Galerien, fantastische Museen und eine spezifisch südliche Art von Energie, die man nicht als Dämmerzustand missverstehen sollte: Mexiko-Stadt
Zu den Künstlern, die El Centro, das historische Viertel von Mexiko-Stadt heute verwandeln, kommen wir gleich. Doch bevor wir die San Jeronimo hinunterschlendern, deren silbrig getunte Street Art Performer links liegen lassen, und die anarchistische UTA Galerie ultralinks, wollen wir lieber in die Auslagen der alteingesessenen Juweliere des Zócalo-Platzes schauen.
Wertanlagen sind ein brennendes Thema der Zeit, und so verraten selbst Kleinigkeiten, was Mexiko-Stadt unter hochkarätig versteht. Das heißt: Sofern man ein 485-Karat-Goldgerippe mit funkelnden Brillantenaugen klein nennen möchte. Auf grünen Samtpölsterchen liegen die Skelett-Amulette herum. Mal mit und mal ohne Sense, aber immer so skurril wie die Stadt ringsum. La muerte es un mexicano. Der Tod ist ein Mexikaner. Aber vorher wird schon auch gefeiert und gelebt - mal nach Art der fresas, wie die Yuppies von Mexiko-Stadt heißen, die Trendviertel wie die Zona Rosa oder das noble Condesa am Designerbarhocker festgeschraubt verschönern. Oder aber auf die eher verschlafene Tour: Im Kunstvideo des jungen Shootingstars Miguel Calderón werden Galeriebesucher mit einem schnarchenden Jaguar zusammengesperrt. Nach tagelangem, ermüdendem Kunstmarathon, mit Pflichtstopps an hochklassigen Adressen wie der Galería Enrique Guerrero, den Galerien OMR oder Kurimanzutto, steckt die Raubtier-Siesta im Inneren eines Art-Deco-Juwels an.
Vorsicht ist in dieser aufregenden Stadt, die sich immer öfter auch als Kunstmetropole präsentiert, prinzipiell geboten, auch in der pittoresken Innenstadt. Aber gehen wir es besser tranquilo an: An der Avenida 16 Septiembre reiben bloß chronische Figurkiller auf. Fünfzehnstöckige Hochzeitstorten zeichnen hier, hinter den Auslagen der alteingesessenen "Pastelería Ideal", die barocke Üppigkeit der umliegenden Fassaden nach. Schätze bietet das Centro Histórico, die historische Altstadt von Mexiko-Stadt, auf Schritt und Tritt: Der Kuppelbau des Palacio de Bellas Artes wurde gerade restauriert, und so rufen die politisch motivierten Wandgemälde eines José Clemente Orozco nun in frisch herausgeputztem Rahmen zur Revolution auf. Aber auch Großkapitalist Carlos Slim mischt mit, der reichste Mann der Welt, der einst den staatlichen Telefonkonzern Telmex aufkaufte, als der in Schwierigkeiten steckte, und später ein Vermögen daraus machte. Jetzt krallt sich Slim das alte Herz der Stadt, pumpt viel Geld in die maroden Gebäude des Centro Histórico, rüstet die Security auf - und wirft Kunst als Motor für die Revitalisierung eines Stadtviertels an. Günstige Mieten in zentraler Lage für Kreative, Sponsoring lokaler Kunstprojekte zählen zu den Investitionen ins neu entdeckte Humankapital. Und weil Señor Slim auch seine Familie beschäftigen muss, durfte Schwiegersohn Fernando Romero im benachbarten Shoppingviertel Polanco das kürzlich eröffnete, nach Slims verstorbener Frau benannte Museo Soumaya bauen. Werke von Rubens, Monet, Tintoretto, van Gogh, Dalí, Miró, antike Möbel, und die weltweit größte Sammlung präkolonialer Münzen verschanzen sich nun im Inneren einer sechsstöckigen Aluminium-Schnecke. Dazu setzt es ein Geschenk des Multimilliardärs an ganz Mexiko-Stadt - nämlich freier Eintritt für alle.
