Markus Hinterhäuser wurde für das komplexe Programm der Salzburger Festspiele 2011 allerorts hoch gelobt
Nun nimmt der Interimsintendant wehmütig Abschied - im Gespräch mit Andrea Schurian.
STANDARD: Selten wurde ein Festspielintendant für sein kluges Programm so einhellig gelobt wie Sie. Macht Sie das stolz?
Hinterhäuser: Nein, ich bin nicht stolz, ich bin glücklich über Dinge, die aufgegangen sind. Das ist keine falsche Bescheidenheit, natürlich ist es schön, gelobt zu werden. Es wäre kokett zu sagen, dass es einen nicht freut, wenn sich manches offenbar so mitgeteilt hat, wie man es sich erhofft und erträumt hat. Lob tut gut, aber es verändert nicht das innere Koordinatensystem.
STANDARD: Und negative Kritik?
Hinterhäuser: Ich bin, was diesen Sommer betrifft, hemmungslos subjektiv. Ich war ja bei allen Produktionen von den ersten Klavier- und Bühnenproben an dabei, also nehme ich sie auch in Schutz. Ich weiß natürlich auch, dass in solch wochenlangen Probenarbeiten manchmal Dinge aus dem Ruder geraten können, die dann schwer zu korrigieren sind. Bei Kritiken habe ich kein Problem, wenn eine Produktion abgelehnt, als verstörend oder inadäquat empfunden wird. Aber wenn sich Kritik zu ideologisch äußert, irritiert mich das. Man sollte sich schon immer ein wenig Mühe geben, die Augen öffnen und sehen, was an Feinstarbeit vonstatten ging.
STANDARD: Was hat jemand versäumt, der die Salzburger Festspiele heuer nicht besucht hat?
Hinterhäuser: Ich würde schon mit einem gewissen Selbstbewusstsein sagen, dass es einiges gegeben hat, das bereichernd gewesen wäre, wenn man es erlebt hätte. Die Festspiele sind ja kein Dauerpartyservice, es geht hier um Kunst, um wesentliche Dinge, die auf wunderbarem Niveau verhandelt wurden. Wir sind Gastgeber; und die Menschen, die unserer Einladung gefolgt sind, haben es hoffentlich gut gehabt. Festspiele bestehen nicht aus einer Aneinanderreihung von Veranstaltungen, sondern aus einem Gesamtklima, einer Gesamttemperatur. Es muss gelingen, Veranstaltungen, Besucher und Künstler auf einen Ton zu stimmen.
STANDARD: Wie lernt man das? Kommt Ihnen da Ihre Musikalität als Pianist zugute?
Hinterhäuser: Vielleicht. Ein Festival folgt einem inneren Rhythmus, einer Form. Man muss ein Gespür haben für Strukturen, für Verdichtungen und Entfernungen. Es gibt keine Strategie, keinen Plan. Es hat - das ist ein großes Wort - mit der Liebe zu dem Ganzen zu tun; zu den Werken, die man hier in eine programmatische Landschaft einbaut; zu den Künstlern, die man einlädt, und auch mit der Zuneigung zu den Besuchern. Es hat viel mit intuitiver Intelligenz zu tun, mit Geschmack, mit Takt. Da gibt es viele Dinge, die sich weit entfernen von einer nüchternen Planung - wobei: Diese Nüchternheit braucht es natürlich auch, in vielen Situationen muss man einen kühlen Kopf bewahren. Vieles lernt man, indem man es macht, und nicht, indem man sich selber einen Fragenkatalog vorlegt.
STANDARD: Wie beurteilen Sie es, dass immer mehr Festivals von Managern geleitet werden, die genau nach Fragenkatalog vorgehen?
Hinterhäuser: Grundsätzlich heißt es "Künstlerischer Leiter" und es gibt in diesen zwei Worten eine klare Hierarchie: Es fängt mit "künstlerisch" an, danach kommt erst der "Leiter". Ich habe eine deutliche Präferenz für Menschen, die aus der Kunst kommen, in der Kunst zu Hause sind, die mit der Kunst umgehen können. Aber es gibt Beispiele, wie etwa mein Freund Hans Landesmann, der kein Künstler ist, aber ein eminent künstlerischer Mensch, der in der Kultur, auch bei den Festspielen, Großartiges geleistet hat. Tendenziell stehen wir aber vor der Situation, in der die immer unüberschaubarere Flut an Intendanten eine Spezies hervorbringt, bei der man das Gefühl hat, diese seien aus dem immer gleichen "genetischen Material" gemacht. Die Eigenart verschwindet zusehends.
STANDARD: Was müsste sich an der Struktur der Festspiele ändern?
Hinterhäuser: Strukturen sind etwas sehr Theoretisches, haben viel mit den handelnden Persönlichkeiten zu tun, sind nicht für immer und ewig festgeschrieben. Wir hatten, was die Innenverhältnisse betrifft, einen entspannten Sommer. Es gab nichts, was störend gewesen wäre. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass eine Erweiterung des Direktoriums um den Konzert- und Schauspielchef richtig und bereichernd wäre. Menschen, die intelligent sind, Fantasie haben und sich der Sache der Salzburger Festspiele widmen, sollte man nicht als bedrohlich für das Entscheidungsgremium ansehen.
STANDARD: Sind Sie noch wütend oder enttäuscht, wie die Flimm-Nachfolge abgelaufen ist?
Hinterhäuser: Nein, wütend bin ich nicht. Aber die Art und Weise, wie hier vorgegangen wurde, ist einer Institution wie der Salzburger Festspiele nicht würdig. Ich sage das unabhängig vom Resultat der "Findung". Das möchte ich hier nicht beurteilen. Ich beurteile nur den Vorgang, und der war reflektiv und intellektuell auf einem bemerkenswert bescheidenen Niveau.
STANDARD: Verlassen Sie die Festspiele mit Wehmut?
Hinterhäuser: Die Salzburger Festspiele waren eine immense Bereicherung in meinem Leben. Wenn man einen Ort, an dem man sehr glücklich war, verlässt, ist man auch wehmütig. So abgebrüht und kaltschnäuzig bin ich nicht. Aber vielleicht bewegt sich das Leben ja in Zyklen. Und dieser ist jetzt einmal abgeschlossen.
STANDARD: Freuen Sie sich auf Ihren neuen Lebenszyklus als Intendant der Wiener Festwochen, die ja sehr unterschiedlich sind zu den Salzburger Festspielen?
Hinterhäuser: Beide haben ihre große Ausstrahlung und ihre großen Möglichkeiten. Aber - und das ist keine wertende Aussage - man kann sie nicht vergleichen. Das beginnt damit, dass die Festspiele nur partiell ein Festival für die Salzburger sind: 230.000 Karten in fünf Wochen sind eine Einladung an die Welt. Die Festwochen sind zu einem überwiegenden Teil Festwochen für Wien und die Menschen, die dort leben. Aber allen Festivals gemein ist: Sie müssen sich per Naturgesetz außerhalb des Alltäglichen bewegen. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 30. August 2011)
Markus Hinterhäuser (53) Der in La Spezia geborene österreichische
Pianist war seit 2006 Konzertchef der Salzburger Festspiele, wo er 1993
die Avantgarde-Reihe "Zeitfluss" etablierte. 2014 tritt er die Nachfolge
Luc Bondys als Intendant der Wiener Festwochen an.