Auferstanden aus Gesichtsruinen

26. Mai 2003, 18:18
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Regisseur Michael Thalheimer dringt mit einer Neuadaption des Fassbinder-Films "Warum läuft Herr R. Amok?" in sentimentale Gefilde vor

Mit einer Neuadaption des Fassbinder-Films "Warum läuft Herr R. Amok?" für das Schauspiel Frankfurt dringt Regisseur Michael Thalheimer in sentimentale Gefilde vor: Was hemmt den Menschen? - Die Antwort weiß nur Schubert.


Herr R., den der Kinoschauspieler Kurt Raab in Rainer Werner Fassbinders Verstörungsstudie Warum läuft Herr R. Amok? mit ungerührtem Teiggesicht spielte, als bleichen, feisten Wintermond im viel zu engen Stangenanzug - der technische Zeichner R. erschlägt eines Abends im trauten Heim seine Frau, seinen Sohn und die Nachbarin mit einem Kerzenständer.

Anderntags erhängt er sich am Fensterkreuz im Nassraum des Architekturbüros, in dem er, kettenrauchend Fensterkästchen in eine Planskizze einzeichnend, über Monate dumpf hinbrütete. Da baumelt er nun, mit ungerührter Miene - blickdicht gegenüber allen Zudringlichkeiten, die den "Grund" für eine "Wahnsinnstat" herauslesen wollen.

An Herrn Raabs grauer Normalität geht das säuberlich geschliffene Besteck der Daseinsanalyse gründlich kaputt. Er hat alles. Reißt Witze mit Arbeitskollegen. Besitzt die begründete Aussicht auf eine "Beförderung". Nennt eine attraktive Gemahlin sein Eigen. Und der "Sch"-Fehler seines achtjährigen Sohnes lässt ihn zwar innerlich gefrieren, hemmt aber keineswegs seine duldsame Anstelligkeit.

Die verhaltensunauffällige Agonie ist - 34 Jahre nach dem Film - auf der Bühne des Frankfurter Schauspiels einem lauen Zungenmahlen gewichen. Herr Raab (Peter Moltzen) ist in der Regie von Michael Thalheimer wiederauferstanden, im Gewand des tapfer durchhaltenden Dienstleisters mit schmerzlich geminderter Kaufkraft - ein fröhliches Lächeln auf dem gefrorenen Mund, erkundigt er sich mit Zuversichtsblick ins Publikum nach einer Single des Schlagerbarden Christian Anders, "bisschen beatig", "mit langem Vorspiel".

Wenn ihn das einsetzende Gejammer der sehrenden Melodie dann förmlich überschwappt, schlägt er mit zuckenden Ärmchen die unsichtbare Pauke. Herr Raab ist der Duracell-Hase, der sein fremdbestimmtes Angestelltenleben mit "Jaja"-Bekundungen bereitwillig zupflastert. Olaf Altmann hat ihm ein Wohn^gerüst in den Rücken gebaut, mit sechs zugigen Waben, über deren Stege das Alltagspersonal schattenhaft vorüberweht. Zu einzelnen Szenen stellt man sich kalt zusammen. Die Kollegen, Lehrer, Chefs und Schwadroneure werfen einander Phrasen wie Soletti-Stangen an die Köpfe. Man posiert: Raabs Frau (Georgia Stahl) zupft, mitten im eckigsten Zustimmungs^nicken, an ihrer vorteilhaften Kurzhaarfrisur.

Thalheimer zeigt mit der ihm eigenen Kühle die Fortschritte, die eine postindustrielle Wettbewerbsgesellschaft kopfüber ins Nichts stürzen. Thalheimer, der an seinem verstörenden Personalstil feilt wie an einer Signalschrift, stupst die geschwätzigen Fassbinder-Clowns auf die nächsthöhere Ebene der Sprachlosigkeit. Dieses betörende Theater ruft immerzu "SOS". Raabs (Moltzens) Gesicht erstrahlt als Videoprojektion: Als hacke der Zahn der Zeit in ein blinzelndes Durchschnittsgesicht, beginnt sich Herr R. zu verformen.

Kein Kerzenständer, mit dem sich ein Weg bahnen ließe durchs Dickicht der chromblitzenden Städte. Raab legt Krawatte, Sakko und Hemd ab - Schuberts Im Dorfe bläht ihm den Mund ("Ich bin zu Ende mit allen Träumen"). Der Tropf unserer Tage implodiert unbemerkt, und seine Züge entgleisen.

Die Frage bleibt: Gibt es ein romantisches Subjekt, das sich retten ließe? Mit Michael Thalheimer ist das Stadttheater endgültig im Jenseits der Utopie: ein letztes Kokettieren mit unserer bürgerlichen Erblast, sentimental vorgetragen, doch unbeirrt festhaltend an der Instanz des Ich. Mit der Fassbinder-Versetzung ins Frankfurter Milieu der anonymen Kapitalströme ist dem Regisseur eine gute, keine geniale Inszenierung gelungen. Die Falle des Personalstils schnappt nach ihm.

Elisabeth Schweegers Haus punktet derweil: Von der lokalen Presse kaum mehr angefeindet, mit 85 Prozent Auslastung im riesenhaften Haupthaus, erntet die Österreicherin die Früchte zäher Überzeugungsarbeit. Und erzählt den Bürgern der Main-Metropole, was den Menschen (nicht mehr) zusammenhält. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2003)

Von Ronald Pohl aus Frankfurt/Main
  • Der kleine Angestellte Herr R. (Peter Moltzen) überblickt per Video den grausamen Ort der Daseinsvorsorge - ein beängstigendes Requiem auf die Bürgerlichkeit.
    foto: schauspiel frankfurt/englert

    Der kleine Angestellte Herr R. (Peter Moltzen) überblickt per Video den grausamen Ort der Daseinsvorsorge - ein beängstigendes Requiem auf die Bürgerlichkeit.

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