Wolfsforscher mit 200 Fehlstunden

Rosa Winkler-Hermaden
30. August 2011, 06:52
  • Serie "Schulgespräche" - derStandard.at spricht mit Persönlichkeiten aus Sport, Kultur und Wissenschaft über ihre Schulzeit.
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    Serie "Schulgespräche" - derStandard.at spricht mit Persönlichkeiten aus Sport, Kultur und Wissenschaft über ihre Schulzeit.

  • Am Hals darf man einen Wolf eigentlich nicht packen. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll hat es trotzdem gemacht.
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    Am Hals darf man einen Wolf eigentlich nicht packen. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll hat es trotzdem gemacht.

  • Der Wolf hat nach ihm geschnappt und Kotrschall hat erklärt: "So geht es nicht Herr Landeshauptmann".
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    Der Wolf hat nach ihm geschnappt und Kotrschall hat erklärt: "So geht es nicht Herr Landeshauptmann".

  • Für "Tricks" wie das Berühren der Hand von Besuchern im Gehege bekommen die Wölfe Leckerlis.
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    Für "Tricks" wie das Berühren der Hand von Besuchern im Gehege bekommen die Wölfe Leckerlis.

Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal über motivierende Lehrer und warum die frühkindliche Förderung am allerwichtigsten ist

"Das Interesse für Biologie war von Anfang an da, seit frühester Kindheit", sagt Kurt Kotrschal, Wissenschaftler des Jahres 2010. "Es hat mich vieles interessiert, aber Biologie war das Fach, wo ich oft auf Lehrer gestoßen bin, die motivierend waren und es war vollkommen klar, dass ich das studieren werde." 

Nach Volksschule und Gymnasium in Linz inskribierte Kotrschal an der Universität Salzburg. Heute beschäftigt sich der Verhaltensbiologe mit sozialen Beziehungen in einem Wolfsrudel oder mit der Frage, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen Hunden, Wölfen und Menschen gibt.

Seit Mai 2009 ist der Ort Ernstbrunn im Weinviertel um eine Attraktion reicher: Elf Wölfe und 14 Hunde werden hier auf 30000 Quadratmeter trainiert und beobachtet, das "Wolf-Science-Center" hat Kotrschal mit zwei Kolleginnen initiiert und mitaufgebaut.

Kotrschal wurde 1953 in Oberösterreich geboren. Dass er einmal eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wird, war alles andere als klar. "In Österreich ist das Schulsystem sehr ständestaatlich, das heißt, es sind hauptsächlich Kinder aus besserem Hause - immer noch, die im Gymnasium wirklich Erfolg haben." Kotrschals Eltern waren Arbeiter, er wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf.

Nebenjob aus Langeweile

"Es war langweilig", sagt Kotrschal über seine Schulzeit. "Ich bin vor kurzem auf meine Zeugnisse gestoßen. Ich hab in der 7. Klasse insgesamt 200 Fehlstunden gehabt. Wenn man das heute hätte, würde man hochkant rausfliegen."

Aus Langeweile habe er sich Betätigung nebenher gesucht und hat bei einem Aquarienfisch-Importeur gearbeitet. "Wenn ich in der Früh auf dem Schulweg die Nibelungenbrücke hinübergegangen bin, habe ich links runtergeschaut und ich wusste, wenn ein neuer Transport aus Manaos ankommt, bin ich natürlich arbeiten und nicht in der Schule." Das meiste an Fehlzeiten habe er "nutzbringend verbracht. Das war gescheiter, als in der Schule blöd herumzusitzen." 

Fehlende Motivation

Ein "Katastrophenfach" war für Kotrschal Mathematik. "Mir war nie klar, warum man das lernen soll. Die reine Mathematik war mir immer ein Rätsel. Da war ich völlig unmotiviert, das zu tun." Auf der Uni habe er gemerkt, dass er "statistisch gar nicht so schlecht" ist und dass seine Mathematik-Schwäche wohl nicht an der fehlenden Begabung, sondern an der fehlenden Motivation lag. "Ich bin rein zufällig durch die Matura durchgeschlüpft."

Über die meisten Lehrer, die Kotrschal damals hatte, kann er "kein Loblied singen". Sein Deutschlehrer zum Beispiel sei sehr verunsichert gewesen, "da kann man nicht gerade Interesse entfachen."

Auch heute gebe es noch viele Lehrer, die ungeeignet für den Beruf seien. "Es ist nach wie vor ein völlig ungelöstes Problem", sagt Kotrschal. Seiner Meinung nach sind die besseren Lehrer in der Hauptschule zu finden: "Man kriegt an der Universität sehr wenig Didaktik mit. Die Lehrerausbildung auf der Universität ist immer noch eine Katastrophe." 

Selbstständigkeit wird "null gefördert"

Geht es nach Kotrschal bräuchte es in der Schule dringend Reformen: "Man weiß seit zwanzig Jahren, was notwendig ist." Dennoch würde verhindert, dass die Stundenstruktur aufgelöst wird, oder dass es eine "gescheite Frühforderung" gibt. Er empfiehlt einen College-Betrieb in der Oberstufe. Auch die Klassenstrukturen müssten aufgelöst werden.

