Altes Medium? Junges Medium!

Gastkommentar
1. September 2011, 10:12

Das Fernsehen lebt. Auch das Internet wird es nicht verdrängen. Seine Vielseitigkeit ist seine Rettung: ernster Journalismus für die einen, HD-Fußballspiele für die anderen. Und das alles nicht trotz des Netzes, sondern in Verbindung mit der digitalen Welt - Von Jo Groebel

Es war einmal ein Altar. Er hieß Fernsehbildschirm. Der Würde angemessen, wurde er in prächtige Holztruhen des Gelsenkirchener Barocks eingebaut, von Designern mal tollkühn, mal aalglatt-langweilig dem Interieur angepasst, inzwischen als Flachgerät auf sein pures Sein reduziert. Altar mag er nicht mehr sein, ein Lebensmittelpunkt ist er immer noch.

Die Mär vom Fernsehtod

Worüber spricht man, wenn mal nicht über Privates, über die Arbeit, über eigene Interessen? Über Themen, die das TV präsentiert. Das Web ist zwar die Kommunikationsplattform Nr. 1, verstärkt wird aber fast jede Information immer noch über das 75 Jahre alte Medium. Das Klischee: Online verdrängt TV. Falsch! Fernsehen wird künftig mehr online genutzt werden, aber eine ständige Konkurrenz gibt es nicht wirklich. Höchstens bei der Aufmerksamkeit, nicht aber hinsichtlich des Zeitaufwands. Google, Facebook, The European et al. werden besucht, während gleichzeitig der Fernseher läuft, der übrigens schon immer, ähnlich wie das Radio, über große Strecken eher Nebenbei-Medium war.

Und doch verändert sich das Medium selbst ständig: PC, Netbook, Touchpad, Smartphone bieten TV-Empfang. Der Fernseher ist internetfähig. Entscheidend dabei sind die Arten des Inhalts und die Nutzungssituation. Längere Hochaufmerksamkeitssendungen schaut man nur dann unterwegs, wenn es gar nicht anders geht. Das spannende Bundesligaspiel beispielsweise bevorzugt man lieber vor dem (heimischen) Großbildschirm. Inzwischen mit HDTV, gar 3-D oder Home-Theater. Anders bei einem Gros der Kurzangebote. Der zu Recht meist mangels Kreativität ungeliebte Werbespot ist ungleich situations- und medienunabhängiger. Ihn killt irgendwann die Möglichkeit, ihm zu entkommen. Es sei denn, die Branche schafft endlich die Überwindung meschuggener Routinen wie "bloß brav bleiben, der Kunde ist sonst schockiert" à la jedes Waschmittel oder "Penetranz schafft Vertrauen" à la "Carglass". Immerhin zeigen Sparkasse, Zalando oder Bahn, dass es auch anders geht ...

Traditionsfernsehen wird bleiben. Special-Interest-Kanäle haben zudem dann eine Chance, wenn sie nach wie vor hohe journalistische Kompetenz mit Massenattraktivität paaren. Das begrenzte Zielgruppenangebot ist eher das Metier anderer Online-Plattformen. Schon jetzt ist der TV-Musikclip fast verschwunden, findet ein Song auf YouTube.com viel besser statt. Wenn einem in Deutschland nicht mal wieder die GEMA die Suppe versalzt.

Täglich neu, täglich anders

Über Musik gesprochen: Trotz solcher Angebote wie künftig einem flotteren 3Sat oder ZDFneo wird eine jüngere Zielgruppe vernachlässigt. Die 12- bis 20-Jährigen scheinen für ein anspruchsvolles und dennoch attraktives Angebot fast aufgegeben worden zu sein. Kein Wunder, dass die Jugendquoten ultralausig sind. So könnte sich das Fernsehen doch noch abschaffen.

Wenn nicht immer wieder neue Inhalte und Formate das Medium im Kern beleben würden, neben den liebgewonnen Routinen der "Tagesablaufstrukturierung" für die Älteren, die ja auch immer älter werden und damit eine TV-Überlebensgarantie von noch Jahrzehnten bieten. Aktuellere Errungenschaften der letzten zehn Jahre sind, auf der "Die-Kritiker-hassen-es.-Die-Massen-lieben-es-Skala", Casting-Shows und Scripted Reality. Beides Beleg für die Demokratisierung des Mediums, und umgekehrt (amerikanische) Serien mit großer Kunst und höchsten Budgets. Denn die Professionalität, die Massenattraktivität, der Breitenimpact, die gesellschaftliche Bühne machen (noch) für lange Zeit das Fernsehen unverzichtbar. Als Inhalt und Nutzung. Auch wenn es sich nicht mehr zur Anbetung eignet. (Jo Groebel, derStandard.at, 1.9.2011)

Autor

Jo Groebel, The European, ist Medienpsychologe und Direktor des Deutschen Digital Instituts.

