Voranmeldung

"Die jetzigen gesetzlichen Regelungen sind weltfremd"

Interview | Lisa Nimmervoll, 1. September 2011, 18:16
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    foto: apa/hochmuth

    "Für Architektur haben wir 450 bis 480 Studienplätze. Es kommen aber 1000."

Peter Skalicky, Rektor der TU Wien, über seine Weigerung, das Voranmeldesystem umzusetzen

Standard: Die TU Wien hat als einzige Universität die eigentlich verpflichtende Entgegennahme von Voranmeldungen für das kommende Wintersemester 2011/12 verweigert. Versinken Sie jetzt im Chaos?

Skalicky: Nein, deswegen sicher nicht. Zwar war der Plan hinter der Voranmeldung ja nicht eine Art heimtückische Zugangsbeschränkung nach dem Motto: Ätsch, ein paar Schlampige werden die Anmeldefrist übersehen und dürfen dann in dem Jahr nicht beginnen, aber man lernt nie aus: Die Uni Wien hat uns vorgeworfen, einen ungerechtfertigten Vorteil herausholen zu wollen und auf diese Weise mehr MINT-Studierende (Mathematik, Information, Naturwissenschaften, Technik) zu uns zu holen, weil wir eine zusätzliche Hürde weniger hätten.

Standard: Warum haben Sie die Voranmeldung nicht mitgemacht?

Skalicky: An der TU Wien war das Rektorat der Meinung, dass dies die Planbarkeit nicht erhöht, sondern hauptsächlich zusätzlichen Verwaltungsaufwand bringt. Das ist kaum eine brauchbare Methode, die Studierendenströme zu leiten, vor allem, wenn beliebig viele Mehrfachanmeldungen möglich sind. In Graz sollen Parallelanmeldungen für 50 Studien aufgetaucht sein. Davon wird man dann nicht klüger.

Standard: Ist das die Planbarkeit, die die Rektoren brauchen, um das neue Semester zu planen - oder meinen die Rektoren unter besserer Planbarkeit etwas ganz anderes - zum Beispiel ein ordentliches Budget oder Zugangsregelungen?

Skalicky: "Zum Beispiel" ist gut! Natürlich ein ordentliches Budget - festgemacht in Leistungsvereinbarungen, die noch stark verbessert werden müssen. Ordentlich wäre das ja, aber ausreichend nicht. Für die Planbarkeit unerlässlich ist aber jedenfalls die Feststellung der Kapazitäten der Unis. Alles auf der Welt hat Kapazitätsgrenzen, auch die Beförderung mit der Eisenbahn, nur dort spricht man nicht von Zugangsbeschränkung. Es tut schon fast weh, das dauernd erklären zu müssen.

Standard: Wo haben Sie an der TU Wien Kapazitätsprobleme?

Skalicky: Vor allem in Architektur und Informatik sind unsere Kapazitäten nicht ausreichend für den Andrang. Für Architektur haben wir realistischer Weise 450 bis 480 Studienplätze für Neuanfänger. Tatsächlich aber kommen 1000. In Informatik ist das Verhältnis ähnlich. Das sind ja auch Fächer, in denen die Studieneingangsphase bereits sehr betreuungsintensiv ist. Das kann sich dann nicht ausgehen. Wir müssen 1000 aufnehmen, die Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz oder die Angewandte haben ihr Meisterklassenprinzip und nehmen 15 Studierende auf, oder, wenn sie grad gut drauf sind, vielleicht 27. Ich gönne jedem sein Meisterklassenprinzip, aber dann müssen wir so etwas Ähnliches einführen, um die Betreuungsqualität sicherzustellen. Die jetzigen gesetzlichen Regelungen sind weltfremd.

Standard: Sie waren jetzt 20 Jahre Rektor der TU Wien - ein stetes Bergab, wenn Sie sich die Unipolitik und die Budgetierung ansehen?

Skalicky: Keineswegs, was die Erweiterung der Autonomie und die Verfassung der Unis angeht. Das war und bleibt ein großer Fortschritt und Vorteil. Was das Budget angeht, ja, weil die Schere zwischen Anforderungen und Finanzierung immer weiter aufgegangen ist. Das betrifft nicht nur die Lehre, sondern wesentlich auch die Forschung, für die teure Infrastruktur erhalten werden muss.

Standard: Was - anstatt Voranmeldesystemen - erwarten Sie von der Regierung?

Skalicky: Eine Einigung über die tatsächlichen Kapazitäten der Unis und die Möglichkeit, im Rahmen der Autonomie die Studierenden selbst auszuwählen wie bei den Fachhochschulen ist in der Tat vordringlich. Es ist eine falsche und böswillige Unterstellung, zu meinen, die Unis würden dann die Aufnahmebedingungen so schwer machen, dass möglichst wenige Studierende kommen, um in Ruhe forschen können. Wir wollen viele Studierende, wir wollen aber auch die, die wirklich interessiert und begabt sind. Ein Studium muss Freude machen und Befriedigung verschaffen und dafür müssen beide sorgen: die Universität und die Studierenden.

