Uneinholbares Fremdsein

10. Juni 2003, 16:51
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Der autistische Autor Axel Brauns schrieb eine Autobiografie seiner ersten zwanzig Lebensjahre

Axel Brauns, Jahrgang 1963, gehört zu den wenigen Autisten ohne geistige Behinderung. Deshalb blieb auch seine autistische Beeinträchtigung unauffällig genug, um ihm und seiner Familie den Leidensweg von Diagnose bzw. medizinischer und schulischer Ausgrenzung zu ersparen. Wie schwierig es selbst für ihn ist, in einer Welt des permanenten Anpassungsdrucks zu leben, und wie diese Welt sich seinem durch die umfassende Wahrnehmungsstörung veränderten autistischen Bewusstsein darstellt, zeigt die Autobiografie seiner ersten zwanzig Lebensjahre auf eine Weise, die nicht nur für Betroffene interessant sein dürfte. Es ist kein Buch über das Syndrom Autismus, denn dieser Terminus kommt kaum jemals vor und der Autor war sich während seines Heranwachsens nicht bewusst, dass es für sein Anderssein einen Fachausdruck gab.

Als Vierjährigem präsentieren sich ihm die Menschen als zwei Kategorien von Lebewesen: als Buntschatten, das sind die freundlichen Menschen, denen seine Wahrnehmung sich weit genug öffnen kann, dass das eine oder andere "Geräusch" aus ihrem Mund zum "Klang" wird. Sinn erschließt sich aus dem Klang der Wörter erst viel später. Die Fledermäuse sind alle anderen, deren Handlungen unverständlich und bedrohlich bleiben und vor deren überfallsartigen Übergriffen er sich durch den Rückzug in eine verlässlichere Welt der unverrückbaren Dinge und reinen Geräusche rettet. Trost spenden dabei Lautkombinationen, die er endlos zur Beruhigung wiederholt, und die angenehme Wahrnehmungen erzeugen, wobei alles, was ähnlich klingt, auch Ähnliches bedeuten muss, aber auch die Betrachtung von Lichtreflexen und Oberflächenstrukturen. In seinem Versuch, der so fremden und bedrohlichen Wirklichkeit Sinn zu verleihen, erfindet er schon als Kind eine eigene Sprache, die diesem Buch seinen ganz eigenen Reiz verleiht. Sie ist poetisch und bizarr zugleich, sie entspringt keinem literarischen Kalkül, sondern einer inneren Notwendigkeit, ihre Höhenflüge werden durch die für Autisten typische Liebe zum Detail und zur Wiederholung nivelliert, sie ist geprägt von einem skurrilen Humor, der weniger aus Einsicht als aus einer naiven Kindlichkeit, die alles wörtlich nimmt, entsteht. Im Lauf seiner zwanzig Lebensjahre verändert sich sein Blick auf die Wirklichkeit, und die Menschen werden in dem Maß verständlicher, in dem er ihre Sprache annähernd zu deuten lernt, aber was bleibt und was auch das ganze Buch bestimmt, ist ein Bewusstsein, das in dieser Welt nie zu Hause sein wird.

Die durchschnittlichen bis guten Noten bis zur Matura, das relativ unauffällige Verhalten, das sich auf Rückzug und auf bizarre Strategien beschränkt, den unverständlichen Reaktionen der Buntschatten und Fledermäuse Sinn abzugewinnen, täuschen nicht darüber hinweg, dass er bis ins Erwachsenenalter ein Fremder bleibt, der nicht versteht, dass freundliche Menschen lügen und betrügen können und der nie lernt, seine Mitmenschen zu interpretieren. Besonders schwierig erweist sich dabei jeder Kontakt zum anderen Geschlecht. Er sagt, was er glaubt, dass man in solchen Situationen von sich gibt und versteht nicht, warum er damit keine befriedigende Wirkung erzielt. Die Mädchen, die ihm gefallen und die sich zu ihm hingezogen fühlen, sind ein Rätsel und Berührung bleibt ein bedrohlicher Übergriff. Da sind Straßennamen, Zahlen und die Empfindungen, die die unbelebte Wirklichkeit erzeugt, verlässlicher.

Warum ihn Gleichaltrige für dumm halten, versteht er nicht, aber mit dem vielen Autisten eigenen schrägen Humor referiert er Situationen, in denen sein Wörtlichnehmen von idiomatischen Wendungen und metaphorischer Sprache Missverständnisse und Zerwürfnisse hervorgebracht hat. Axel Brauns empfindet sich als Dichter und wenn diese Selbsteinschätzung auch ein wenig überzogen und unrealistisch ist, so haben doch die Bilder, die seine dem Durchschnittsmenschen so fremde Wahrnehmung erzeugt, und sein Hang, die Sprache ganz ernsthaft beim Wort zu nehmen, viel mit der Sprache der Dichtung gemein. Das Buch führt uns in eine Welt, die weder geheimnisvoll noch irrational ist, sondern ein ganz und gar glaubwürdiger Versuch, die Welt mit einem Wahrnehmungsapparat, der von der Norm abweicht, zu entziffern und der ihm unverständlichen Wirklichkeit Sinn abzuringen. So gesehen ist das Buch ein erschütterndes Zeugnis eines uneinholbaren Fremdseins in der Welt und des unermüdlichen Bemühens, es zu überwinden. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)

Von Anna Mitgutsch

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