Uni neu: Plädoyer für den "Studienscheck"

Kommentar der anderen

Mehr Marktorientierung und höhere Bildungsqualität schließen einander nicht zwangsläufig aus - Von Herbert Lochs

Quo vadis, universitas? - das fragen sich die Akteure an den vielen Fronten der akademischen Praxis nicht erst, seit mein altphilologischer Exkollege Karlheinz Töchterle das herausfordernde Amt des Wissenschaftsministers geschultert hat. Die Zukunft unserer Hohen Schulen - eine nationale Schlüsselfrage für ein kleines Land, dessen wichtigster Rohstoff neben Wiesengrün und Pulverschnee die Bildung und Kultur seiner Bürgerinnen und Bürger ist - befindet sich nicht auf jenem Niveau internationaler Wettbewerbsfähigkeit, das wir brauchen. Natürlich geht es trotz der Budget- und Sparzwänge um mehr Geld für mehr Studierende (von der Regierung bisher bloß unverbindlich in Aussicht gestellt), aber es geht auch um neue Ideen und neue Wege abseits der argumentativen Trampelpfade unserer Bildungsdebatte.

Die Fragen lauten: Was ist uns die Wissensgesellschaft wert, wie kommen wir aus der Pattsituation zwischen freiem Universitätszugang und beschränkten Ressourcen heraus, wie schaffen wir einen Anreiz für die Universitäten zur Verbesserung der Studienbedingungen und wie finden wir alternative Zugänge zur Mittelaufbringung?

Mein Vorschlag lautet: der Studienscheck. Der Studienscheck ist ein Gutschein für ein Studium an einer österreichischen Universität in der Regelstudienzeit, den österreichische Maturanten und Maturantinnen direkt vom Staat erhalten. Bei der Inskription bezahlen Studierende mit diesem Studienscheck der Universität ihrer Wahl deren personellen und organisatorischen Aufwand für jenes Studium, das sie sich ausgesucht haben. Der Staat finanziert also nicht direkt die Unis, sondern er finanziert den Studierenden die Kosten jener Ausbildung, die die auserwählte Hochschule den Studenten bereitstellt. Unabhängig davon stellt der Bund wie bisher die notwendige Infrastruktur für Forschung und Lehre zur Verfügung wie Gebäude, Hörsäle, Labors.

Was wären die Vorteile eines solchen Systems? Ich sehe Vorteile für alle Beteiligten:

  • Der Staat bezahlt nur für Studierende aus Österreich und hat auch die Kontrolle über deren Studienfortschritt. Der Studienscheck könnte je nach Erfolg des Studienverlaufs erhöht oder gekürzt werden. Das Modell bietet auch Steuerungsmöglichkeiten für den Staat: Um gewisse Fehlentwicklungen in der Studienwahl zu korrigieren, kann man etwa Mint-Fächer - Naturwissenschaft und Technik, was zu selten studiert wird - mit einem höheren Scheck honorieren und Massenfächer nicht ganz ausfinanzieren. Nicht aktiven Studierenden könnte der Studienscheck gekürzt werden etc.

Das Wissenschaftsministerium könnte auch im Rahmen der Leistungsvereinbarungen herausragenden Unis oder exzellenten Studienangeboten höhere "Schecks" zumessen, also Mehreinnahmen.

  • Die Studierenden haben freie Studienwahl, die Notwendigkeit von Zugangsbeschränkungen wäre ebenso vom Tisch wie die Studiengebühren, um die sich eine zunehmend lähmende und fruchtlose Kontroverse dreht. Wenn - wie in diesem Modell - nur Österreicher den Studienscheck erhalten und nur jene Numerus-clausus-Flüchtlinge nicht wegfallen, die selbst zahlen, entspannt sich die Problematik überfüllter Hörsäle und überlaufener Studien. Mittelfristig können außerdem je nach Bedarf neue Studienplätze geschaffen werden, weil mehr Anmeldungen den Unis auch mehr Geld bringen. Die Attraktivität dieses Vorschlags ist, dass sich das System flexibel selbst regelt: Wer ein besseres Studium anbietet, hat mehr Studenten. Die Abstimmung über die für ein Studium beste Uni findet mit den Füßen statt. Auch in Amerika funktioniert das so, obwohl an den Elite-Unis hohe Gebühren anfallen. Qualität ist aber der beste Nachfrage-Impuls.
  • Die Universitäten treten in einen Wettbewerb und werben mit besseren Studienbedingungen - mehr Studenten bedeuten mehr Uni-Budget und ermöglichen die Anstellung von mehr Professoren und bessere Betreuungsverhältnisse. Die Universitätslandschaft wird also zum marktorientierten System. Außerdem könnten Universitäten neue Einnahmequellen erschließen, indem sie zusätzliche Studienplätze je nach Möglichkeit auch anderen Interessenten anbieten. Das kann von jenen ausländischen Studierenden, die wie an den Privat-Unis selbst bezahlen bzw. deren Familie für sie bezahlt, bis zu bildungshungrigen Senioren oder Seniorinnen gehen. Von all diesen Studierenden können die Universitäten derzeit keine Beiträge verlangen. Selbstverständlich würde dies auch ermöglichen, dass ein Land Studienplätze für seine Bürger an einer österreichischen Uni "kauft" - ein Wunsch, der immer häufiger an österreichische Unis herangetragen wird, dem aber derzeit nicht entsprochen werden kann. Österreichische Studierende mit dem Studienscheck hätten bei der Studienplatzvergabe natürlich Vorrang.

