Das Depeschen-Desaster

Kommentar | Christoph Prantner, 1. September 2011, 18:16

Wikileaks-Affäre: Aufdeckung ist nur dann etwas wert, wenn das Profis machen

Spötter haben bereits einen seltsam klingenden Namen für die jüngste Datenaffäre gefunden: In einer sarkastischen Dopplung nennen sie die gänzlich unzensierte Veröffentlichung jener 250.000 US-Depeschen, die Wikileaks nun knapp ein Jahr lang zitzerlweise ins Internet gestellt hat, "Cablegate-Gate". Denn seit wenigen Tagen sind alle Datensätze online - mit den Klarnamen von weltweit rund 100 Informanten der Vereinigten Staaten, die nun um Leib und Leben fürchten müssen. Damit erleben die Propagandisten radikaler Transparenz ihre eigene Leck-Offenbarung. Und ihr Chef Julian Assange, der so eitle wie umstrittene Netzanarchist, segelt mit noch größerer Glaubwürdigkeits-Schlagseite durch die Weltöffentlichkeit als bisher.

Aus welchen Gründen - Schlamperei, Größenwahn, Zufall - auch immer die Daten unredigiert ins Netz gelangt sind - es ist völlig klar, dass Assange und seine Wikileaks-Konsorten das Depeschen-Desaster hätten verhindern müssen und nun für die Folgen verantwortlich sind. Bedeutet das aber auch gleich, dass es besser gewesen wäre, wenn diese Dokumente gar nie an die Öffentlichkeit gekommen wären?

Absolut nein.

Die Bürger haben das Recht darauf, zu erfahren, was ihre Regierungen in ihrem Namen unternehmen, wie sie Verhältnisse einschätzen, wo sie zu welchem Zweck intervenieren. Auch wenn viele der US-Depeschen weitgehend belangloser Tratsch sein mögen - es gibt keinen vernünftigen Grund, sogenannte Whistleblower grundsätzlich zu verteufeln. Und selbst Wikileaks hat vor den besagten US-Kabeln sehr aufschlussreiche Berichte etwa über die Kriege in Afghanistan und den Irak online gestellt. Ohne diese wären einige unschöne Dinge nicht bekanntgeworden.

Auch wenn die USA sich nun alle Mühe geben, dies zu insinuieren: Der Fehler war nicht, dass die Dokumente veröffentlicht wurden, sondern wie sie veröffentlicht wurden. Der Fehler war nicht die angestrebte Transparenz, sondern der unprofessionelle Umgang damit.

In Zeiten, als das Internet noch nicht die Verbreitung und Wirksamkeit hatte wie heute, wurde Aufdeckerarbeit noch beinahe ausschließlich von Journalisten nach mehr oder minder professionellen Standards erledigt. Bis zur Veröffentlichung etwa der von Daniel Ellsberg kopierten "Pentagon Papers" Anfang der 1970er Jahre vergingen Monate. Die New York Times prüfte das Material damals mit enormem Aufwand, stellte es in einen Bedeutungszusammenhang und schützte vor allem ihre Informanten. Wenige Jahre später verfuhr die Washington Post im Watergate-Skandal, der Präsident Nixon sein Amt kostete, ebenso vorsichtig.

Mit dieser journalistischen Sorgfalt haben die auf weltweite Aufmerksamkeit ausgerichteten Wikileaks-Leute nicht gearbeitet und dadurch alle neuen Erkenntnisse aus den US-Depeschen wohl oder übel entwertet. Nach dieser Panne werden es sich viele, die über Belege für aufklärungswürdige Verhältnisse verfügen, zweimal überlegen, ob sie diese der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen oder gar aus der Hand geben sollen.

