"Politik kann nicht auf die Ökonomen warten"

Lukas Sustala, 31. August 2011, 17:56

Die Industrienationen konnten bereits einmal aus der Schuldenfalle fliehen. Doch diesmal kommt der Wachstumsmotor nicht vom Fleck

Die Industrienationen konnten bereits einmal aus der Schuldenfalle fliehen. Doch diesmal kommt der Wachstumsmotor nicht vom Fleck. Ökonomen fordern daher rasche Maßnahmen.

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Wien - Die gute Nachricht zuerst: Die Industrienationen standen schon einmal vor einem großen Schuldenberg und konnten ihn abtragen. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die entwickelten Länder einen Schuldenstand von knapp 90 Prozent. Dennoch schafften sie es, die Pro-Kopf-Einkommen ihrer Bürger in den folgenden Jahrzehnten real deutlich zu steigern. Doch es gibt auch eine schlechte Nachricht: Als 1945 der Entschuldungsprozess in Gang kam, im Zuge dessen die Industrienationen den Verschuldungsstand auf rund 25 Prozent drückten (siehe Grafik), waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen gänzlich andere.

Denn nach 1945 erlebte die Welt im Zuge des Wiederaufbaus einen Wachstumssprung. Zwischen 1945 und 1970 etwa sind die USA im Durchschnitt um gut drei Prozent real gewachsen. Ähnlich legten die Volkswirtschaften in Europa zu. Die um die Inflation bereinigten Pro-Kopf-Einkommen verdoppelten sich zwischen 1950 und 1970, in manchen Ländern wie Westdeutschland verdreifachten sie sich. Die Industriestaaten konnten sich selbst aus dem Schuldenloch herausziehen.

Von dieser Wachstumsdynamik ist heute wenig zu sehen. Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, hat vergangene Woche in einer Rede seine Zentralbankkollegen gefragt: "Warum ist der aktuelle Aufschwung so schwach und sprunghaft?" Nach jüngsten Daten hat die größte Volkswirtschaft der Welt noch immer nicht das Produktionsniveau vor der Wirtschaftskrise erreicht. Die Schuldenquote in Prozent der Wirtschaftsaktivität ist daher zuletzt auf 100 Prozent revidiert worden, und könnte nach Schätzungen des IWF bis 2012 noch fünf Prozentpunkte anwachsen.

Doch das Problem ist deutlich komplexer: Nicht nur, dass der aktuelle "blutleere" Aufschwung, wie ihn manche Ökonomen nennen, das Verschuldungsproblem verschlimmert. Manche Wirtschaftsforscher warnen vor einem Teufelskreis; davor, dass die hohe Verschuldung wiederum das Wachstum langfristig belasten wird. Ein Team von Volkswirten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), angeführt von Stephen Cecchetti, hat dazu bei der Tagung der US-Zentralbank in Jackson Hole, Wyoming, ein Papier präsentiert ("The real effects of debt"). Demnach blockieren steigende Schulden das Wachstum, wenn ein Land bereits mit 80 bis 100 Prozent in der Kreide steht. Die BIZ-Ökonomen: "Es gibt eine klare Verbindung: Hohe Schulden sind schlecht für Wachstum."

Experimente gefragt

Die aktuelle Vertrauenskrise wegen der Schuldenkrisen in den USA und Europa haben daher auch die Konjunktur erlahmen lassen. Robin Bew, Chefökonom der Economist Intelligence Unit warnt zudem, dass das Konsumentenvertrauen in Großbritannien, Europa und den USA als Folge des politischen Streits um die Verschuldung sehr niedrig ist. "Man kann kaum davon ausgehen, dass die Konsumausgaben in naher Zukunft ansteigen werden," schreibt Bew.

Die Ökonomenschaft ist zu dem Weg aus der aktuellen Krise noch reichlich zerstritten. Auf der einen Seite stehen die keynesianischen Verfechter einer weiteren Stützung der Wirtschaft, angeführt vom US-Nobelpreisträger Paul Krugman. Sie fordern in Europa eine Rücknahme der massiven Sparversprechen und in den USA eine neue Stützung des Immobilienmarktes. Auf der anderen argumentiert etwa Harvard-Professor Kenneth Rogoff, dass man schnell von den hohen Schulden runterkommen muss.

Daher liegt es laut des Teams der BIZ an der Politik, den Mut zum Experimentieren zu zeigen, etwa eine Kombination aus den oben genannten Politiken. Dabei sei eine rasche Einigung besser als eine Diskussion um die richtigen Maßnahmen, warnt Cecchetti: "Wie ein Krebspatient nicht auf Forscher warten kann, um eine Heilung zu finden, kann die Politik nicht auf die Ökonomen warten." (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2011)

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12 Postings
Mostbluzza
01
also auf zum WK III

hirnrissiger artikel. analysiert s lieber die grosse depression, dass wisst ihr auch die gründe warums so läuft ... wie es grad läuft.
der aufbau geht eh von allein und ist nicht der grosse wurf und schon gar nicht das ziel, ausser man ignoriert das elend vorher.