Das Modell wäre rasch umsetzbar, da die Kosten pro Studienplatz an sich für die geplante Studienplatzfinanzierung schon berechnet sind. Es müsste lediglich der Weg der Finanzierung geändert werden.

Den Unis sind in einem solchen Modell Darlehens- und Rückzahlungsmodelle kein Anliegen. Das sind politische, staatliche Entscheidungen. Unis sind Science-Provider, sind die Qualitäts-Schmiede der Nation - das ist anspruchsvoll genug.

Ich hoffe, dass mir jetzt niemand "Si tacuisses ..." entgegenschleudert. Denn das hieße, dass wir mit unserem hochschulpolitischen Latein am Ende wären. Dem ist keineswegs so. Quod erat demonstrandum. (Herbert Lochs, DER STANDARD; Printausgabe, 2.9.2011)

Autor

Herbert Lochs ist Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck.

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auweh, ich sehs vor mir:

töchterle: "geh, lochs, oida fux, schreib ma a bissal wos positives, oba mochs ned zu auffällig gö? vagölts gott, i werd di ned vagessn, wenns ums göld geht!"

der dialekt paßt wohl nichtganz, aber was solls. es paßt vieles nicht in den hirnen dieser leute.

Familienbeihilfe statt Scheck

Die von Rektor Lochs vorgeschlagenen Steuerungsmöglichkeiten durch einen Studienscheck wären zu begrüßen.
Allerdings würde ein neues Schecksystem neue Bürokratie verursachen.
Viel einfacher ginge es über die Auszahlung der Familienbeihilfe. Studierende an Unis und FHs erhalten eine entsprechend hohe Beihilfe mit der dann Studiengebühren finanziert werden.
Man mag zu Studiengebühren stehen wie man mag. Ich bin Verfechterin eines absolut freien Hochschulzuganges. Wenn unsere Unis aber von Studierenden "gestürmt" werden, ist diese Steuerungsmethoden überlegenswert. Die Kosten der Studienplätze werden abgedeckt, bessere und mehr Lehrende können von den Unis finanziert werden, etc.

Die ganze Debatte um Studiengebühren (150 Mio Euro) und Zugangsbeschränkungen auf den Punkt gebracht:

Österreich bekennt sich zu mehr Bildung und besserer Durchmischung von Arm u. Reich. Zugangsbeschränkungen sind tatsächlich erforderlich, da die finanziellen Kapazitäten durch das Finanzministerium abgewürgt wurden, um den Leuten die Studiengebühren als einzig vernünftige Lösung darzulegen und somit dem politischen Gegner (der SP) eins auszuwischen.

Um nichts anderes geht es.

In Anbetracht von 12 Mrd Koralm (7 versandet), 2 Mrd Schwechat (1.2 versandet), 2 Mrd Eurofighter, 3.8 Mrd GRhilfe und 5 Mrd Bankenrettung sind Studiengebühren ein verpuffender Politikerwitz.

1-2 Mrd für Bildung lockermachen. Jetzt. Das Geld ist da, allein der Wille und der Lobbyist fehlen.

Adieu Zukunft.

Auch die jetzigen 50 jährigen werden noch darunter leiden.

Kann mir jemand sagen wieso die EU nicht versucht ne Lösung zu finden? Immerhin sollte es ja im Sinne der EU sein, dass die Studenten wandern und gewisse Konflikte sind da ja dann vorprogrammiert.

Der EU ist es doch recht,

wenn alle nach A gratis kommen können

Quo vadis? Auf den Marktplatz.

Dort steuert dann die Marktaufsicht alle Studierenden, die sich durch Arbeit während des Studiums ihr Leben selbst finanzieren müssen, hinaus. Die Unis werden entlang ihrer "Marktfähigkeit" mit Geldmitteln ausgestattet, oder kriegen die auch einen "erfolgsabhängigen" Scheck? Lauter Schecks, die womit gedeckt sind?