Der Schluss aus dieser Affäre muss also wohl sein, dass Aufdeckerarbeit nur dann etwas wert ist, wenn sie auch von Profis gemacht wird. Wenn Dilettanten ihre ideologischen Kämpfe damit ausfechten, nützt das weder der Sache noch den Menschen, die damit in Verbindung stehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2011)

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erkelteter tiger
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wie die daten unredigiert ins netz kamen ist ja geklärt

ein journalist des guardian hat das passwort veröffentlicht

Synchronschachklub "Rudolf Nurejew"
00
nein, die hauptschuld trifft wikileaks

wikileaks hätte für die files, die an den guardian gingen, ein neues kennwort nehmen müssen. dann hätte die veröffentlichung des pw nicht geschadet. am wikileaks-server die verschlüsselten files mit original-pw zugänglich zu machen, ist schon ein ziemlich schlimmer security-bug, der nicht hätte passieren dürfen.

erkelteter tiger
00

aber prantner tut ja so als ob das ungeklärt wäre,

sicher hat man geschlampt, aber die tat selber hat trotzdem der guardian journalist verübt.

Washyaface
01
Die letzten Profis

scheinen in den 60er, Anf. d. 70er Jahre tätig gewesen zu sein.

Die SPIEGEL-, NYT-, Washington Post - Stunts.

Jedenfalls: seit ich den Planeten unter meinen Kaslern kleben habe, hab' ich von Profiaufdeckern die etwas - alle Gefüge erschütternd - Nennenswertes zu Tage gefördert hätten, weit und breit *nichts* gesehen.

Lokal schon gar nicht.

*Falls* österreichische Journalisten irgendetwas wissen, das über die fade tägliche Lektüre die sie in die tasten hauen hinausgeht, wär's gut sie würden die Omertà aufgeben und es endlich aufschreiben, nicht wahr?!

Und falls sie nicht mehr wissen, als unsereiner eh auch an der Oberfläche wahrnimmt, dann brauchen sie sich nicht Profis nennen, sondern besser: Parrots.

Das Leck war der Guardian, btw!

super Typ
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Grasser, Strasser, Meischberger, Menssdorf-Pouilly, Telekom, Buwog ... Was sollten denn Journalisten noch alles aufdecken?
Aber klar, alles ist eine große Verschwörung: Unserer Regierung sind von Außerirdischen ferngesteuerte Zombies und solange Journalisten das nicht aufdecken, sind sie nur Parrots!

Was wurde eigentliche durch WikiLeaks so großartig enthüllt?

Und wenn man für totale Transparenz ist, warum sollte man dann ein WikiLeaks-Passwort geheim halten? Was Regierungen tun, soll uneingeschränkt öffentlich gemacht werden, aber WikiLeaks soll sich hinter geheimen Passwörtern verstecken und undurchsichtig bleiben können? Ist es nicht die Vollendung der Leak-Philosophie, wenn auch Wikileaks-Passwörter geleakt werden?

Synchronschachklub "Rudolf Nurejew"
00
kennwörter zu verraten, ist keine gute idee

wie kommt ein journalist auf die idee, ein solches kennwort zu veröffentlichen? aber noch abartiger ist, daß jemand bei wikileaks es veröffentlicht hat.

damit sind wikileaks und assange geschichte. die idee der leak websites wird weiter leben, zumindest solange es cryptome gibt, vermutlich, darüber hinaus.

seemsaint
01
Wie naiv kann man eigentlich sein?

Anrufer: Guten Tag. Ich habe vor 3 Monaten einen Handy Vertrag bei Ihnen abgeschlossen. Ich habe aber nie empfang. Ich möchte kündigen.

A1 Hotline: Entschuldigen Sie bitte. Wir sind sehr professionell. Aber die Sendemasten Parnterfirma macht ständig probleme. Es ist nicht unsere schuld.

Anrufer: Ach so. Na wenn das so ist, dann entschuldigen sie die Störung. Ich bleibe gerne weiterhin ihr Kunde. Sie können ja nichts dafür.

