Vergessen Sie diese Geschichte!

10. Juni 2003, 16:54
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Javier Marías versuchte sich in jungen Jahren an einem Abenteuerroman

Diesen abenteuerlichen Abenteuerroman hat Javier Marías zwischen 1971/72 im Alter von zwanzig Jahren geschrieben. Es handelt sich um ein unausgegorenes, wenngleich in seinen Ansätzen durchaus kühnes, an den eigenen Ansprüchen gescheitertes Werk. Den biografischen Angaben kann man entnehmen, dass Marías bislang kein methusalemisches Alter erreicht hat; er ist auch keines frühen Todes gestorben. Warum dann, wenn nicht aus kommerziellen Gründen (Ausbeutung der Weltmarke Javier Marías), hat er seine Reise über den Horizont veröffentlicht?

Dass seine Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt waren, um die eifrig ausgeworfenen Fäden des Romans in der Hand zu behalten, dämmerte dem jungen Autor in dem Maß, in dem er sich von seinem Stoff vorantreiben ließ, sodass das Buch am Ende zu einem Werk über den Ehrgeiz, die Zweifel und die Einsicht in gewisse Unzulänglichkeiten des Verfassers wurde.

In Die Reise über den Horizont, zunächst als Abenteuerroman konzipiert, wimmelt es von Erzählern, Lyrikern und Kritikern; der frühzeitig abbrechende Hauptstrang der Erzählung von einer Entdeckungsreise in die Antarktis ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, die keine andere Funktion hat, als diese Erzählung von außen zu kommentieren und den Zweifeln des Autors ein Forum zu geben. Der Hauptstrang selbst wird von mehreren Erzählungen in der Erzählung beschwert, bis er schließlich reißt. Manche Figuren sind inkohärent, diverse Wandlungen bedürfen eines großen Aufwands an Rechtfertigung, um irgendwie durchzugehen. Die Seltsamkeit so mancher Begebenheit versucht der Autor auf das Wahrscheinliche zurückzustutzen. Hätte er sie weiter austreiben lassen, wäre er vielleicht zu jener anderen Art der Abenteuerliteratur gelangt, die Kafkas Amerikaroman Der Prozess am besten repräsentiert.

Welche Qualitäten kann man dem jungen Marías zusprechen? Eine ganz sicher: überbordende Fantasie. Auch die Entschlossenheit, sich einer angelsächsisch geprägten Erzählweise zuzuwenden, die in Kontinentaleuropa damals gar nicht sehr in Mode war. Der Wille zu einer Art Gentleman-Prosa prägt jede Zeile des Frühwerks, auch wenn die Trockenheit des Tons oft eher die Aussage umständlich macht, als dass sie ökonomisch wirkte im Dienste des zu Erzählenden. Vielleicht kann man auch in der Vielsträngigkeit des Erzählens ein Moment sehen, das auf spätere Reife vorausweist. In dem Fall aber ist die Nebensächlichkeit der scheinbaren Hauptgeschichte nicht Zeichen von Raffinesse, sondern von Selbstüberforderung. Gegen Ende des Romans sagt die Figur, derentwegen der fiktive Autor die Reise eigentlich unternimmt: "Ich werde Ihnen nichts erzählen, Herr Arledge. Ich habe keinen Grund dazu. Vergessen Sie diese Geschichte endlich."

Und der Kommentar des Manuskriptbesitzers zu dem literarischen Drumherum, das den (fiktiven) Roman Die Reise über den Horizont ausmacht: "Der Roman meines Freundes ist letztlich mittelmäßig. Er offenbart nur den literarischen Ehrgeiz eines begeisterten Jünglings." Anders als Victor Arledge hat sich Javier Marías nicht von der Literatur zurückgezogen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)

Von Leopold Federmair

Javier Marías
"Die Reise über den Horizont"
Aus dem Spanischen übersetzt von Elke Wehr
€ 18,72/205 Seiten
Klett-Cotta, Stuttgart 2002.

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