EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark: Krise weder in den USA noch in Europa vorbei - "Die Regierungslösung für ein Problem ist oft so schlimm wie das Problem selbst"
Alpbach - EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark lehnt das
bis vor der Krise eingeschlagene Wachstumsmodell als "nicht
tragfähig" ab. "Dieses Modell ist gescheitert, wir hatten über lange
Zeit hohes Wachstum getrieben durch hohe Verschuldung", sagte Stark
in Alpbach.
Die Krise sei weder in Europa noch in den USA vorbei, viele
Staaten hätten lange Zeit über ihre Verhältnisse gelebt, sagte Stark.
Es gebe heute keine andere Option als die Haushalte zu konsolidieren.
"Diese Krise hat mittel- und langfristige Auswirkungen und wird
globale Trends verstärken, die sich schon vor der Krise gezeigt
haben. Es gibt nicht nur Aufstieg, sondern auch Abstieg von
Nationen."
Mit einer Wiedereinführung der Trennung von Geschäfts- und
Investmentbanken sei es nicht getan. Eine wesentliche Schwierigkeit
sei aber "die Konzentration auf kurzfristige Lösungen", statt einer
langfristigen makroökonomischen Wirtschaftspolitik. Dessen machten
sich die Regierungen schuldig: "Die Regierungslösung für ein Problem
ist oft genauso schlimm wie das Problem selbst."
Was die Finanzindustrie betrifft, so habe es 2008 nach dem Fall
von Lehman vonseiten der G-8 den Vorsatz gegeben, kein
Finanzinstitut, kein Produkt und keinen Markt unbeaufsichtigt zu
lassen - mit dem Nachsatz "soweit angemessen". Dass es global nicht
so weit kam, lag an unterschiedlichen Interessen auch der einzelnen
Finanzzentren. Es gebe zwei Optionen: Entwicklungen zuzulassen wie in
der Vergangenheit und dann die Scherben aufzulesen, wenn wieder eine
Blase explodiert sei. Oder Prävention, die er, Stark,
bevorzuge.
Letztlich sei es eine politische Entscheidung, welches
Geschäftsmodell von Banken verfolgt werde.
Der österreichische Vizekanzler Michael Spindelegger (V) lehnt
die
Zerlegung der Banken in Geschäfts- und Investmentbanken eher ab, weil
die Banken auf die Investmenterträge angewiesen seien und ohne diese
den Sparern nur geringe Zinsen zahlen könnten. EU-Sozialkommissar
Vladimir Spidla trat für das Verbot schädlicher Finanzprodukte ein.
Man verbiete den Einsatz von Asbest als Baumaterial ja auch.
Auf Fragen nach den Gefahren, die mit dem Aufkauf von
Staatspapieren südeuropäischer hochverschuldeter Staaten durch die
EZB verbunden sind, meinte Stark, es
gebe weltweit keine Zentralbank,
die Papiere als Sicherheiten des jeweiligen Souveräns ablehne. Die
EZB sei die Zentralbank von 17 Staaten und damit die von Griechenland
genauso wie die von Österreich oder Frankreich. (APA)