Standard: Würden Sie dieses Auswahlrecht der Unis auch für jene Fächer wollen, wo die Kapazitäten größer sind als der Andrang?

Skalicky: Ja, ich würde das grundsätzlich so handhaben. Es gibt genügend Beispiele für erfolgreiche Vorgangsweisen, die ohne K.-o.-Prüfungen auskommen, beispielsweise mit einem Motivationsschreiben, einem Bewerbungsgespräch und ähnlichem. Wir werden aber für freie Kapazitäten auch weiterhin Werbung betreiben. Wir wollen ja durchaus die Absolventenzahlen erhöhen, für die große Nachfrage besteht, beispielsweise Maschinenbau. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 2.9.2011)

PETER SKALICKY (70), Physiker, amtiert seit 1991 als Rektor der TU Wien. Von 1995 bis 1999 war er Präsident der Rektorenkonferenz. Seit September 2010 ist er Mitglied des Rates für Forschung und Technologieentwicklung. Am 1. Oktober endet seine Amtszeit. Ihm folgt Vizerektorin Sabine Seidler als Rektorin.

 

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BarbaBianco
 
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Nur dieser Rektor denkt mit!

Eigentlich beschämend, dass alle anderen Rektoren die Fähigkeit des Denkens irgendwo verloren haben.

Als Mensch mit Organisationserfahrung kann man ja nur entsetzt sein. Mit viel Aufwand hat man letztendlich genau nichts erreicht. Wenn das die Fähigkeit des Planens als Maßstab für anderes AGIEREN klassifiziert, braucht man sich über nichts wundern. Das finde ich erschreckend - und irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Schrei nach mehr Geld dadurch nicht glaubwürdiger ist.

Peterhase71
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ich hab da mal

eine provokante These:

Alternative ist die Einführung von Privat-Unis (wo ein Bedarf, da auch ein Markt), mit Stuidiengebühren und Auswahlverfahren.
Ich glaube DAS wollen aber die wenigsten hier - oder?!

Stichwort 2-Klassen-Akademiker. Bei den Business-Schulen gibt es das eh schon.
;-)

SiSe
01

Privatunis gibt's eh schon in Ö... (siehe UMIT)

keywords
01

ich finde ein motivationsschreiben sehr sinnvoll. man ist gezwungen, sich mit dem studium auseinander zu setzen.

und 50 motivationsschreiben macht wohl auch kaum einer.

pox vobiscum
21

Die Ferien sind lang und wer soll denn den ganzen Schas (entschuldigung) lesen und auf Plagiate/Kopien überprüfen?

wwwtom
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Wenn man den Leuten Hürden baut, dann gewinnen nur die Schummler.

Wir sollten uns doch endlich in der Bildungsdiskussion auf den Kernpunkt die Ausbildung konzentrieren, nicht auf einen immer noch blöderen Verwaltungszirkus. Je mehr Hürden, um so mehr prduzieren wir Sesselkleber und Schummler, statt interessierte lernbegeisterte Leute.
Wir sollten auch endlich Leute ausbilden die selbständig denken und sich selbst weiterbilden können, statt hautsächlich Anpassungsleistungen zu erbringen und sich nach oben zu ducken und nach unten zu treten.
Wir sind doch kein Inselmarkt, unsere Ausbildung ist im Wettbewerb mit dem Rest der Welt. Da sollte doch endlich der Inhalt zählen, damit wir uns alle auf ein höheres Niveau weiterentwickeln können und den Menschen endlich nicht mehr als fremdsteuerbaren Automaten behan

paul der oktopus
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Ich bin auch für Motivationsschreiben und Bewerbungsprozesse.

Im Herbst mach ich ein Auslandssemester in der Schweiz und dort musste ich ein eben solches Motivationsschreiben anfertigen. Der Vorteil: beim Schreiben denkt man sehr intensiv darüber nach was man will und auch warum.
Weiters wollte die ETH sämtliche meiner Scheine sehen und... ach ja: Studiengebühren gibt es auch. Trotzdem reißen sich die Studenten um die Plätze. Geringe Drop-out Quote, viele Absolventen.... Woran das wohl liegt?

Peterhase71
41
NC

es hat mir noch immer NIEMAND eine vernünftige Anwort geben können, was gegen einen Numerus-Clausus spricht!
In allen anderen Bereichen machens wir doch aus so, was in D gut funktioniert -wird übernommen, die DIN, die D-Mark, die Steuergestzgebeung, wahrscheinlich auch die Abschaffung der Wehrplicht!
Man braucht doch nur dieses gut funktionierende System - bei dem es kaum Studienüberfüllung gibt und weniger Chaos - kopieren.
Es ist villeicht NICHT das beste System, aber es wäre das einfachste und billigste, das funktioniert!
... und die Herren Politiker aller Couleur könnten sich abputzen: "Die Deutschen machen das ja auch so..."

keywords
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ganz einfach.

gute schulnoten sagen nix über durchhaltevermögen/wissen/begabung/intelligenz aus.

ich denk doch, das ist ein ganz entscheidendes argument.

