Der Weg vom Spinner zum Visionär

Reportage
  • Kunststoff wächst nicht auf Bäumen. Die Unternehmer Johann und Ute Zimmermann stellen ihn daher aus Maisstärke her. Die Sackerln werden auf herkömmlichen Kunststoffmaschinen aufgeblasen, nur die 
Materialien kommen aus der Natur.
    foto: naku

    Kunststoff wächst nicht auf Bäumen. Die Unternehmer Johann und Ute Zimmermann stellen ihn daher aus Maisstärke her. Die Sackerln werden auf herkömmlichen Kunststoffmaschinen aufgeblasen, nur die Materialien kommen aus der Natur.

Ein Ehepaar stellt Plastiksackerln aus Maisstärke her, die nach ein paar Wochen verrotten - Die Idee zieht auch Kritik nach sich.

Wien - Johann Zimmermann hält einen Glasbehälter in die Höhe. Darin befindet sich etwas Erde, vermischt mit weißen Plastikstücken. "So sieht das Ganze nach neun Tagen aus", sagt er. Die Rede ist von einer Plastikflasche, die komplett aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird und nach 90 Tagen verrottet. Die Idee ist einzigartig in Österreich, wenn nicht sogar weltweit.

Zimmermann ist Salzburger und ein "Hardcore Kunststofftechniker", wie er selber sagt. Er und seine Frau Ute gründeten 2007 das Unternehmen NaKu, was für "Natürliche Kunststoffe" steht. Die Produkte werden aus nachwachsenden Materialien hergestellt, im Gegensatz zu normalen Kunststoffen aus Erdöl. Der Beitrag zum Umweltschutz hat einen Hintergedanken. "Es ist nicht nur Ideologie dabei, sondern auch ein handfester ökonomischer Gedanke: Im Wirtschaftszyklus der Zukunft werden Produkte im Kreislauf produziert", sagt Zimmermann. In Österreich ist dieses sogenannte "Cradle to Cradle"-Prinzip noch wenig bekannt.

Visionärer Spinner

Bereits 2000 hatte Johann Zimmermann das erste Mal Kontakt mit nachwachsenden Kunststoffen. Dafür ein eigenes Unternehmen zu gründen war nicht einfach. "Man wird als visionärer Spinner abgestempelt. Das erste Mal bei einer Förderstelle hieß es: ,Kommen Sie wieder, wenn Sie eine gute Idee haben'", sagt Zimmermann. Erst die zwei Kinder des Ehepaars, damals zwölf und neun Jahre alt, brachten sie dazu, die Idee weiterzuverfolgen. "Die haben uns in die Pflicht genommen und gefragt: , Wisst ihr nicht, wieso die Umwelt kaputtgeht?'", sagt Ute Zimmermann.

Chaotischer Anfang

Die beiden haben an der Idee festgehalten, auch wenn der Anfang wirtschaftlich chaotisch war: "In der Zeit haben wir wirklich von der Hand in den Mund gelebt." Die Unternehmer beschränkten sich zunächst auf ein Produkt: das Biosackerl. Die ersten davon wurden mangels eigener Produktionsstätten geheim hergestellt. Weil Johann Zimmermann noch Freunde in der Branche hatte, konnte er deren Kunststoff-Maschinen in Nacht- und-Nebel-Aktionen benutzen: "Alle hielten uns für nette Spinner und ließen uns experimentieren."

Wichtige Aufmerksamkeit

Das Biosackerl bekam schließlich 2008 durch den Innovationspreis vom Land Niederösterreich die erste wichtige Aufmerksamkeit. "Man kommt aus dem Pool der Spinner raus", sagt Ute Zimmermann. NaKu ist mittlerweile bei Einzelhändlern wie MPreis, Nah & Frisch oder Eurospar vertreten. Zuletzt hat sich Merkur im August dazu entschlossen, das Sackerl einzuführen. NaKu besteht gerade einmal aus vier Mitarbeitern. Da kann es schon vorkommen, dass die Zimmermanns nach wie vor selbst an den Maschinen stehen oder eine Lieferung mit dem Privatauto ausführen müssen. Mittlerweile stellen sie zwei Millionen Biobeutel jährlich her.

Verrottbare Flasche

Derzeit wird die verrottbare Flasche entwickelt. Es fehlt nur der Verschluss, der noch aus herkömmlichem Polyethylen ist. Es wäre weltweit die erste komplette Flasche dieser Art. Zwar nicht zu Hause, aber nach neunzig Tagen in der Industriekompostanlage gibt sie wieder Nährstoffe ab. Der Prozess funktioniert aber zur Not auch in der freien Natur: "Es braucht dann nicht 300, sondern nur 15 Jahre, bis sie zerfällt. Der Abfall bleibt also noch in der Generation, die ihn verursacht hat."

Kritik an der Idee gibt es oft, da der Kunststoff aus Maisstärke hergestellt wird, also im Grunde aus Nahrungsmitteln. Im Moment ist die Problematik aber noch nicht sehr groß. "Den Weltbedarf an natürlichem Kunststoff kann man derzeit auf der Hälfte der europäischen Brachfläche, die nur subventioniert wird, anbauen", sagt Zimmermann.

Angedachte Alternativen

Ein Problem entstehe, wenn man von heute auf morgen den weltweiten Bedarf nur noch aus natürlichem Kunststoff herstelle: "Klar hat man bei 250 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich dann ein Problem. Wir überlegen daher Alternativen wie zum Beispiel Kunststoff aus Algen, Abfällen oder Zelluloseabfällen. Wichtig ist, dass man mit dem Argument den ersten Schritt nicht abtötet." (Clemens Triltsch/DER STANDARD-Printausgabe, 1.9.2011)

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