Die Tuareg-Band Tinariwen versöhnt auf ihrem fantastischen Album "Tassili" Rebellengesänge mit erhabenem Sahara-Gospel - am 7. September ist die Combo im Wiener WUK zu erleben
Wien - Ibrahim Ag Alhabib und seine Tuareg-Band Tinariwen formierten sich 1982 als Flüchtlinge in einem militärischen Ausbildungslager in der libyschen Wüste. Dort ließen sie sich im Guerrillakampf gegen das damalige, die Tuaregstämme daheim in Mali unterdrückende Regime unterweisen. Vielleicht ist das auch ein mittelbarer Grund, warum man den Tuareg-Musikern unlängst die Einreise zu einem Musikfestival in Kanada verweigerte.
Das damalige Versprechen Libyens, einen angestrebten autonomen Tuareg-Staat zu unterstützen, erwies sich übrigens als machtpolitische Finte. Über viel zu viele Staatsgebiete in der nördlichen Sahara sind die Tuareg verteilt. Tuareg ist übrigens ein Schimpfwort der Araber, gegen die man über die Jahrhunderte auch immer wieder Kriege führte. Es bedeutet "von Gott Verdammte". Sie selbst nennen sich Tamashek (Wüstenbewohner) oder Imazighen (freie Menschen).
Tinariwen, der Name steht für Wüste, legten jedenfalls irgendwann enttäuscht die Gewehre beiseite. Seit 1996 sind sie als Profimusiker unterwegs. Seit gut einem Jahrzehnt zählt die Gruppe, die den Freiheitskampf mit ihren Liedern musikalisch immer noch betreibt, weltweit zu den erfolgreichsten Vertretern der prosperierenden Musikszene Malis, ihres "Heimatlandes", mit dem man 1996 einen trügerischen und regelmäßig gebrochenen Frieden geschlossen hat.
In Mali, nördlich der Hauptstadt Bamako, entdeckten westliche Musiktouristen bei (aus traditionellen jährlichen Tuareg-Zusammenkünften abgeleiteten) "Desert Festivals" im Nirgendwo der Sahara jene Urform der Populärmusik, wie man sie lange Zeit eigentlich im Süden der USA beheimatet glaubte. Der dunkel rollende Countryblues - hier wurde er von Leuten wie dem US-Musiker Ry Cooder in seiner Zusammenarbeit mit Ali Farka Touré (Album: Talking Timbuktu) bereits 1994 in transkontinentaler Heimführung neu verortet. Auch Robert Plant, der von Led Zeppelin bekannte Rockgott in Frühpension, wurde ein früher Freund und Förderer der Musikszene Malis.
Interesse für Rock und Pop
Gerade aber junge Tuareg-Musiker aus der Sahel-Zone begannen sich dank getauschter Kassettenraubkopien auch verstärkt für Rock und Pop aus Europa und den USA zu interessieren. Historisch verbürgt ist deshalb, dass speziell Tinariwen zu den Ersten zählten, die sich statt traditioneller akustischer Instrumente elektrische Gitarren umschnallten.
Zwar haben heute Tinariwen gewichtige jüngere Konkurrenten, etwa die Bands Tamikrest oder Terakaft und Tartit. Speziell aber die letzten beiden Alben Tinariwens, die hervorragenden Arbeiten Imidiwan (Companions) und Aman Iman (Water Is Life), machen sie zumindest für westliche Ohren zu den stimmigsten Weltenverbindern, den "Rolling Stones aus der Wüste".
Zu beseelten Frage-Antwort-Erweckungsgesängen erklingt hier ein Hybrid, das nicht nur in den Texten zum Dialog, zu Einigkeit und Brüderlichkeit aufruft. Auch drei Gitarren und Perkussionsinstrumente verschränken sich im gemächlich dahinrollenden, immer gleichbleibenden und doch variantenreichen Groove über einfachem Grundakkord.
Für das jetzt erscheinende Album Tassili (Vertrieb: Universal) hat man sich in das gleichnamige Wüstengebiet in Südalgerien zurückgezogen und sich auf die gemeinsamen Anfänge an den nächtlichen Lagerfeuern besonnen. Tassili ist zwar kein reines Unplugged-Album geworden, aber mit Gästen wie Kyp Malone und Tunde Adepimpe von den New Yorker Avantgarde-Poppern TV On The Radio, der Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans oder dem von der US-Rockband Wilco bekannten Freistilgitarristen Nels Cline deutet man die majestätische Weite der Wüste zu einer gospelartigen und etwaige Landes- und stilistische Grenzen hinter sich lassenden Himmelfahrt und beschwört Liebe und Frieden. Ursprünglich wollte man mit den Gästen ja zu Hause in Nordmali aufnehmen, aber das Gebiet ist für Ausländer derzeit wieder einmal gesperrt. Der Kampf ist also nicht vorbei. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 8. 2011)