Konflikt in Tschetschenien

"Keinerlei Ansätze für friedliche Lösung des Konflikts"

Interview | Elisabeth Lind, 2. September 2011, 10:32

Politikwissenschafter Thomas Schmidinger im Interview mit derStandard.at

Tschetschenien kommt nicht zur Ruhe. Erst am Dienstag starben bei einem Selbstmordanschlag in der Hauptstadt Grosny wieder neun Menschen. Der Politikwissenschafter Thomas Schmidinger beschreibt im Gespräch mit derStandard.at die aktuelle Situation, analysiert mögliche Hintergründe und zeigt Lösungsszenarien auf.

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die aktuelle sicherheitspolitische Lage in Tschetschenien nach dem jüngsten Selbstmordanschlag in der Hauptstadt Grosny?

Schmidinger: In den letzten Jahren ist es Ramsan Kadyrow, dem von Russland eingesetzten Präsidenten Tschetscheniens gelungen mit einer extrem autoritären Politik die Sicherheitslage zu verbessern. Der Preis dafür war die Errichtung einer Schreckensherrschaft der so genannten Kadyrowzy, also der berüchtigten Paramilitärs und Polizeikräfte des Regimes. Die in ein islamistisches und nationalistisches Lager gespaltene bewaffnete Opposition wurde damit aber nicht völlig besiegt. Insbesondere das islamistische Lager, das sich in den letzten Jahren auch an internationale gihadistische Netzwerke angenähert hat, wurde damit nur in andere Teile des Nordkaukasus abgedrängt. Während Tschetschenien also dank der extremen Repression relativ sicherer wurde, ist die Sicherheitssituation in anderen russischen Republiken des Nordkaukasus zunehmend schlechter geworden.

derStandard.at: Das heißt, die Gewalt hat sich von Tschetschenien auf die Nachbarrepubliken verlagert?

Schmidinger: Besonders schlecht ist die Sicherheitssituation derzeit in Dagestan, wo auch eine nicht zu vernachlässigende tschetschenische Minderheit in der Region um die Stadt Chassawjurt lebt. Obwohl sich die Gewalt teilweise in die anderen nordkaukasischen Republiken verlagert hat, hat der Anschlag vom Dienstag einmal mehr demonstriert, dass auch Tschetschenien selbst nicht sicher ist. Die Region ist weiterhin als Krisengebiet zu werten und weit davon entfernt für die Bevölkerung sicher zu sein.

derStandard.at: Welche Gründe gibt es für die andauernde Gewalt im Kaukasus?

Schmidinger: Der letztlich auf den russischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts zurückgehende Konflikt um die Unabhängigkeitsforderungen der Tschetscheninnen und Tschetschenen wurde nicht gelöst, sondern nur mit Gewalt unterdrückt. Da sich der Westen nicht um die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen in der Region gekümmert hat, konnten im letzten Tschetschenienkrieg immer mehr gihadistische Gruppen, die vielfach aus dem Mittleren Osten und nicht aus der Region selbst kamen, in Tschetschenien Fuß fassen. Tschetschenien wurde dadurch für viele dieser Gruppen zu einem Schauplatz des Gihads gegen die Ungläubigen.

derStandard.at: Welche Rolle spielte Russland?

Schmidinger: Die russische Regierung hat diese Entwicklung benutzt um jede Unabhängigkeits- und Autonomieforderung in Tschetschenien gleich als terroristisch zu denunzieren. Letztlich haben wir es im Nordkaukasus mit einem anhaltenden Kolonialkonflikt zu tun, der durch externe Player zusätzlich verschärft wird.

derStandard.at: Inwieweit sind die politischen Strukturen Tschetscheniens durch mafiaähnliche Verbindungen durchwandert?

Schmidinger: Ich würde nicht sagen, dass diese Strukturen durch mafiaähnliche Verbindungen durchwandert sind, sondern, dass sich die politischen Strukturen selbst oft mafiaähnlichen Methoden bedienen. Unter den Kadyrowzy befinden sich viele Kriminelle und Ramsan Kadyrow selbst ist der Kopf dieser kriminellen Organisation, die leider auch in Westeuropa aktiv ist und gegen tschetschenische Oppositionelle vorgeht. Auch in Österreich gab es leider nach dem Mord an Umar I. 2009 kein Interesse die politischen Hintergründe dieses Mordes ausreichend zu beleuchten.

derStandard.at: Welche Lösungsansätze gäbe es, um die nun seit Jahrzehnten andauernde Gewalt in Tschetschenien einzudämmen?

Schmidinger: Heute ist eine politische Lösung dieses Konfliktes viel schwieriger, als es in den 1990er-Jahren gewesen wäre. Grundsätzlich müsste es dazu aber die Bereitschaft geben eine politische Lösung anzustreben, die auf demokratischen und menschenrechtskonformen Vorgangsweisen basiert und die auch das Selbstbestimmungsrecht der nordkaukasischen Bevölkerungsgruppen mit einschließt. Letztlich müssen die Tschetscheninnen und Tschetschenen selbst über ihre Zukunft entscheiden können.

derStandard.at: Könnte Tschetschenien eine solche Entwicklung alleine schaffen?

