Camila Vallejo gibt Chiles Protestbewegung ein Gesicht
Links, eloquent und telegen: Camila Vallejo ist das bekannteste Gesicht der chilenischen Schüler und Studenten, die seit Monaten für Reformen im Bildungssystem kämpfen. Nun, nach einem 48-stündigen Generalstreik, lenkte Staatschef Sebastián Piñera ein: Am Donnerstag will er sich zu einem direkten Gespräch mit Studentenführern treffen. Vallejo sprach von einer "ersten Annäherung" , forderte aber, vor einem wirklichen Dialog müsse die "Regierung die Repression" beenden - am Freitag war ein 16-jähriger Schüler durch eine Polizeikugel gestorben.
Längst haben die Medien die 23-jährige Geografiestudentin mit dem Nasenpiercing zur Gegenspielerin des Milliardärs Piñera aufgebaut. Der britische Guardian schrieb, seit dem Zapatistenchef Marcos habe keine "Rebellenführerin" so sehr die Fantasie Lateinamerikas beflügelt wie Vallejo. In Talkshows schlüpft sie souverän in die Rolle einer Ministerin und nimmt mit klaren Argumenten das Bildungswesen auseinander, das noch aus der Pinochet-Diktatur (1973-1990) stammt.
Den Medien geht sie nicht auf den Leim: "Bloß weil ich hübsch bin, laden sie mich ein. Deswegen komme ich in bestimmte Sendungen und kann dort für meine Ideen werben" , sagte sie dem Hochglanzmagazin Paula. Und: "Ich habe mir mein Aussehen nicht ausgesucht, sehr wohl jedoch mein politisches Vorhaben."
Sie ist Kommunistin - wie ihre Eltern in den 1970ern. Im November 2010 wurde sie an der staatlichen Universidad de Chile zur Vorsitzenden der Studentenvertreter gewählt. Damals hätten sie die Medien erstmals direkt mit ihrer Frauenrolle konfrontiert, erzählt Vallejo.
Pinochets Erben sind alarmiert: "Sie hat ein halb teuflisches Gesicht, doch das Land liegt ihr zu Füßen" , geiferte ein Lokalpolitiker, und eine Beamtin aus dem Kulturministerium twitterte: "Tötet die läufige Hündin, dann beruhigt sich die Meute!" Vallejos Eltern zogen deswegen vor Gericht, nun sichern ihr die Behörden Polizeischutz zu.
Als sie zur ersten Kundgebung am 28. April aufrief, kamen 8000 - vor zehn Tagen, beim "Familiensonntag für die Bildung" im O'Higgins-Park von Santiago war es eine Million. 80 Prozent der Chilenen sympathisieren mit der Bewegung. Sie müsse weiter wachsen, um die Regierung zum Einlenken zu zwingen, sagt Vallejo, und "um mit der erdrückenden Ungleichheit, der Ungerechtigkeit und der fehlenden Freiheit in unserem Land aufzuräumen". (Gerhard Dilger/DER STANDARD, Printausgabe, 31.8.2011)