Hat Netzneutralität noch eine Zukunft?

Markus Drenckhan, 1. September 2011, 16:50
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    Wer entscheidet in Zukunft, welche Daten Vorrang haben?

Auseinandersetzung über das Recht auf Internet und wirtschaftliche Interessen

Netzneutralität war eine der Grundlagen des Internets: Datenpakete sollten unabhängig von Absender, Empfänger oder Inhalt transportiert werden. Kommt es zu einem Datenstau, gilt das FIFO-Prinzip (First-In-First-Out, wer als Erster reinkommt, wird als Erster weitergeleitet).

Inzwischen ist das Internet zum Wirtschaftsfaktor geworden mit vielen Beteiligten: Anbieter von Diensten und Inhalten, Netzbetreiber und Endkunden. Vor allem die Internetdienste mit hohem Datenaufkommen, wie Skype, YouTube, die Media-Streaming-Angebote oder Download-Seiten sind für die Betreiber der Datennetze eine Herausforderung. Zum einen steigt die Menge der Daten immer weiter an. Zum anderen sind beispielsweise die Voice-over-IP (VoIP)-Telefoniedienste direkte Konkurrenten des Kerngeschäftes der Datennetzbetreiber, die überwiegend die Telekommunikationsunternehmen sind. Die Auseinandersetzung um dieses Thema - die in den USA schon seit längerem heftig geführt wird - hat inzwischen auch Europa erreicht.

Gesetzliche Vorgaben oder freies Spiel der Kräfte

Es geht um die Frage, inwieweit der Gesetzgeber regulatorisch eingreifen muss, um den offenen und unbeschränkten Zugang zu allen Angeboten zu garantieren, und wie viel dem freien Markt überlassen werden kann - beispielsweise in der Ausgestaltung von Angeboten und Quality of Services. Teilweise entsteht die Forderung nach einer grundsätzlichen gesetzlichen Neuordnung. So wie Prof. Dr. Bernd Holznagel von der Universität Münster, der einen Must-Carry-Bereich schaffen will mit den „für die kommunikative Grundversorgung erforderlichen Internetdiensten".

Vergleichbar dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk soll ein garantierter Anspruch auf Internet-Grundversorgung gesetzlich festgeschrieben werden. Björn Böhning, netzpolitischer Sprecher der SPD und Mitbegründer der Initiative Pro Netzneutralität, stellt sich eine Grundversorgung in Form festgelegter Datenmenge im Up- und Download vor: „Die Telekomunternehmen müssten sicherstellen, dass diese Bandbreite in allen Regionen und Städten verfügbar ist." In ländlichen Gebieten, in denen keine wirtschaftliche Basis besteht, könnte eine staatliche Förderung in Form von zinsgünstigen Darlehen oder Bürgschaften den Ausbau der Infrastruktur sicherstellen.

Netzwerke enden nicht an der Grenze

Auf EU-Ebene haben die Vorstandsvorsitzenden von Alcatel-Lucent, Vivendi und der Deutschen Telekom ein gemeinsames Positionspapier verfasst. Darin fordern Sie zum einen die Möglichkeit des Transfer-Managements inklusive neuer Service und Dienste. Zum anderen erwarten Sie ein gemeinsames europäisches Regelwerk für einen einheitlichen EU-weiten Datenverkehr.

In Deutschland ist eine Handlungsempfehlung in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, die in diese Richtung zielt, vor kurzem abgelehnt worden, obwohl sie von den Sachverständigen als gute Grundlage für eine gesetzliche Regelung anerkannt worden war. Die Empfehlung beinhaltet die wesentlichen Themen der Auseinandersetzung: Transparenz, Ausbau der Netze und neue Geschäftsmodelle.

Transparenz beim Kunden: Tools für den Bandbreitencheck

Transparenz ist eine der Kernforderungen: „Heute ist es so, dass man eine Bandbreite bucht, aber ob die ankommt oder um 20 Uhr gedrosselt wird, weiß man nicht. Transparenz muss sein", sagt Böhning. Für eine kontrollierte Transparenz der Übertragungsbandbreiten bedarf es einer gesetzlichen Regelung, einer Kontrollinstanz und den Tools zur Überprüfung beim Kunden.

