Eine schwere Datenpanne bei der Aufdecker-Plattform hat dazu geführt, dass hunderttausende US-Dokumente in nichtredigierter Form veröffentlicht wurden - Den Informanten droht die Enttarnung und große Gefahr
Eifersüchteleien zwischen dem Wikileaks-Gründer Julian Assange und
früheren Kooperationspartnern haben jetzt einen verheerenden
Datenmissbrauch offengelegt. Offenbar können Computerspezialisten schon
seit Monaten im Internet mehr als 250.000 jener Dokumente im Original
nachlesen, die von dem Internet-Portal im Dezember 2010 in redigierter
Fassung veröffentlicht worden waren. Wikileaks macht nun dafür David
Leigh, einen Reporter des Guardian, verantwortlich: Dieser habe "in
bisher unentdeckter Weise entweder grob fahrlässig oder böswillig
gehandelt". Man bereite eine Zivilklage vor. Das Blatt weist die
Vorwürfe zurück.
Kenner halten die Sicherheitspanne, jenseits jeder Schuldzuweisung, für
katastrophal; für US-Informanten in autoritären Staaten wie China, Iran
oder Russland könnte die Veröffentlichung von Klarnamen lebensgefährlich
sein. Die US-Behörden fühlen sich bestätigt. "Wir haben die ganze Zeit
über die Gefahren gesprochen", sagte Pentagon-Sprecher David Lapan.
"Sobald Wikileaks solche Dokumente zur Verfügung stehen, gehen die
Informationen raus, egal ob gewollt oder nicht."
Wikileaks wirft dem Guardian Verrat vor: In einem Buch über Assange habe
Leigh ein "streng geheimes Passwort" zum vollständigen Archiv genannt.
Tatsächlich enthält das im Februar veröffentlichte Buch Inside Julian
Assange's War on Secrecy das Passwort, nicht aber den "Standort" der
Computer-Akte. Der Australier habe damals den Journalisten gegenüber
ausdrücklich betont, das Passwort sei nur temporär, konterte der
Guardian. "Wenn Wikileaks dies für ein Sicherheitsproblem hielt, hatten
sie sieben Monate Zeit, die Dokumente zu löschen."
"Manipulativer Informant"
Kenner der Materie vermuten einen Zusammenhang mit dem Zerwürfnis
zwischen Assange und seinem früheren deutschen Partner Daniel
Domscheit-Berg. Der spätere Gründer von Open Leaks hatte offenbar vor
seinem erzwungenen Abschied von Wikileaks alle Daten kopiert; in den
Wirren der Auseinandersetzungen könnten die unredigierten Akten dann im
Internet gelandet sein, spekuliert Spiegel Online.
Wikileaks hat seit vergangenem Jahr hunderttausende US-Dokumente
publiziert, bei denen die Namen potenziell Gefährdeter stets geschwärzt
wurden. Das Material geht möglicherweise auf den US-Soldaten Bradley
Manning zurück, der seit Mai 2010 in Haft sitzt. Die US-Justiz
verdächtigt Assange, er habe Manning zum Datendiebstahl angestiftet.
Im Vorfeld der Veröffentlichung des brisanten Materials arbeitete
Assange eng mit etablierten Medien - neben Guardian auch New York Times,
El País sowie Der Spiegel - zusammen. Alle haben sich mittlerweile mehr
oder weniger deutlich von ihm distanziert. New York Times-Chefredakteur
Bill Keller: "Wir haben ihn nie als Partner betrachtet, sondern als
schwer einzuschätzenden, manipulativen Informanten."
Assange lebt zurzeit unter Hausarrest in England. Die schwedische Justiz
legt ihm sexuelle Vergehen zur Last. Ein Auslieferungsverfahren läuft. (Sebastian Borger aus London, STANDARD-Printausgabe, 2.9.2011)