Die Berliner und Sir Simon Rattle mit Mahlers Siebter
Salzburg - Alles hat ein Ende, das gilt sogar für den Aufmerksamkeitsakkumulator, das Luxusresort, die Zauberinsel mit Namen Salzburger Festspiele. Helga Rabl-Stadler zählt in ihrem Präsidentinnenbüro die letzten Einnahmen nach und weint darüber Markus Hinterhäuser, dem freundlichsten aller fähigen Festivalleiter, eine stille Träne nach. Doch bevor das Ende endgültig wird, kommen in Salzburg seit Karajans Zeiten die Berliner Philharmoniker. Heuer brachten sie, dem Mahler-Schwerpunkt Tribut zollend, dessen siebte Symphonie mit.
Arnold Schönberg schätzte sie, Theodor W. Adorno diagnostizierte bei deren positivistischem Finale jedoch "ein ohnmächtiges Missverhältnis zwischen der prunkvollen Erscheinung und dem mageren Gehalt" und befand, enttäuscht von seinem tonsetzerischen Schatzi: "Mahler war ein schlechter Jasager."
Hätte Adorno, der Säulenheilige der Verkopften und der Spröden, sein Urteil nach der Aufführung der Berliner Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Sir Simon Rattle revidiert? Wahrscheinlich. Der Brite dosierte die Dynamik des groß angelegten Werkteils derart umsichtig, erfüllte die Unisono-Stellen mehr mit Wendigkeit denn mit Wucht, sodass der fünfte Satz ganz Sonne war, Leben, helles Strahlen - was nach den drei umschatteten mittleren Sätzen ja doch ganz gut tat.
In jenen boten die Berliner Instrumentalleistungen von einer Qualität, die staunen wie auch glücklich machte: etwa die wendigen triolischen Neckereien der Holzbläser zum Beginn des zweiten Satzes oder das samtig-zarte Hornterzett danach. Dann die immer elegante, nie lärmische Führungsstärke des Ersten Trompeters, die fast Martin-Grubinger'sche Energie des Paukers.
Wundervoll auch die zauberhafte H-Dur-Stelle im Kopfsatz, deren filigranes Schweben, oder in der zweiten Nachtmusik dieses Thema der ersten Geigen und der Bratschen: nicht viel mehr als ein warmer Lufthauch. Im mittleren Satz bewiesen die hochflexiblen Berliner Philharmoniker, dass sie fast so gut Walzer tanzen können wie die Wiener Kollegen. Verglichen mit diesen muss erwähnt werden, dass das Berliner Blech in Sachen Homogenität seinesgleichen suchte und die Streicher bezüglich Eigeninitiative und Musizierfreude Maßstäbe setzten. An diesem Abend wurde man Zeuge einer Gänsehaut verursachenden musikalischen Sternstunde. (Stefan Ender, DER STANADRD - Printausgabe, 30. August 2011)