L-O-L

El D14bl0
01

Guardian Investigative Editor David Leigh publishes top secret Cablegate password revealing names of U.S. collaborators and informants... in his book

http://nigelparry.com/news/guar... gate.shtml

"Able Danger"
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"die nun um Leib und Leben fürchten müssen"

Spione müssen immer um Leib und Leben fürchten, das ist deren Berufsrisiko.

super Typ
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Man könnte natürlich auch versuchen Whistleblower zu schützen. Das könnte nämlich auch im Interesse von WikiLeaks liegen. Personen, die brisante Informationen haben, könnten es sich nämlich zwei Mal überlegen, ob sie die Informationen preis geben, wenn ihre Identität nicht geschützt wird.

Anders gesagt: Wenn man Informanten ans Messer liefert, bringt man sich um seine Informationsquellen.

Trollblume
00
Einmalige Chance!

Finde interesant, dass man jetzt feststellen kann, wie 'verantwortungsvoll' die Medien mit dem Material wirklich umgegangen sind.

nukularteilchen
19

Komisch das man hier versucht den Aufdecker von Misständen zum Täter zu machen. Erst recht röhrt der Berufsjournalist der seine Existenz gefährdet sieht und nicht versteht das die Wikileak Daten echte Demokratie ist und nicht gesteuert wird von ein paar wenigen die Bestimmen was wir lesen dürfen und was nicht.

super Typ
01
WikiLeaks deckt nicht (gezielt) Missstände auf.

WikiLeaks macht ungefiltert Informationen öffentlich, egal ob diese Informationen im Einzelfall brisant sind, ob sie belanglos sind oder ob sie Menschen gefährden (etwas Namen von Oppositionellen in Diktaturen).

seemsaint
10

komisch wie man hier versucht, den Publisher zum großen Aufdecker zu machen.

Oder war Herr Assange als undercover Ermittler tätig, und hat für die Informationen seinen eigenen Kopf und Kragen riskiert? Hab ich da was verpasst?

bedarf ist keine konstante
20
Also wenn ein arrestierter "mutmaßlicher Sexualstraftäter" echte Demokratie ist,

na dann gute nacht.

El D14bl0
00

Ja nee, is klar!

crazy larry
11
Wieviel Profi hat Ihre Meinung?

Wieviel ernstzunehmende Profi-Journalisten gibt's denn in Österreich?

papst benedikt
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leider decken "profis" wie prantner und kollegen nichts mehr auf.
und im konkreten Fall war es übrigens auch ein profikollege von prantner, der das desaster verusachte.
es ist also nicht nur so, dass profijournalisten nichts mehr aufdecken oder selbst recherchieren, sie desavouieren auch noch jene, die ihre Arbeit übernehmen.

aui
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Profis machen keine Fehler

in einem ersten Impuls fällt mir eine Geschichte mit Hitler - Tagebüchern ein, da haben Profis irrsinnig genau recherchiert..

Diego Maradona
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es...

..ist abzunehmen, dass hier der neid spricht. wann, bitte, hat Herr prantner zuletzt etwas aufgedeckt? ja, wo gearbeitet wird, passieren fehler. wer vom aufdecken aber keine ahnung hat, sollte keine "klugen" kommentare dazu schreiben.

super Typ
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Wann hat WikiLeaks etwas aufgedeckt?

Leute stellen WikiLeaks aus irgendwelchen Gründen irgendwelche mehr oder weniger geheimen Unterlagen zur Verfügung und WikiLeaks stellt sie in Bausch und Bogen ins Internet. Das nennt man heutzutage "aufdecken"? Das nennt man heutzutage journalistische Arbeit?

Charles Duchemin
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Sieht eher wie ein Kommentar-Desaster aus....

Füllfeder
01

Egal ob Profi oder Dilettant. Also ob ein Profi immer seine Schüssel top poliert hätte.

Es kommt auf die Ambitionen an! Wenn ich da bitte ein Paradebeispiel anführen dürfte: Inspector Clouseau zB. der war beides

Bertel Mann
03
Profis, die davon leben Informationen zu veröffentlichen, leben manchmal noch besser, wenn sie Informationen nicht veröffentlichen

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