Bevor das Freyenstein schloss, und das eh nur kurz, warf es Fidler noch die Blumen des Inders in den Kopf
Indisch isst sie gern, die Psychiaterin meines Vertrauens, und war doch, wiewohl aus Linz, noch nie im userInnenseitig viel gelobten Bombay Palace. Da stört wohl auch nicht weiter, dass sie eigentlich indisch Essen gut gefunden hätte, und ich sie doch ins Freyenstein verschleppte. Sie wirkte jedenfalls nicht gänzlich unzufrieden an einem der letzten lauen Prachtabende dieses viel zu unlauen Sommers in diesem wunderbaren Hofgarten. Und der jedenfalls nicht weniger wunderbare Meinrad Neunkirchner kam uns ohnehin auch indisch, irgendwie.
Südost-Tagetes
Tagetes, erklärt die weit Gereiste dem flach, aber eben doch wurzelnden Universaldilettanten, heißt das. Da hatte uns der sympathische Kellner die Begleitung der Krustentiere gerade als etwas vorgestellt, das schwer Hörigen nach Tangentis klang. Südosttangentis, denke ich bei mir, lustige Blume, natürlich wieder einmal keinen Tau, dass Tagetes jene orangen Wuschel sind, die der Inder gerne als Willkommensgruß oder als Zeichen von Zuneigung oder bestenfalls als beides gleichermaßen anderen Menschen über und nicht an den Kopf wirft. Aber für das Wissen gibt es ja Ärzte. In der Karte stand übrigens Tangetis, eine kluge Zwischenlösung. Ob Tagetes in der Suppe, also quasi in den Kopf zu werfende Blumen, als liebevolles Zeichen zu werten sind?
Mein Rad
Meine Liebe zu Herrn Meinrads Schaumsüppchen war da aber ohnehin schon entbrannt. Wer die Krusten der Tiere so verflüssigt, dass nicht der ganze Abendgeschmack dauerverschalt ist, der oder die ist mein Freund. Und wenn dann noch Paprika, hier roter Spitzpaprika, nicht ewig papriziös aufstößt, würde ich auch vor Heiratsanträgen an Koch oder Köchin nicht zurückschrecken.
Kein Mühlviertler Schweinsohr
Die drohen dann ohnehin, wenn man mir a) ein herrliches Waldpilzragout mit cremigem Polentalaibchen vorsetzt. Eierschwammerl, zum Beispiel, und Totentrompeten. Ich hätte halt gerne noch Schweinsohren gesehen und geschmeckt, aber von denen erzählte nur die schwammerlsuchende und angeblich auch -findende Linzerin. b) verstärkt diesen Drang, den Koch zu ehelichen, wenn er ein supersaftiges Maishendl auf Steinpilzragout bettet, auf roten Reis und Pilzkraut gerne auch.
Vegetarismus stört nicht weiter
Ein bisschen Vegetarismus (jenseits des Pilzragouts) trübt die Zuneigung da nicht, au contraire: Nach dem Küchengruß ein geschmorter Paradeiser (Green Pepper, wenn mich nicht alles täuscht, aber ich sollte mir vielleicht doch den passenden Paradeiserprachtband zulegen) mit Strauchbasilikum und Olivenvinaigrette. Und parallel ein Kohlrabibeignet mit Weinraute, Gemüsechutney und einer doch recht faszinierenden Erdnussmayonnaise.
Schalotte roch
Ein bisschen Fisch verbreitert sie, die Zuneigung. - Mit einer wirklich, wirklich schönen Lachsforelle samt Wildkräutern (der Linzerin: zuviel Petersil), rot geädertem Mangold und Schalottenbutter. Die Rilette von der Räucherforelle mit Gurken, Saft von roten Rüben und Kren fein. Kurz musste ich meckern, als mir ein bisschen zuviel Essig in den ein bisschen zu unkontrollierten Redeschwall diffundierte, luftröhrenseits. Wenn du isst, dann iss, rät uns ja schon Shunryū Suzuki, und quatsch dabei nicht.
Slivovitz stört Freyung
Aber a propos (Essig, nicht Anfängergeist): Die Linzerin (und ich) sind ein bisschen überrascht, dass die schwarzen Nüsse zum jungen, aber durchaus anständigen Bergkäse am Schluss in Essig eingelegt sind. Sie greift da doch lieber zu Slivovitz, monierte sie (und liefert Kostproben nach, die das untermauern). Aber mit diesem ebenso kleinlichen wie unromantischen Einwand haben wir natürlich die Freyungs-Systematik, das Heiratskonzept empfindlich gestört. Zurück zum Glück.
Ein bisschen Fleisch (mehr, neben dem Maishuhn) befeuert sie, die Zuneigung, zum Koch: sehr feines Schulterscherzl vom Kalb, entstiegen einem Gemüse-Kräuterfond, mit Spitzkraut "Linzer Delikatesse". Da strahlt es lächelnd auch von Gegenüber. Woher wusste das bloß der Herr Neunkirchner?
Und wenn wir schon beim Fleisch sind, beim Glück, und ich mich zurückerinnere an meinen ersten Besuch im Freyenstein: War damals, im Oktober 2008, ein wunderbarer Abend. Sollte ich vielleicht häufiger machen als alle drei Jahre.
Die Leichtigkeit mit zwei PS
PS: Womöglich fragen Sie sich nun, was die Leichtigkeit im Titel sollte. Nach, mit Grüßen, elf Speisen plus ordentlich Brot von Kasses völlig unbeschwert weiter zu ziehen, halte ich für ausgesprochen erfreulich. Kommt natürlich auch darauf an, was man noch vorhat. Wer nach einem an Geschmack vollem Abend nur schlecht träumen will, kann ja noch beim Würstelstand vorbeischauen. Wobei letztens die späte Waldviertler auf dem Hohen Markt, gar nicht schlecht. Aber das war ein anders angenehmer Abend.
PPS: Verdammt, Neunkirchners Wildkräuterkochbuch wollt ich noch mitnehmen.
PPPS: Und nach Linz, ins Bombay Palace, schaffen wir's auch noch.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.