ökonomen gibt es nicht. damit sollte man sich abfinden. wirtschaft ist keine wissenschaft, sondern eine glaubensrichtung wie soziologie oder philosophie und selbst die juristerei.

Günther Hoppenberger
01
Nach einem Krieg, wenn alles in Schutt und Asche liegt, funktioniert unser System, das auf Wachstum angewiesen ist, wunderbar.

Das sollte Angst machen, zumal man doch den Eindruck gewinnen muss, dass es vor allem um die Aufrechterhaltung des Systems und nicht um Lösungen für eine gedeihliche Gesellschaftsentwicklung in Wohlstand und Fülle geht.

Die Leugnung der Möglichkeit einer "gesättigten Wirtschaft" lässt uns in der irren Erwartung auf die hohen Wachstumsraten des ominösen "qualitativen Wachstums" verharren. Dass Wachstum in seinem Kern Schuldenwachstum bedeutet, scheint wegen Unerfreulichkeit nicht thematisiert werden zu dürfen. Im Gegenteil: Mit Schuldenbremse und Sparpaketen soll die Krise bereinigt werden. Unser Wohlstand wird damit wieder in den Zustand wie nach dem Krieg versetzt. Toll! System gerettet, Bürger verelendet.

Dagmar Rehak Wien
 
00

Wichtig ist auch noch, den Austausch von Informationen zu behindern und/oder falsche Informationen zu streuen. So merken die neuen Opfer nicht so bald, dass alles immer nach dem gleichen Muster abläuft. Auch die Bildung ist einige Jahre vor dem Neubeginn tunlichst einzuschränken, besonders das Zinsrechnen.
Wenn dann die Teilnahme am fünfjährlichen Zettelwurffest abnimmt, mit dem wir messen, wie viel Vertrauen man uns noch entgegen bringt, ist es Zeit für einen erfrischenden Krieg.

José Atento
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Nicht die Finanzkrise ist für den Schuldenberg verantwortlich,

sondern die Maßlosigkeit der Politiker VOR der Finanzkrise!
Wie oft muss man das noch wiederholen.

Die Finanzkrise war die Folge dieser Maßlosigkeit (niedrige Zinsen, Ausweitung der Geldmenge, etc.)

Nach dem Krieg gab es auch eine Währungsreform, die zumindest die Schulden des Staates vernichtet hatte. Die Privaten bleiben natürlich auf ihren Schulden sitzen.

Wir befinden uns außerdem (seit ca. 2000) in einem Kondratieff Winter. Da muss die Leverage abgebaut werden, reales Wachstum ist nicht möglich.

Die unredliche Geldpolitik über Jahrzehnte führt zu strukturellen Schwächen der Wirtschaft und damit zu noch weniger realem Wachstum. Ein Teufelskreis. Die Geister die ich rief,... kann man da nur mehr bemerken.

www.banken-volksbegehren.at
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Bitte das Systemische nicht ausblenden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zins... denanstieg
Nur die Politik(er) zu beschuldigen, greift zu kurz.

José Atento
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Es ist die Politik und das Bankensystem (Finanzsystem, Geldsystem), das zusammen ein Konglomerat ergibt, dass zum Niedergang führen muss.

Leider wird der Niedergang, so wie der Aufschwung, auch in einer Demokratie immer wieder kehren.

José Atento
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Weiters

ist interessant, dass nach dem WK II die Staatsausgaben der USA drastisch gesenkt wurden.
Heute liegen diese (ohne Weltkrieg!) wieder dort, wo sie zur Zeit des WK II standen. Die privaten Ausgaben sind dem entsprechend zurückgegangen.

In EU sieht es denke ich noch viel ärger aus, wie in USA.

DAS ist ebenfalls ein Grund warum die private Wirtschaft stark geschwächt wird. Wir müssen diesen immer größer werdenden Wasserkopf mitschleppen. Aber noch immer fordern Politiker noch mehr Wasserkopf und immer mehr Steuern!
Beispiel aus der Gegenwart: Kaum haben sie die Vermögenszuwachssteuer eingeführt, verlangen sie schon eine Substanzsteuer auf Vermögen.

das ist fix
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Danke für folgenden Satz:
"Nicht die Finanzkrise ist für den Schuldenberg verantwortlich, sondern die Maßlosigkeit der Politiker VOR der Finanzkrise!"

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
01
31.8.2011, 22:25
"Industrienationen konnten bereits einmal aus der Schuldenfalle fliehen"

Ja, mit Währungsreformen, Hyperinflationen und Zwangsanleihen bei den Kriegsverlierern- und bei den Gewinnern: auf Kosten der Verlierer....

Walter Bimini
00
ja die unschönen nebenwirkungen werden wie bei der pharmaindustrie gerne verschwiegen

3dGeist
00
31.8.2011, 19:43

Danke für diese Berichte, ich finde die Serie sehr interessant.

Erwin Wolfram
00
31.8.2011, 19:08
...

Ich kann mich ja nicht aus, abr ist es deshalb, dass man seine politischen Freunde reich beschenkt? Weil man nicht auf die Oekonomen warten kann und so grosse Angst hat?

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