Auch in den USA ist die Transparenz ein Schwerpunkt in der Auseinandersetzung. Die FCC veröffentlichte vor kurzem ihre Vorstellungen, wie Sie die gesetzliche Regelungen dazu gestalten will.

Intelligente Netzwerke der nächsten Generation

Einig sind sich alle Beteiligten darin, dass die Datennetze ausgebaut und gemanagt werden müssen, um den ständig wachsenden Datenstrom transportieren zu können. Der Ausbau der Glasfasernetze ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr und besserer Bandbreitenversorgung. Für das Netzwerkmanagement sind die „intelligenten" Netzwerke - die Next Generation Networks (NGN) - interessant. Diese Netzwerke transportieren die Daten nicht mehr neutral von einem Ende zum anderen, sondern ermöglichen eine Analyse der Dateninhalte und damit eine Bevorzugung oder eben auch Benachteiligung bestimmter Datenpakete. „Eine zukünftige Netzinfrastruktur für kommerzielle Dienste und Anwendungen muss eine differenzierte Priorisierung und abgestimmte Dienstequalität sicherstellen können", sagt Marc Konarski, Bereichsleiter Telekommunikationspolitik vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien: „Ein neutraler Datentransport im Sinne einer absolutistisch gleichrangigen Durchleitung aller Daten ist aus vielfältigen Gründen nicht im Interesse der Nutzer und Diensteanbieter."

Kunde oder Anbieter: Bezahlen für den Netzausbau

Die notwendigen Investitionen für den Ausbau der Netze sind von den Datennetzbetreibern zu leisten. Wie diese gegenfinanziert werden sollen, darüber gehen die Ansichten auseinander. Die Befürworter der Netzneutralität halten unterschiedliche Qualitäts- und Serviceklassen für den Endkunden für denkbar - zum Beispiel einen Basisdienst für E-Mail und einfaches Browsen, einen Business-Dienst oder eine Premium-Klasse für übermittlungssensitive Daten wie Streaming oder Videokonferenzen. Der Empfänger entscheidet mit dem gebuchten Tarif über die verfügbare Bandbreite; der Datennetzbetreiber garantiert diese Bandbreite. Im Gegensatz dazu wollen die Netzbetreiber auch die Anbieter von Diensten und Anwendungen an der Finanzierung der Infrastruktur beteiligen. Internetdienste, die ein besonders hohes Datenaufkommen verursachen, könnten stärker zur Finanzierung herangezogen werden als Anbieter mit geringerem Datenaufkommen.

Erkennen von Inhalten - interessant für Viele

Neben der Gefahr, dass es innovative Anbieter von Inhalten sehr viel schwieriger hätten, im Markt Fuß zu fassen, sehen Kritiker darin die potenzielle Gefahr von Diskriminierung unliebsamer Angebote. Deep Packet Inspection heißt das Verfahren, um Datenpakete auf Herkunft, Inhalt und Empfänger zu untersuchen und entsprechend einem Regelwerk unterschiedlich zu behandeln.

Hannes Ametsreiter, Vorstandsvorsitzender der Telekom Austria, hat zu diesem Thema im Februar in einem Gespräch mit dem Wall Street Journal sehr klar Position bezogen: „Wenn eine Fluglinie eine Boeing 777 kauft, schreibt ihr ja auch niemand vor, wer damit fliegen darf ... Wir besitzen die Infrastruktur. Wir sollten bestimmen wer sie nutzt. ." Und fügt hinzu: „Warum sollte man etwas regulieren, was bereits funktioniert? Man sollte das einfach dem Markt und den Unternehmen überlassen."

An einer Analyse der transportierten Inhalte sind auch andere sehr interessiert. Vor allem die Musikindustrie, die von den illegalen Downloads stark betroffen ist, unterstützt die Initiative des Datennetzbetreiber Verizon und Google, um die Verbreitung von Inhalten aus illegalen Aktivitäten und Copyright-Verletzungen im Internet zu unterbinden. Der Vizepräsident des Medienkonzerns NBC Universal, Richard Cotton, fordert in einer Stellungnahme gegenüber der FCC dazu auf, den Transport illegaler Inhalte ganz zu verbieten. (Markus Drenckhan, derStandard.at 1. September 2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
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johann sebastian flach
00
23.9.2011, 22:24
deep paket inspection

"Diese Netzwerke transportieren die Daten nicht mehr neutral von einem Ende zum anderen, sondern ermöglichen eine Analyse der Dateninhalte ..."