Als Bildungsexperte stehe ich in der Verantwortung, die Öffentlichkeit zu informieren:

Wir brauchen Studiengebühren + Zugangsbeschränkungen.

fragen's doch lieber einen Experten um Rat.

was heißt nicht aktiv? ist man nicht aktiv wenn man arbeitet, alle prüfungen gemacht hat und nur mehr die diplomarbeit/prüfung aussteht? neben einer vollzeit arbeit dauert das dann gerne mal ein jahr oder länger...

was wäre mit diesem studenten? kapazitäten werden von ihm keine mehr verbraucht, kosten sind minimal. er"sie bezahlt dafür steuern. und bitte nicht von einzelfällen sprechen, das betrifft sehr viele studenten.

George W. Bush

die Idee mit dem Scheck hat er sich von George W. Bush abgeschaut, der wollte das sogar für die Volksschule einführen, damit es auch dort mehr Wettbewerb gibt. Indirekt ist es eine Methode, wie man Geld von den staatlichen Schulen und Unis hin zu den privaten umlenkt, mehr nicht.

Das ist ja auch durchaus sinnvoll.

Die von den Studierenden verursachten Kosten sind ein Bruchteil der sonstigen Kosten des Universitätsmolochs.

Da haben Sie Recht. Aber der Bruchteil liegt nahe bei Eins.

Lassen Sie sich die Universitätsbudgets kommen.

Universitäten sollen nicht im Wettbewerb zueinander stehen sondern kooperieren!

Dieser "Wettbewerb und Konkurrenz um jeden Preis"-Gedanke ist doch sowas von 2000...

der studienplatz, alleine die dirketen kosten für lehre/verwaltung

macht ja auch ein paar tausender im jahr,
wenn man jetzt nach der regelstudienzeit aus dem modell rausfällt oder das studium wechselt,
muss man ordentlich ins börserl greifen.

das macht das studium zu einem unwägbaren risiko für jeden der die scheine nicht so rumliegen hat.

die rechtliche sicht, planbarkeit/verwaltung sind ja auch nicht so klar, oder vielleicht eh klare hinderungsgründe.

das ist dermassen gestern,

da fragt sich echt, in welcher zeit so mancher akademischer Bürokrat so lebt...

alternativen sind notwendig

hier gibt es einen ähnlichen vorschlag, aber auf ECT-punkten basierend und damit den unterschiedlichen kostenberechnungen je studium rechnung tragend:
http://diepresse.com/home/bild... Profiteure

Endlich wird mal diskutiert.

Nicht immer nur das stupide: "Wir brauchen Studiengebühren + Zugangsbeschränkungen."

> Um gewisse Fehlentwicklungen in der Studienwahl zu korrigieren, kann man etwa Mint-Fächer [...]

Wer bewertet diese "Fehlentwicklungen"?
Warum sind Nicht-Mint-Fächer weniger erstrebenswert?
Weil es vielleicht schwieriger ist den "direkten Nutzen" (für die Wirtschaft => lol) zu sehen?

Halt wieder (der x-te) Drücker aus der Senftube.

Nicht einmal 1% machen die Ausgaben für die Universitäten von der gesamten Wirtschaftsleistung Österreichs aus. Und dafür werden seit Jahren Berge an grauen Gehirnzellen bewegt. Wirklich zu blöd, sich mit all diesen Vorschlägen noch auseinanderzusetzen, während die Hypo-Alpe-Adria, gerade mal wieder 1,5 Mrd. braucht (Uni-Budget zum Vergleich: rund 2,7 Mrd.). Schluss mit dieser Debatte. Lässt dieses Land einfach weiter vertrotteln.

äh, ja.

also nach dem motto: liebeR herr/frau XY, dieses jahr haben sich leider 17 studenten zuwenig für ein studium an dieser universität entsdchieden. ich weiss, sie stehen forschungstechnisch vor dem durchbruch und ihre geräte haben ja auch einiges gekostet.. das is natürlich blöd, aber sie werden bis nächstes jahr warten müssen. heuer passen sie leider einfach nicht ins budget.

Aufgelegt EU-rechtswidrig. Ich frage mich warum es offenbar auch für Rektoren nicht möglich ist, sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen.

Eventuell wäre es möglich, Studienschecks als Stipendien für Lebenshaltungskosten aufzulegen und durch Studiengebühren teilweise zu finanzieren. Für solche Stipendien kann man eine vorherige Mindestaufenthaltszeit in Östereich fordern.

Ausländerfeindlichkeit auf elitär. *puke*

Sehe ich nicht so

Jeder Staat hat Interesse seine eigenen Mitglieder (=Bewohner seines Gebietes) zu fördern.

Natürlich sollten alle Leute, die in Österreich die Schule abgeschlossen haben und/oder Staatsbürger sind, diesen Scheck in Anspruch nehmen dürfen - alles andere wäre diskriminierend (ich denke, der Autor hat das auch so gemeint).

Für Leute, die aus anderen Bildungssystemen kommen, muss das nicht unbedingt gelten.

Warum sollte ein Staat Leute noch zusätzlich fördern, die nur hier studieren wollen, aber weder hier aufgewachsen sind, noch vorhaben hier zu bleiben?

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