Studenten, die frisch an die Uni kommen, hätten kaum Fertigkeiten, die sie gebrauchen können. Viele wüssten nicht, wie man Literatur sucht, wie man einen wissenschaftlichen Aufsatz oder einen Essay schreibt. "Das müssen wir ihnen alles beibringen, die Schüler haben keine Ahnung von Statistik". Selbstständigkeit werde "null gefördert".

Mit Studenten von Waldorfschulen hätte er hingegen gute Erfahrungen gemacht. "Sie können Projekte besser durchziehen."

Bei ihm persönlich hätte das Leben erst auf der Uni begonnen. Positiv in Erinnerung sind ihm die vielen Freiräume, die es an der Uni gab. "Da war man nicht von der Früh bis um acht Uhr abends eingespannt, man hat ein paar Pflichtvorlesungen gehabt und den Rest der Zeit konntest du machen, was du willst. Da war ich voll motiviert und es ging super."

Gegen Numerus Clausus, für Aufnahmeprüfung

Als Lehrender auf der Uni sei er heute "sehr vorsichtig" Studenten gegenüber, die mit hervorragenden Schulnoten an die Universität kommen. "Ich bin mehr als einmal am Bauch gelandet", sagt er. Man könne das allerdings nicht verallgemeinern, "es gibt schon gute auch dabei". Umgekehrt sei es auch nicht so, dass jeder, der schlechte Noten hat, kreativ sei, aber "es sind viele kreative dabei und wenn man die ausschließt, ist das auch nicht gut". Das wäre beim Numerus Clausus nach deutschem Vorbild der Fall. „Es ist nicht das beste Ergebnis, das da rauskommt", sagt Kotrschal. Er plädiert für Aufnahmeprüfungen an den Unis. Denn: "Es wird in Zukunft keine Unis ohne Zugangsbeschränkungen geben."

Ein Anliegen ist ihm auf jeden Fall, dass mehr Augenmerk auf die Frühförderung gelegt wird. Es gebe ein "sehr breites Segment an Kindern, die in einem Umfeld aufwachsen, wo es eine immer schlechtere Familienstruktur gibt, keine geregelten Zeiten, wo sich die Familie zum Essen trifft". Viele Kinder würden erst mit drei oder vier Jahren sprechen lernen. "Da ist in der Schule auch nicht mehr viel zu machen. Wenn du dich nicht ausdrücken kannst, bist du ein kultureller Outlaw". Man könne "noch so eine gescheite Spezialbegabung haben", wenn man das nicht umsetzen kann, bringe es nichts. Die Sprache diene dazu, das Denken zu schärfen und zu verfeinern. "Wenn den Kindern nicht vorgelesen wird, wenn nicht mit ihnen gesprochen wird, ist das die breiteste Verwahrlosung."

Kinder in den Arm nehmen

Auch bei der Aufzucht von sozialen Wirbeltieren sei das wichtigste, dass die Jungen eine sichere Bindung zu ihrer Mutter aufbauen. "Das ist die beste Basis für eine gute kognitive Entwicklung". Extreme geistiger Frühförderung - die Kinder vor den Fernseher vor Bildungsprogramme zu setzen - bringe hingegen nur wenig. Das Kind auf den Arm zu nehmen sei "die beste Basis für eine gute geistige Entwicklung." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 30.8.2011)

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# die in einem Umfeld aufwachsen, wo es eine immer schlechtere Familienstruktur gibt, keine geregelten Zeiten, wo sich die Familie zum Essen trifft".#

Hmm, warum denn das wohl? Man muss endliche Familien finanziell unterstützen, damit ein Elternteil sich um die Kinder zu Hause kümmern kann!

Die gleiche Aufgabe in der Schule gestellt würde *sinngemäß* dazu führen, dass
- ein paar Lustige die Gläser an die Wand werfen
- die Bohrmaschine versus Hämmerparteien sich bilden und aufeinander losgehen
- andere "Gewürzregale" prinzipiell doof finden
- und der Klassenstreber es so löst wie es der Lehrer gerne hätte

Freiheit muss man sich erarbeiten und leisten können. In der Schule erstmal die Basics. Für die anderen gibt es eh die Matheolympiade

geschichten

wie diese lese ich mit behagen. ein hoch den mitreißenden, verständnisvollen lehrern. hört auf diesen mann, reformiert endlich das bildungssystem!

genau

Mathematik gehört endlich abgeschafft, wenn nicht anders durch 200 Fehlstunden, sozusagen in Eigenregie. die paar Wölfe kann man eh an einer Hand abzählen... gehts noch?

sie haben die mathematik ins spiel gebracht, also beantworten sie ihre frage.

nicht ich, sondern herr k. hat es in seinem bericht erwähnt, dass er nicht wusste (viellehct weiß er es jetzt) wozu mathematik gut sein soll, ich für meinen Teil habe das schon in der Vorschule mit 5 Jahren geschnallt. Momentan bewahrheitet sich ja der Spruch Kennedys; "lernen Sie Mathematik oder Sie werden chinesisch lernen müssen"... Ich finde es eigenartig, dass man solche Dinge "warum man dies oder jenes lernen soll" überhaupt nachfragt. Aber Doofheit wird offenbar zeitgeistig!