Quality of Service mit Deep-Paket-Inspection zu realisieren würde mir ganz und garnicht gefallen. Ich hoffe dass das nicht zur Realität wird!!!!

Nirvanacharly
 
00
große goschn reißn,

ich zahle 10mb/s, bekomme kleiner 4 und zahle flatrate, also ich zahle um 60% zu viel herr ametsdingsbums, da wird es wohl meine entscheidung sein ob ich skype oder mobil telefoniere (ebenso flat), also für was wollns jetzt regulieren=geldabsaugen; schüssel ist weg, das monopol von a1 noch nicht.

Einer_ders_weiß
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Die treffendsten Vergleiche...

..kommen aus dem Logistic-Bereich:
Man kann sehr wohl für einen Lkw mehr Autobahngebühr verlangen als für einen Pkw oder Motorrad. Mopeds und Fuhrwerken kann man die Benützung sogar verweigern. Sind alles Fahrzeuge, aber mit unterschiedlichen Auswirkungen auf das System.
Ebenso wird für den Transport eines Pakets mehr verlangt, als für den einer Ansichtskarte.

Wichtig ist nur - und so würde ich Netzneutralität definieren - , dass JEDER Lkw gleich viel zahlt und JEDER (gleich große, gleich schwere) Brief gleich viel kostet.

Nirvanacharly
 
00
nur das in ösistan

die ansichtskarten teuerer als anderswo das paket ist

Kris99
00
Mit der Ausnahme, dass man niemandem

verwehren sollte das Netz zu verwenden. (Für illegale Tätigkeiten gibt es ohnehin das Strafrecht.)

Gegen eine Priorisierung von Paketen (z.B. VoIP geht vor Torrent) hätte wohl niemand wirklich etwas, weil ja auch der Nutzer mit einer besseren Qualität belohnt wird (und es egal ist, ob das Torrent 1 min. schneller fertig ist, oder nicht...)

justanordinarydude
01
das interessiert mich gerade überhaupt nicht weil ich bin total schlecht drauf.

interessante headline jedenfalls "read it later" =)

Utrilittn
00
17.10.2011, 20:33

Danke für die Mitteilung.
Ich hoffe es geht Ihnen bald wieder besser.

.MS.
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Den Flugzeugvergleich verstehe ich nicht

Dann müsste der Prater den Fluggesellschaften Geld für jeden Touristen bezahlen, der mit ihnen nach Wien gekommen ist und sich im Prater vergnügt.
Am Heimflug müssten die Passagiere befragt werden und ihr Gepäck untersucht werden, ob auch alle Veranstaltungen die sie besucht haben einen Vertrag mit der Flugesellschaft haben.

Elettra
00
Wegelagerei Zoll und Raub ist noch vor der Prostitution die älteste Kulturtechnik

warum soll sich dies nun ändern.

Wer clever agiert obsiegt, es gibt immer Sieger und Verlierer.

pepu
01
und drittens

ist deep packet inspection meiner ansicht nach in österreich nach dem datenschutzgesetz verboten und damit kriminell (briefgeheimnis). und wenn das nicht schon so ist, so gehört es schleunigst! so gemacht.

Kris99
00
Der Briefträger sieht auch ganz ohne Inspection,

ob es ein Katalog, ein Amazon-Packerl oder eine Anonymverfügung ist...

Reinschauen tut ja niemand.

glitsch
00
24.9.2011, 20:01
bei skype muss man sehrwohl reinschauen

Einer_ders_weiß
00
das Briefgeheimnis...

...wird ja nicht verletzt, wenn man schaut ob es eine Ansichtskarte, ein Brief oder ein Packerl ist...

pepu
01
zweitens

ich finde die auffordernung des transportverbots für "ilegale" inhalte recht interessant. um festzustellen, ob ein inhalt illegal ist, muss er doch erst einmal entgegengenommen und untersucht werden - oder es wird die unschuldsvermutung verletzt (wär ja nichts neues für die content-industrie). wie das konkret aussehen soll, möchte ich erst mal sehen.

pepu
01
erstens

an den guten hr. ametsreiter: "wir besitzen die infrastruktur" ist eine klare bestätigung dafür, was für ein fehler die privatisierung der telekommunikations-infrastruktur war. wie das straßennetz gehört sowas öffentlich verwaltet.

gottseidank gibt es die telekom-control-kommission, die hier klare regeln aufstellen muß. dazu gehört DRINGEND auch ein grundmaß an netzneutralität.

