ISS-Programmmanager der NASA: Gefahr, die Station zu verlieren, sei "erheblich höher", wenn sie unbemannt sei
Washington - Das Aussetzen der russischen Versorgungsflüge zur Internationalen
Raumstation hat die US-amerikanische Weltraumorganisation bisher nicht in allzugroße Aufregung versetzt, völlig gefahrlos ist die aktuelle Situation aber auch nicht, wie die Aussage des ISS-Verantwortlichen bei der NASA zeigt. Im schlimmsten aller möglichen Szenarien könnte es das Ende der Raumstation bedeuten, sollte der fehlende Nachschub eine Räumung tatsächlich notwendig machen. Die Gefahr, die Station zu verlieren, sei
"erheblich höher", wenn sie unbemannt sei, warnte der
ISS-Programmmanager bei der US-Raumfahrtbehörde, Michael Suffredini, am Montag.
Russland hält ISS-Evakuierung für möglich
Auch Russland hält nach dem Absturz seines Raumtransporters nun erstmals eine
zeitweilige Verwaisung der ISS für möglich. Ein
Übergang zu einem unbemannten ISS-Betrieb sei keine Gefahr, sagte der Vizechef
der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Vitali Dawydow, am Donnerstag. Er
reagierte damit auf Angaben der NASA, wonach die ISS nach elf Jahren
erstmals ohne Besatzung bleiben könnte. Grund hierfür ist die Panne mit dem
unbemannten russischen Frachter Progress, der in der Vorwoche wegen der
Fehlzündung einer Sojus-Trägerrakete abgestürzt war.
"Vielleicht ist in Zukunft kein dauerhafter Aufenthalt von Kosmonauten in
Erdnähe mehr nötig", sagte Dawydow bei einer Videokonferenz. Die Frage werde
derzeit auch in Russland diskutiert. Vielleicht sei es notwendig, zu einer
früheren Technik für zeitweilige Einsätze im All zurückzukehren.
Zu Sowjetzeiten benutzte Moskau dafür nach Angaben der Staatsagentur Ria
Nowosti die Saljut-Stationen, die auch die Möglichkeit eines autonomen Fluges
boten. Die ISS hingegen ist als dauerhafter Außenposten der Menschheit im All
angelegt. Sie soll aber wegen ihres Alters nach 2020 in einem Ozean versenkt
werden.
"Keine System-Krise"
Dawydow wies Berichte zurück, wonach Russlands Raumfahrt in einer
"System-Krise" stecke. Die Gründe für die jüngsten Misserfolge lägen nicht in
der Konstruktion oder Produktionsmängeln. Schuld seien vielmehr organisatorische
Probleme. "Es geht praktisch um menschliche Faktoren", sagte Dawydow. Nach
Angaben von Roskosmos droht Russland auch nach der Pannenserie kein Verlust
seiner internationalen Spitzenposition bei den Weltraumstarts.
Roskomos bestätigte die beschlossene Flugplanänderung für die bemannten
Missionen. Die für den 8. September geplante Heimkehr von dreien der sechs
ISS-Besatzungsmitglieder zur Erde wurde demnach auf den 16. September
verschoben. Die Besatzung habe bereits mit dem Rückflugtraining begonnen, hieß
es in Moskau. (red/APA)