Schmidinger: Eine so nachhaltig vom Krieg zerrüttete Gesellschaft würde auch intensive Hilfe der internationalen Gemeinschaft benötigen und zwar auf allen Ebenen: ökonomisch, politisch und mit dem Aufbau einer professionellen psychotherapeutischen Versorgung einer traumatisierten Gesellschaft. Im Moment sehe ich für eine solche friedliche Lösung des Konflikts allerdings leider keinerlei Ansätze. (Elin, derstandard.at, 1. September 2011)

THOMAS SCHMIDINGER, geboren 1974, ist Politikwissenschafter und Sozial- und Kulturanthropologe. Schmidinger beschäftigt sich unter anderem mit dem Politischen Islam und Mechanismen des Staatszerfalls. Seit 2004 unterrichtet er am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Im Jahr 2009 erschien der Sammelband "Dem Krieg entkommen? Tschetschenien und TschetschenInnen in Österreich" im Verein Alltag Verlag. 

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Nr.167
02
Kurz zusammengefasst:

Der Russe ist per se böse (hier: Kolonialist, Unterdrücker), gewährt keine Autonomie und psychotherapiert keine ganzen Teilrepubliken.

Den armen Tschetschenen gönnt man keine Abspaltung und Gründung eines eigenen Emirates, ja nicht einmal die Vorstufe dessen, nämlich die Autonomie will man diesen friedfertigen und an Verständigung orientierten Menschen gönnen.

Kadyrow ist ein übler Geselle, die österreichisch Behörden sind sinistre Handlanger desjenigen während die tschetschenischen Kämpfer sanft als "Oppositionelle" bezeichnet werden.

Die Russen wagen es tatsächlich diese tschetschenischen Aktivitäten terroristisch zu nennen, dabei kämpfen diese doch nur gegen Ungläubige und für die Errichtung eines Emirates.

Joseph EU
00
12.1.2012, 14:37
Kurz zusammengefasst....

der Tschetschene hat kein Recht auf sein eigenes Land und der Russe ist der Herr des Kaukasus....Vladikavkaz...na wie lange noch ???
Im Kaukasus gilt ein abgewandeltes Zitat von General Sheridian bezüglich der Tschetschenen etc....aber man kann es auch umdrehen - und so passiert es ja auch täglich....die Russen muss man natürlich verstehen, sie haben kein Land und werden täglich mehr, da ist man auf die kaukasischen Gebirge angewiesen, gell...einmal gestohlen, für immer gestohlen...die Tschetschenen wehren sich schon seit 200 !! Jahren gegen die Russkies....irgendwann werden sie es schaffen - und gut so....

Dies ist keine Übung!
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2. Von Konflikt zu Konflikt hüpfen, und doch keine Lösungsansätze?!

Sie sollten Sich also auf Inhalte konzentrieren, wo Sie eine Ahnung haben und als Politikwissenschafter auch Lösungsansätze bieten könnten. Aber "Islamexperten" wie Sie, egal ob "Linke" oder Rechte" (sofern diese Unterscheidung nach Breivik noch möglich ist), haben es heute nicht leicht, weil Sie sich mehr mit Polemik und weniger mit Wissenschaft beschäftigen.

Dass ernstzunehmende Zeitungen auf dieselben Meinungsmacher für so weit aus einander liegende Themen wie den Horn von Afrika, den Irak, Libyen, den Nahen Osten und den Kaukasus zurückgreifen, ist ein Beweis für Armut in Nachfrage und Angebot der Erklärungsansätze wichtiger Entwicklungen der internationalen Politik.

Zuckerlilly Zuckerlilly
00
"Dass ernstzunehmende Zeitungen auf dieselben Meinungsmacher für so weit aus einander liegende Themen wie den Horn von Afrika, den Irak, Libyen, den Nahen Osten und den Kaukasus zurückgreifen..."

Dann wäre also jeder Lehrstuhlinhaber für internationale Politik an sich schon ein Beweis für die "ein Beweis für Armut in Nachfrage und Angebot der Erklärungsansätze wichtiger Entwicklungen der internationalen Politik.", weil dieser Lehrstuhl ja die gesamte Bandbreite der internationalen Politik abdeckt?

Geht's noch?

Dies ist keine Übung!
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1. Von Konflikt zu Konflikt hüpfen, und doch keine Lösungsansätze?!

Herr Schmidinger,
noch in April wollten Sie uns in Der Standard erklären, warum man Libyens Teilung akzeptieren sollten.
http://derStandard.at/130187392... r-Kenntnis
Dabei war bei Ihnen überhaupt nicht die Rede von einem Selbstbestimmungsrecht der Libyer nach einer Einheit des Landes, auch unter einer neuen Führung, wie sie sich jetzt herausstellt. Evtl. haben Sie sich eine Meinung zu eigen gemacht, die in einigen US-think-tanks zirkuliert, die Ihren US-Aufenthalt finanziert haben. Zum Glück scheint sich die Teilungsoption in Libyen nicht zu bewahrheiten. Ihr Genosse von der Oster-Sacken hat dies anscheinend nun akzeptiert:
http://derStandard.at/131302509... m-Getriebe

RTA
 
01
Danke für ihre sachliche Kritik

in Bezug auf dieses "Universalgenie".