Raubkatzen und Torten-Architektur
Ein Gratis-Museum, Gold-Skelette für definitiv behaarte Männerbrüste, die Schläfrigkeit von Raubkatzen und Torten-Architektur erster Sahne. All das passt gut zu De Effe, wie die Chilangos, die Einheimischen, Mexikos Hauptstadt nennen - D. F. für Distrito Federal. Das klingt heute que chido - echt cool. Aber zugleich auch irgendwie administrativ, sachlich, als ob man einen 20-Millionen-Moloch, nach dem Großraum Tokio die zweitgrößte Stadt der Welt, lieber in Einzelteile zerlegen möchte, um ihr doch irgendwie Herr zu werden.
Keine schlechte Taktik. Denn tatsächlich lässt Mexiko-Stadt traditionelle Vorstellungen von Städten mühelos hinter sich. Achtzig Prozent aller Gebäude ohne baupolizeiliche Genehmigung, aber dafür in den kräftigen Farben einer großen Kulturnation angepinselt. In Mexiko-Stadt bedeutet Urbanisierung nicht unbedingt, dass man diese Stadt als Ganzes begreift. Das wird schon klar, wenn man im Landeanflug Richtung Benito Juárez Airport in den Mexico-Valley-Kessel eintaucht und das bunte Häusermeer überfliegt. Xochimilco, Ztapalapa, Tlalpan, Coyotepec - das waren noch vor wenigen Jahrzehnten eigenständige Städtchen, mit zentralen Plazas und eifersüchtig bewachten Dorfheiligen. Längst hat der Betonbrei der Vorstädte sie zum De-Effe-Moloch verklebt.
Eine Taxifahrt - oder zehn flotte Metro-Stationen - südlich des Centro Storico liegt Coyoacán, einer dieser Flecken, die im Laufe der Zeit aufgesogen wurden. Etwas Kleinstädtisches haftet dem malerischen Viertel bis heute an. Gekonnt setzen Schachspieler vor dem Musikpavillon der Plaza Hidalgo die großstädtische Hektik matt. Coyoacán hat Charme, und die Geschichten seiner alten Gemäuer sind dick wie Blut. Leon und Natasha aus Russland genossen hier ein wenig Zeit für Liebe und Exil, bis auch Trotzkis Eispickel-Tod Weltgeschichte war. Und klar: Da findet sich auch das berühmte kobaltblaue Haus von Frida Superstar, in dem die mexikanische Malerin mit der Monobraue einst ihre wilden Träume auslebte.
Das Bett, auf dem die Kahlo liegend und mit Hilfe von Spiegeln immer weitermalte. Der bunte Mosaikfrosch im Gartenteich, die Azteken-Köpfe und die alten Steine, die geheimnisvoll aus den Mauern ragen. Das benachbarte Gasthaus San Ángel mit den langen, schmalen Kakteen, die sich im Laufe der Zeit auch rund ums Haus des Kahlo-Ehemanns Diego Rivera zum prächtigen Gartenzaun zurechtgewachsen haben, ist nicht weit. Modern wirkt das Haus mit dem zackigen Fabriksdach und der Wendeltreppe aus schnörkellos glattem Beton noch heute, seine Bewohner waren es allemal.
Spätestens hier eröffnet sich schließlich eine weitere De-Effe-Facette. Denn Mexiko-Stadt war stets auch eine Stadt der Visionen, ein mitunter radikal gesetzter Meilenstein der Moderne. Egon Erwin Kisch, der berühmte Reporter raste durch die Stadt. Politische Zirkel und Bauhaus-Exilanten ließen in den Dreißigern eine Subkultur entstehen. Später studierten Che Guevara und Fidel Castro im bürgerlich-eleganten Stadtteil Roma Medizin und verschrieben sich selbst die Rosskur der Revolution. Das sieht man auch den kühnen Häusern an, die in den Sechzigern hier entstanden. Etwa am Campus der noch weiter südlich gelegenen Ciudad Universitaria: Noch so eine Stadt in der Stadt: mit gigantomanischen Wandfriesen der Polit-Maler, vor denen Studenten American Football spielen, kurz Gott, Marx und die Welt vergessen, den kleinen Bruder mit dem Flugdrachen sowieso. Mehr moderne Kunst findet sich im benachbarten Espacio Escultórico: 64 spektakuläre Betonskulpturen, um genau zu sein, und ein grauer Kunst-Vulkan zum Sonnenbaden. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/02.09.2011)