregelte die Leute mehr als
eine Stunde. Bojana, die in einer dicken Wolke blieb, schrieb fortan
hermetische Gedichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4. 9. 2011)