Die Industrienationen konnten bereits einmal aus der Schuldenfalle fliehen. Doch diesmal kommt der Wachstumsmotor nicht vom Fleck
Die Industrienationen konnten bereits einmal aus der Schuldenfalle fliehen. Doch diesmal kommt der Wachstumsmotor nicht vom Fleck. Ökonomen fordern daher rasche Maßnahmen.
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Wien - Die gute Nachricht zuerst: Die Industrienationen standen schon einmal vor einem großen Schuldenberg und konnten ihn abtragen. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die entwickelten Länder einen Schuldenstand von knapp 90 Prozent. Dennoch schafften sie es, die Pro-Kopf-Einkommen ihrer Bürger in den folgenden Jahrzehnten real deutlich zu steigern. Doch es gibt auch eine schlechte Nachricht: Als 1945 der Entschuldungsprozess in Gang kam, im Zuge dessen die Industrienationen den Verschuldungsstand auf rund 25 Prozent drückten (siehe Grafik), waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen gänzlich andere.
Denn nach 1945 erlebte die Welt im Zuge des Wiederaufbaus einen Wachstumssprung. Zwischen 1945 und 1970 etwa sind die USA im Durchschnitt um gut drei Prozent real gewachsen. Ähnlich legten die Volkswirtschaften in Europa zu. Die um die Inflation bereinigten Pro-Kopf-Einkommen verdoppelten sich zwischen 1950 und 1970, in manchen Ländern wie Westdeutschland verdreifachten sie sich. Die Industriestaaten konnten sich selbst aus dem Schuldenloch herausziehen.
Von dieser Wachstumsdynamik ist heute wenig zu sehen. Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, hat vergangene Woche in einer Rede seine Zentralbankkollegen gefragt: "Warum ist der aktuelle Aufschwung so schwach und sprunghaft?" Nach jüngsten Daten hat die größte Volkswirtschaft der Welt noch immer nicht das Produktionsniveau vor der Wirtschaftskrise erreicht. Die Schuldenquote in Prozent der Wirtschaftsaktivität ist daher zuletzt auf 100 Prozent revidiert worden, und könnte nach Schätzungen des IWF bis 2012 noch fünf Prozentpunkte anwachsen.
Doch das Problem ist deutlich komplexer: Nicht nur, dass der aktuelle "blutleere" Aufschwung, wie ihn manche Ökonomen nennen, das Verschuldungsproblem verschlimmert. Manche Wirtschaftsforscher warnen vor einem Teufelskreis; davor, dass die hohe Verschuldung wiederum das Wachstum langfristig belasten wird. Ein Team von Volkswirten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), angeführt von Stephen Cecchetti, hat dazu bei der Tagung der US-Zentralbank in Jackson Hole, Wyoming, ein Papier präsentiert ("The real effects of debt"). Demnach blockieren steigende Schulden das Wachstum, wenn ein Land bereits mit 80 bis 100 Prozent in der Kreide steht. Die BIZ-Ökonomen: "Es gibt eine klare Verbindung: Hohe Schulden sind schlecht für Wachstum."
Experimente gefragt
Die aktuelle Vertrauenskrise wegen der Schuldenkrisen in den USA und Europa haben daher auch die Konjunktur erlahmen lassen. Robin Bew, Chefökonom der Economist Intelligence Unit warnt zudem, dass das Konsumentenvertrauen in Großbritannien, Europa und den USA als Folge des politischen Streits um die Verschuldung sehr niedrig ist. "Man kann kaum davon ausgehen, dass die Konsumausgaben in naher Zukunft ansteigen werden," schreibt Bew.
Die Ökonomenschaft ist zu dem Weg aus der aktuellen Krise noch reichlich zerstritten. Auf der einen Seite stehen die keynesianischen Verfechter einer weiteren Stützung der Wirtschaft, angeführt vom US-Nobelpreisträger Paul Krugman. Sie fordern in Europa eine Rücknahme der massiven Sparversprechen und in den USA eine neue Stützung des Immobilienmarktes. Auf der anderen argumentiert etwa Harvard-Professor Kenneth Rogoff, dass man schnell von den hohen Schulden runterkommen muss.
Daher liegt es laut des Teams der BIZ an der Politik, den Mut zum Experimentieren zu zeigen, etwa eine Kombination aus den oben genannten Politiken. Dabei sei eine rasche Einigung besser als eine Diskussion um die richtigen Maßnahmen, warnt Cecchetti: "Wie ein Krebspatient nicht auf Forscher warten kann, um eine Heilung zu finden, kann die Politik nicht auf die Ökonomen warten." (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2011)