Einer_ders_weiß
00
na geh aber auch

ich verwette meinen letzten 10er darauf, dass Du einer derjenigen bist, die am lautesten geschrien haben: "Weniger Staat, mehr privat"....

Mathias Steinlaus
 
00
Auseinandersetzung über das Recht auf Internet und wirtschaftliche Interessen

Diese elenden Heuchler!

"Der Markt regelt sich selber" war doch immer die Antwort, wenn die Konsumentenschützer mehr für Rechte der Konsumenten einstehen wollten.

Scheinbar gelten Marktwirtschaftsregeln nur dann, wenn es den Unternehmen gut ins Konzept passt!

Sulaweyo
00

Die Provider hätten das gerne aber sie werden furchbar fluchen sollten sie es wirklich schaffen das durchzusetzen.

Zuerst verkaufen die Provider jedem eine 8-16MBit Leitung um kleines Geld und dann kommen sie auf die Idee, dass sich das nicht rechnet und wollen extra Geld einheben. Also da hackts doch.
Ich will eine starke Leitung, ok bestelle ich 60MBit und bezahle entsprechend. Kein Mensch braucht 16Mbit zum surfen (von 60 gar nicht zu sprechen).

Woodpecker
01
"Illegale Inhalte", Verschlüsselung und High-Traffic-Dienste

Also erstens, zahlen Diensteanbieter ja auch für ihr Uploadvolumen oder die maximale Bandbreite, welche sie buchen - ebenso wie Endkunden für die großteils Download-Bandbreite. Großkunden können aber oft günstigere Verträge aushandeln.
Wer heute illegale Inhalte anbietet, wird verschlüsseln. Das Problem dabei ist, daß auch Firmen VPN-Verkehr verschlüsseln und auch Private gerne https, ssh und ssl verwenden, ohne deshalb in den Generalverdacht fallen oder Drosselungen hinnehmen zu wollen.

Roland Schweiger1
14
NAT hat doch schon längst die Netzneutralität (und das Ende-Ende-Prinzip) verletzt

und sein Mitte der 90er hat sich NAT wie eine Heuschreckenplage verbreitet obwohl es von Anfang an nur als Übergangslösung gedacht war. Und beim Vorantreiben von ipv6 wodurch jegliche Netzneutralität wieder hergestellt werden könnte, schlafen ja alle, und es wird sogar noch gegen ipv6 gebashed und das unsägliche NAT wird sogar als Sicherheitsstandard vermarktet und als Schutz der Privatsphäre ...

Thanatos
03

wenn die Netzneutralität fällt, fallen alle synergetischen (Entwicklungs) Vorteile für die Zivilisation (also alle oben wie unten) daraus...

nur zu... totalüberwachung, kommerzialisierung, informations-einschränkung...

mal sehen was wird... wenn das kind mit dem bade ausgeschüttet... diesen Fehler sehe ich mit Interesse entgegen.

*gnnn*

Roland Schweiger1
21
hier haut aber jemand gut klingende Schlagworte durcheinander ...

Was hat Netzneutralität mit "Totalüberwachung" zu tun? Und "Kommerzialisierung"? Na also, der Kommerz (= der Handel) hatte von Anfang an etwas mit dem Internet zu tun, verständlich, oder? Auch "Netzneutralität" ist ein Schlagwort aber in erster Linie bezieht sich dieses auf die Topologie des/der Netz(e). Durch den allgemein fortschreitenden Ausbau der Übertragungswege mache ich mir da nicht ganz so viele Sorgen aber wie weiter oben erwähnt, ipv6 müsste (nativ) endlich vorangetrieben werden, und bis es soweit ist, gibts ja all die schönen Tunnel-Broker ...

trollpower
00

Der kommerz. handel hatte mit dem Internet am Anfang gar nichts zu tun...

Kris99
00
ok, dann sag mir doch nur eine einzigen (!)

"nicht-kommerziellen", legalen Dienst im Internet, den du regelmäßig verwendest?

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kleine korrektur:

netzneutralitaet bezieht sich NICHT auf die topologie.

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