Was mich aber brennend interessieren würde, wäre diese Finanzierungsgeschichte des US Aufenthalts dieses Herrn - falls sie Links oder Infos haben, wäre ich mehr als dankbar :)

RTA
 
03
Österreich ist ein glückseliges Land

, denn es hat eine kleine Anzahl von Universalgenies: Darunter auch dieser Herr, der in der Tat Experte für so ziemlich alles zu sein scheint.

Tu felix austria...

hexe caracas
00
interesante Analyse

vor allem der Satz mit Kolonialkonflikt und externen Playern... passt für viele Länder der Welt...
und eines sollten die "Analysten" nicht vergessen-Psychologie dr Bevölkerung...Keil und Keil...

Werner Lischka
12
wenn die islamisten selbstmord ...

... begehen wollen, soll man sie nicht aufhalten.
die russen haben ein einfaches prinzip - solange aufstandsbewegungen die zaren in moskau nicht berühren, sind die lokalen herrscher zuständig. erst wenn das brandloch zu gross wird, kümmert sich moskau drum. ich schätze dass beim nächsten eingreiffen moskaus, die tschetschenische minderheit in sibirien zuwachs bekommen wird.
der hinweis des authors auf wirtschaftshilfe f. tschetschenien durch den westen ist echt stark - wird aber getoppt durch die forderung von massenpsychotherapie! ich glaube mit der umerziehung hat russland durchaus eigene erfahrung.

Igor Gassner
00
Lieder aber gibt es schon jetzt 14 - 20 %

Moslems in Russland mit einem russischen Minuswachstum der Bevölkerung und einem moslemischen plus da kann man kaum von Selbstmord sprechen sondern eher von Rückzugsgefechten auf Seiten Russlands

Werner Lischka
00
da kennen die russen aber ...

... einige sehr effiziente techniken das bevölkerungswachstum ungewollter minderheiten zu kontrollieren.
das durften u.a. die kosaken und tartaren erleben.
und dreinreden lies sich russland noch nie....

Heinz Anderle
 
25
Rußland ist groß, und Sibirien bietet viel Platz...

... für islamistische und gihadistische [sic] Fanatiker und Spinner zum Auslüften und Abkühlen.

Seit 1942 sollte man in Moskau eigentlich wissen, mit wem man es da zu tun hat.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Rudi Lölein
44

Frei von geist.

Joseph EU
00
11.1.2012, 23:31
Sie sagen es........

frei von Geist....

onlooker
02
schulanfang kommt bald wieder, werden die kinder haben vor diesen mördern

oder müssen sich die kinder wieder fürchten in ein theater zu gehen?, keinen weiteren kommentar

papst benedikt
08

russland sollte unbedingt auf die mannigfaltigen zurufe aus dem westen hören: denn der hat ja im irak und afghanistan eindrucksvoll bewiesen, wie man den terror besiegt und aus solchen ländern friedliche, blühende demokratien macht :)

philidor85
00

da machen sie sichs jetzt aber zu leicht

der mann ist nicht der geostratege der usa, insofern ist es unfair seine vorschläge mit dem verweis auf diese glorreichen kriege abzutun

papst benedikt
02

ich kritisiere nicht schmidinger für seine meinung sondern die westlichen profitmedien für ihre meinungsfront, innerhalb derer ausschliesslich solche meinungen veröffentlicht werden.
und das täglich, wie es sich für gute propaganda gehört...

philidor85
00

gut, das ist was anderes

bunk moreland
311

und war schmidinger auch schon mal in tschetschenien? oder ist er nur ein stubenhocker der aus 1000en km distanz das geschehen analysiert?

Jeannot81
 
00
meines wissens...

...ist der schmidinger ein sehr weit gereister wissenschaftler, inklusive sudan, irakisch-kurdistan und ich glaube eben auch kaukasus...ob er in tschetschenien war weiß ich nicht, aber stubenhocker ist er sicherlich keiner. als wissenschaftler muss man aber auch nicht zwingend einen konflikt vor ort an der front ausgetragen haben, um über ihn zu forschen.

karl radek1
05
wenn man 3 schablonen hat,

kann man damit so irgendwie zu jedem konflikt dieser erde was absondern.

nemo sander
05
er ist experte für eh fast alles

ähnlich wie hr. paal

superloser
24

Gibt es eigentlich irgend ein Problem auf dieser Welt, bei dem mal nicht die Schuld beim Westen zu suchen ist?

philidor85
11

puh...also wenn wir vor dem 19. jahrhundert nachsehen, sicher

danach wirds schwierig - jedenfalls wenn die üblichen verdächtigen frei von jeglicher schuld sein solllen

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