so hat halt jeder seine geschichte, vorlieben und abneigungen. mathematik ist nicht jedermanns sache, wölfe aufziehen ebensowenig, so what? es handelt sich bei herrn k. um eine einzelmeinung, die sich mit manch anderer deckt, von allgemeingültigkeit kann nicht die rede sein. es kann und muss nicht jeder überall gut sein.
grundsätzlich ist es ein glück, wenn es einem lehrer gelingt, seine schüler zu erreichen/berühren, insbesondere die schwierigen oder unglatten, und das ist offensichtlich herrn k.s biologieprofessor gelungen. herr k. hat glück gehabt! doris knecht hat was ähnliches von ihrem deutschprofessor in ihrer kolumne erzählt, irgendein anderer professor sei ganz furchtbar gewesen. that's life!

Der Unterschied ist, daß es jedem peinlich ist, wenn er sagt, daß er in Deutsch oder Englisch schlecht war – in Physik oder Mathematik schlecht zu sein, gehört aber quasi zum guten Ton der österreichischen Gesellschaft.

exakt

da wird doch ständig (von angeblich hochgebildeen Leuten) kokettiert, war ich in der Schule in mathe schlecht usw., oder mit der handwerklichen Ungeschicklichkeit (kann nicht mal einen Nagel einschlagen usw.) genau die Dinge, bei deren Inkompetenz bei körüerlich arbeitenden Menschen die Bildungsschicht die Nase rümpft. Ich finde es skandalös, wenn ein UNI Lehrer jetzt noch so daherredet. entsprechend ist der Ruf der Unis in Österreich...

Naja, er ist eh nur a.o. Prof.

Ein alt gewordener Assistent mit PR-Talent.

ja eine ungerechtigkeit - ein kleiner rechtschreibfehler ist die grosse blamage/katastrophe. es ereifern sich darüber oft jene menschen die mathematische analphabeten sind - eine ungerechtigkeit die man gar nicht genug aufzeigen kann.

off topic u. weil

wir doch einmal ueber Zoll gesprohen haben, sind 29" die neueste Mode ?
http://www.olmo.it/MTB/Gran-Gobi1.aspx

ja - vor allem in den usa - in europa gehts eher zach.
lt. physik und tests viele vorteile - etwa wesentlich geringerer rollwiderstand, besserer grip usw.
nachteile; laufräder werden etwas schwerer sprich beschleunigung wird langsamer.
fullys und reifen gibts deutlich weniger bzw. weniger auswahl als bei 26".
hab kürzlich einen profi gehört der angeblich je nach strecke zwischen 29" und 26" rädern wechselt (wie sollen wir das unseren frauen erklären? :-))

ps.: die 29" reifen sitzen auf 28" felgen - aber den wahnsinn bei der reifenbezeichnung kennen wir ja.

besserer Grip

ueberrascht mich jetzt. Ich bin ja nicht der gr. Physiker, aber bringt nicht ein tieferer Schwerpkt. die besseren Hebeln ?

die haben mehr auflage je grösser der durchmesser. daher mehr grip bergauf und begab.
schwerpunkt wohl etwas höher - die bauen aber die räder so dass sie kaum höher sind als 26 zoll - man sitzt also relativ tief zwischen den grossen rädern.

:)

high riser feeling um ein paar tausend €

ja so kann man es auch bezeichnen :-))

da hat's

aber ordentlich gefunkt zwischen ihnen und Poldi Fesch abseits der mathematik!

aha, war mir nicht so bewusst.
mathematik ist aber auch wirklich ätzend, schuld das system, die lehrer und überhaupt! ;)

es stimmt

gerade die einserschüler sind in der praxis oft aufgeschmissen. diejenigendie gerade noch so durchrutschen sind oft die, die sich in der praxis bestens auskennen.

Wenn einer studiert hat, darf er sagen, dass er schlecht in Mathe war. Warum gesteht man dies nicht unseren Lehrlingen zu? Die können halt auch nicht gut rechnen- aber über diese wird geschimpft!

Ja, stimmt.

Mir ist es mal vor einigen Jahren passiert, dass ich gerade in den Lift einsteigen wollte, um in mein Büro an der Uni zu fahren. Da bin ich doch glatt auf einen ehemaligen Schulkollegen getroffen, der so gerade mal die Schule schaffte. Der war in ein Stockwerk über mein Büro unterwegs, um selbiges auszumalen.
Der ist bestimmt ein besserer Maler als ich, wo ich doch gerade mal alle paar Jahre einen Raum in meinem Haus ausmale und kaum Praxis darin habe.

"Persönlichkeiten" und die Schule

Frage: Gibt´s denn auch berühmte "Persönlichkeiten", die in der Schule erfolgreich waren
und sich trauen, das auch öffentlich mitzuteilen?

Albert Einstein und Marie Curie waren zum Beispiel sehr gut in der Schule.

Wölfe hingegen sollen sehr sozial sein ...

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