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16 Postings
In Oesterreich ist das Fernsehen vor allem eine Selbstverwirklichungsspielwiese fuer Redakteure und fuer Intrigantenjungpolitikerlehrlinge.

''(amerikanische) Serien mit großer Kunst und höchsten Budgets''

So ist es. Alles aus den USA. Bei uns herrscht mutlose Langeweile.

Und bitte Castingshows sind doch kein Zeichen für Demokratisierung, sondern für ''Industrialisierung'' und ''Knebelverträge für Künstler''.

Und wenn der ORF sowas wie ''Frontal 21'' macht, oder ''Pelzig hält sich'' (gibt's alles als Podcast), oder spannende politische Interviews - dann lege ich mir wieder einen Fernseher zu.

Sedieren kann ich mich mit Rotwein auch, da brauche ich keinen ORF dazu!

Und wenn es mich nach bildungsferner Unterhaltung gelüstet, dann öffne ich das Fenster zum Innenhof und höre meinen Nachbarn beim Telefonieren, Streiten oder Staubsaugen zu!

wie das fernsehen leibt und lebt: mitten im leben, frauen aus dem osten, die alm, pseudo-dokus und ähnliches..wooow, das wird sicher das intellektuelle niveau der menschen steigern.

zum thema passend: rau´s heutige kolummne über mangelnde brainpower in österreich.

On Demand

ist das stichwort der zukunft.

wenn ich mir JETZT den film xy oder die folge 3 der 4 staffel von csi anschauen will, dann will ich das jetzt tun und nicht wenn der film oder die folge im fernsehprogramm steht.

wenn das die zukunft ist hat fernsehen eine zukunft, sonst nicht, mit ausnahme von news und liveübertragungen.

was ist fernsehen?

fuer mich unterscheidet sich fernsehen von anderen video conten durch das on-demand prinzip. hat es nen fixed timeslot ist es fernsehen, wenn nicht ist es video on demand. ob die bewegten bilder am fernseher (bildschirm mit alternativer ui) gschaut wird oder nicht ist wurscht.

und hier ist nur klarzustellen: fernsehen liegt am sterbebett, und das ist gut so. allein die idee sich mit nur 50 sendern abzuquaelen um dann etwas zu schaun was einen nicht interessiert ist den jugendlichen fremd. und mein kleinster lief vor kurzem mal zu einem fernseher (beim opa) nur um sich nach 2 min abzuwenden, weil der bildschirm nicht auf touch gesten reagierte.....

Politik und Wirtschaft lieben das Fernsehen!

Es redet nämlich nicht zurück.

Man kann mittels Fernsehen den größten Unsinn in den Raum stellen, der Seher muss es fressen, ohne Chance zur Richtigstellung. Dagegen wird man im Internet in der Luft zerrissen, wenn man Blödsinn verzapft.

Und wenn man bedenkt, dass immer mehr Gummi-Delikte wie "Diskriminierung" oder "Gutheißung" gesetzlich kreiert werden, wird klar, dass die aktive Teilnahme des Konsumenten ohnehin als Bedrohung gesehen wird.

Idelabild des Internets für alle Entscheidungsträger: Abschaffen der aktiven Teilnahmemöglichkeit für Konsumenten, und es bleibt wieder nur Fernsehen über.

Jein.

Klar lineares nicht interaktives TV wird so wie Radio auch weiterhin existieren, aber die Fernsehsender müssen sich darauf einstellen, dass bei Pay TV (dazu zählt auch der ORF, schließlich kann man ihn abmelden und kann weiterhin Sat TV legal haben) die Kundenzahlen sinken und beim kostenlosen TV ebenfalls und damit auch die Werbeeinnahmen massiv sinken werden.
Wenn man den ORF oder RTL % Co. als Maßstab nimmt, dann wird es früher oder später eine Marktbereinigung geben (bei den Gehältern bei den D. Sendern sieht man ja dass es bereits bergab geht).

Die Zukunft bei Filmen gehört On Demand Seiten wie Netflix, Hulu & Co. und auf Dokus etc. spezialisierte Seiten.

In meinem Bekanntenkreis sind immer mehr die keinen Fernsehanschluss haben!

"dazu zählt auch der ORF, schließlich kann man ihn abmelden und kann weiterhin Sat TV legal haben"

nicht so Ganz. Die Möglichkeit des TV Empfangs ist bei der GIS zu bezahlen. Sprich TV Gerät zuhause, auch ohne ORF-Karte.