Peterhase71
01
Na dann

stimmt aber WIRKLICH was nicht am Schulsystem!
Wozu dann überhaupt noch Schul-Noten?

le chat botté
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Der Schluss, guter Schüler ist gleich fleißiger oder begabter Student ist unzulässig.

pox vobiscum
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Das kann ich, wenn ich beobachte, was aus meinen Klassenkameraden so geworden ist, bestätigen.

eXophobia
 
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Ich habe einige Leute einer Abendschule kennengelernt, die exzellente Techniker abgeben.
Einige von ihnen könnten sowohl gängige FH Fächer belegen als auch an der Uni studieren.
In den sprachlichen Fächern allerdings, hängen viele von ihnen hinten nach und auch trotz vieler Übungsstunden ist es ihnen nicht möglich, dieses Defizit aufzuholen.

Dagegen spricht also, dass der Zugang zum Studium unnötig erschwert und manchen vollständig verbaut werden würde.
Unter'm Strich ist es irrelevant wie viele Rechtschreibfehler ein Mathestudent macht wenn seine Gleichungen und Rechnungswege einwandfrei sind.

Peterhase71
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das heisst ja nicht,

dass bei einem NC alle NUR 1er in allen Fächern haben müssen, das wäre ja auch weltfremd!
Weiter hinten beschreibe ich im Blog, wie es in D auch möglich ist seine Zugangsmöglichkeiten bei schlechtem Notenschnitt zu verbessern (Studienspezifische Berufsausbildung, Praxisjahre, freiwilliges soziales Jahr, etc) und das praktizierte Nachrück- bzw. Losverfahren.

eXophobia
 
00
Hallo Peterhase.

Wie das in D aussieht weiß ich nicht, finde derlei Einblicke aber durchaus interessant.

Die Möglichkeiten die aufgezählt wurden finde ich im Prinzip nicht schlecht, ändert an meiner letzten Aussage wenig.
Beziehe ich das Beispiel auf mir bekannte Abendschüler, dann würden sie mit diesem System dennoch deutlich schlechtere Aufnahmechancen an einer Universität haben.

Die Durchschnittsnote der Matura wird naturgemäß im Schnitt unter dem von jugendlichen Maturanten liegen.
Die Anrechnung von Praxisjahren, die weiter oben angeführt wurde, käme hier zwar zum tragen, hätte allerdings eine Ausnahme: Wenn ein Studium außerhalb des bisherigen Berufsfeldes angestrebt wird.

Frage am Rande:
Auf welchen Blog beziehst du dich?
Evtl. das Zitat um 23:23?

Peterhase71
00
NC laut Wikipedia:

1.Die ersten 20 % der zur Verfügung stehenden Plätze werden entsprechend der Abiturdurchschnittsnote (Leistungsquote) vergeben.

2.Weitere 20 % der Zulassungen erfolgen nach der Zahl der Wartesemester.

3.Die verbleibenden 60 % können die Hochschulen selbständig nach festgelegten Kriterien verteilen:
-Abiturnote,
-Berufspraxis,
-gewichtete Einzelfachnoten,
-fachspezifischer Test,
-Auswahlgespräch,
-Ortspräferenz
sowie Kombinationen dieser Kriterien.

Schreck
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na genau, und ein blöder Lehrer/eine blöde Lehrerin haut dir den Notenschnitt zam und du kannst das Studium vergessen, großartig.

pox vobiscum
01

Die gesamte Regierung scheint mir etwas weltfremd zu sein. Möglicherweise ist sie auch nur inkompetent, feige und verantwortungslos.

(das nur in meinem letzten Satz gefällt mir irgendwie nicht, ich glaube, ich sollte mir ein anderes Wort ausdenken...)

Schreck
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Peter Skalicky ist doch der einzige Rektor, der nach wie vor den WKR-Ball unterstützt, wenn ich mich nicht täusche.

Standardabweichung
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Stimmt leider.

curieux
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Weiß ich nicht.

Ist auch für das Thema absolut unerheblich. Aber irgendetwas "wenn ich mich nicht täusche" müsst ihr Mistkübelstierer auch ausgraben. Pfui Teufel.

Anticitizen1
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Sie täuschen sich.

Er unterstützt ihn nicht, sondern er hat eine neutrale Einstellung zu diesem Ball, den standard.at-Artikeln nach. Meines Wissens nach war er weder beim Ehrenkomittee oder Ehrenschutz gelistet, noch hat er sich öffentlich FÜR den Ball ausgesprochen, oder diesen finanziell unterstützt.

Schreck
01

Er hat eine Grußbotschaft gesendet.

Got Your Nose!
01

eisenbahn ist ein dummer vergleich. wenn der kapazitätsbeschränkte zug nur einmal pro jahr abfahren würde, gäbe es auch aufschreie.

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