FALSCH!!

die Gis (außer der Radio Gis) ist nur zu bezahlen, wenn sie "alle" ORF TV Sender emfpangen können. Können sie auch nur einen einzigen nicht empfangen brauchen sie keine TV-Gis zu bezahlen.

Das höchstgerichtliche Urteil dazu hat ein Salzburger Anwalt erstritten. Das Urteil ist heraußen und tausende Öst. haben es bereits nachgemacht.

Falls man in einem DVB-T Emfpangsgebiet ist (ausprobieren, bei mir gehts zum Glück nicht), so wie ein Salzburger das Empfangsteil ausbauen lassen. Die Empfangskarte des ORF an den ORF zurückschicken, die Gis abmelden und die anderen Sat Sender genießen ohne Gis Gebühren bezahlen zu müssen.

Zur Info: Das Gespräch hatte ich vor 1 Monat mit einem Mitarbeiter der Gis, der mir das Zähneknirrschend bestätigt hat.

So man ein TV ohne ORF hat

fällt die "Fernsehgebühr" an.

empfängt man auch ORF

zusätzlich das "Fernsehentgelt".

von GIS-HP
Wer ist Rundfunkteilnehmer?
Ganz klar: Jeder, der ein Rundfunkgerät (Radio, Fernseher, etc.) betreibt oder zum Empfang bereithält. Im Klartext: Auch ein nicht in Betrieb befindlicher Fernsehapparat ist gebührenpflichtig.

FALSCH!!!

Auch wenn sie ihr Posting noch hundertmal wiederholen, es wird trotzdem nicht richtiger.

Die Gis versucht Geld einzutreiben, dass die nicht online hinschreiben: Schicken sie uns ihre Smartcard und sie brauchen nichts mehr zu bezahlen, ist doch logisch.

Gut dass der VwGH dies aber schon entschieden hat. Und entscheiden wie ein Gesetz ausgelegt und angewendet wird, tun immer noch die Höchstgerichte und "nicht" die Gis.

Falls sie mir nicht glauben, lesen sie die Urteile dazu und vielleicht diesen Artikel:
http://derstandard.at/131465283... st-vom-ORF

Na dann hat mich die GIS

abgezockt, und wird jetzt anders gehandhabt.
Mit Verweis auf das genannte Urteil. ist es bei mir so gelaufen :-(

Einer wird gewinnen.

Nicht die unzähligen verwechselbaren Allesanbieter und Diskonter, sondern Fernsehproduzenten mit unverwechselbaren Profil werden auf Dauer Bestand haben. Nur wer die Trends vorgibt und ihnen nicht hinterher läuft, wird die Konkurrenz schlecht aussehen lassen. Da kann auch das Internet nicht mithalten, weil das Netz beliebig ist, gut gemachtes Fernsehen strategisch aufgebaut von klugen Köpfen folgt einer Dramaturgie und das kennt das Internet wohl überhaupt nicht.

Ich glaube die Seher wollen gar nicht selbst so viel "herumsuchen" in den weiten Welten der Elektronik. Das macht vielleicht eine Zeit lang Spass, aber damit hat sich's auch schon.

Seher wollen:

Geschichten

erzählt bekommen, ob von klein auf, oder seit der Antike.

Resi

Als Berieselung für Senioren und Faule werden nicht-interaktive Medien sicher erhalten bleiben; IMO wird aber mit Sicherheit die Bedeutung des Fernsehens weiter abnehmen und seine dominierende Stellung verschwinden.

(Nachdem Fernseher auf den Markt kamen, wurden Radios ja auch unbeliebter, aber sie verschwanden nicht völlig. Irgendwelche Nischenfreaks wird es immer geben, die sich freiwillig DSDSS und dergleichen anschauen.)

Gleich die ganze Zuschauerschaft, die durchaus an interessanten Formaten interessiert ist, als "Senioren" und "Faule" zu bezeichnen, schiesst meines Erachtens dann doch ziemlich weit über das Ziel hinaus.

Das Problem ist eher, dass gute Inhalte (was ja auch vom individuellen Geschmack abhängt) selten geworden sind; selbst erfolgreiche Sendungen, ja ganze Sender, wurden ausgehöhlt, mit dümmlicher Werbung für noch dümmlichere Dienstleistungen so sehr zugepflastert, dass man sich solchen Schrott gar nicht mehr antun mag.

Die exorbitant gross wirkende Auswahl, stetig gewachsen durch Sparten- und Nischensender, erschwert den Überblick.

Der "Markt" wird´s richten.

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