"Die Festspiele sind kein Dauerpartyservice"

Interview | Andrea Schurian, 29. August 2011, 17:15
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    foto: apa/barbara gindl

    Das Konzept von Markus Hinterhäuser: "Es muss gelingen, Veranstaltungen, Besucher und Künstler auf einen Ton zu stimmen."

Markus Hinterhäuser wurde für das komplexe Programm der Salzburger Festspiele 2011 allerorts hoch gelobt

 Nun nimmt der Interimsintendant wehmütig Abschied - im Gespräch mit Andrea Schurian.

STANDARD: Selten wurde ein Festspielintendant für sein kluges Programm so einhellig gelobt wie Sie. Macht Sie das stolz?

Hinterhäuser: Nein, ich bin nicht stolz, ich bin glücklich über Dinge, die aufgegangen sind. Das ist keine falsche Bescheidenheit, natürlich ist es schön, gelobt zu werden. Es wäre kokett zu sagen, dass es einen nicht freut, wenn sich manches offenbar so mitgeteilt hat, wie man es sich erhofft und erträumt hat. Lob tut gut, aber es verändert nicht das innere Koordinatensystem.

STANDARD: Und negative Kritik?

Hinterhäuser: Ich bin, was diesen Sommer betrifft, hemmungslos subjektiv. Ich war ja bei allen Produktionen von den ersten Klavier- und Bühnenproben an dabei, also nehme ich sie auch in Schutz. Ich weiß natürlich auch, dass in solch wochenlangen Probenarbeiten manchmal Dinge aus dem Ruder geraten können, die dann schwer zu korrigieren sind. Bei Kritiken habe ich kein Problem, wenn eine Produktion abgelehnt, als verstörend oder inadäquat empfunden wird. Aber wenn sich Kritik zu ideologisch äußert, irritiert mich das. Man sollte sich schon immer ein wenig Mühe geben, die Augen öffnen und sehen, was an Feinstarbeit vonstatten ging.

STANDARD: Was hat jemand versäumt, der die Salzburger Festspiele heuer nicht besucht hat?

Hinterhäuser: Ich würde schon mit einem gewissen Selbstbewusstsein sagen, dass es einiges gegeben hat, das bereichernd gewesen wäre, wenn man es erlebt hätte. Die Festspiele sind ja kein Dauerpartyservice, es geht hier um Kunst, um wesentliche Dinge, die auf wunderbarem Niveau verhandelt wurden. Wir sind Gastgeber; und die Menschen, die unserer Einladung gefolgt sind, haben es hoffentlich gut gehabt. Festspiele bestehen nicht aus einer Aneinanderreihung von Veranstaltungen, sondern aus einem Gesamtklima, einer Gesamttemperatur. Es muss gelingen, Veranstaltungen, Besucher und Künstler auf einen Ton zu stimmen.

STANDARD: Wie lernt man das? Kommt Ihnen da Ihre Musikalität als Pianist zugute?

Hinterhäuser: Vielleicht. Ein Festival folgt einem inneren Rhythmus, einer Form. Man muss ein Gespür haben für Strukturen, für Verdichtungen und Entfernungen. Es gibt keine Strategie, keinen Plan. Es hat - das ist ein großes Wort - mit der Liebe zu dem Ganzen zu tun; zu den Werken, die man hier in eine programmatische Landschaft einbaut; zu den Künstlern, die man einlädt, und auch mit der Zuneigung zu den Besuchern. Es hat viel mit intuitiver Intelligenz zu tun, mit Geschmack, mit Takt. Da gibt es viele Dinge, die sich weit entfernen von einer nüchternen Planung - wobei: Diese Nüchternheit braucht es natürlich auch, in vielen Situationen muss man einen kühlen Kopf bewahren. Vieles lernt man, indem man es macht, und nicht, indem man sich selber einen Fragenkatalog vorlegt.

STANDARD: Wie beurteilen Sie es, dass immer mehr Festivals von Managern geleitet werden, die genau nach Fragenkatalog vorgehen?

Hinterhäuser: Grundsätzlich heißt es "Künstlerischer Leiter" und es gibt in diesen zwei Worten eine klare Hierarchie: Es fängt mit "künstlerisch" an, danach kommt erst der "Leiter". Ich habe eine deutliche Präferenz für Menschen, die aus der Kunst kommen, in der Kunst zu Hause sind, die mit der Kunst umgehen können. Aber es gibt Beispiele, wie etwa mein Freund Hans Landesmann, der kein Künstler ist, aber ein eminent künstlerischer Mensch, der in der Kultur, auch bei den Festspielen, Großartiges geleistet hat. Tendenziell stehen wir aber vor der Situation, in der die immer unüberschaubarere Flut an Intendanten eine Spezies hervorbringt, bei der man das Gefühl hat, diese seien aus dem immer gleichen "genetischen Material" gemacht. Die Eigenart verschwindet zusehends.

STANDARD: Was müsste sich an der Struktur der Festspiele ändern?

Hinterhäuser: Strukturen sind etwas sehr Theoretisches, haben viel mit den handelnden Persönlichkeiten zu tun, sind nicht für immer und ewig festgeschrieben. Wir hatten, was die Innenverhältnisse betrifft, einen entspannten Sommer. Es gab nichts, was störend gewesen wäre. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass eine Erweiterung des Direktoriums um den Konzert- und Schauspielchef richtig und bereichernd wäre. Menschen, die intelligent sind, Fantasie haben und sich der Sache der Salzburger Festspiele widmen, sollte man nicht als bedrohlich für das Entscheidungsgremium ansehen.

STANDARD: Sind Sie noch wütend oder enttäuscht, wie die Flimm-Nachfolge abgelaufen ist?

Hinterhäuser: Nein, wütend bin ich nicht. Aber die Art und Weise, wie hier vorgegangen wurde, ist einer Institution wie der Salzburger Festspiele nicht würdig. Ich sage das unabhängig vom Resultat der "Findung". Das möchte ich hier nicht beurteilen. Ich beurteile nur den Vorgang, und der war reflektiv und intellektuell auf einem bemerkenswert bescheidenen Niveau.

STANDARD: Verlassen Sie die Festspiele mit Wehmut?

Hinterhäuser: Die Salzburger Festspiele waren eine immense Bereicherung in meinem Leben. Wenn man einen Ort, an dem man sehr glücklich war, verlässt, ist man auch wehmütig. So abgebrüht und kaltschnäuzig bin ich nicht. Aber vielleicht bewegt sich das Leben ja in Zyklen. Und dieser ist jetzt einmal abgeschlossen.

STANDARD: Freuen Sie sich auf Ihren neuen Lebenszyklus als Intendant der Wiener Festwochen, die ja sehr unterschiedlich sind zu den Salzburger Festspielen?

Hinterhäuser: Beide haben ihre große Ausstrahlung und ihre großen Möglichkeiten. Aber - und das ist keine wertende Aussage - man kann sie nicht vergleichen. Das beginnt damit, dass die Festspiele nur partiell ein Festival für die Salzburger sind: 230.000 Karten in fünf Wochen sind eine Einladung an die Welt. Die Festwochen sind zu einem überwiegenden Teil Festwochen für Wien und die Menschen, die dort leben. Aber allen Festivals gemein ist: Sie müssen sich per Naturgesetz außerhalb des Alltäglichen bewegen. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 30. August 2011)

Markus Hinterhäuser (53) Der in La Spezia geborene österreichische Pianist war seit 2006 Konzertchef der Salzburger Festspiele, wo er 1993 die Avantgarde-Reihe "Zeitfluss" etablierte. 2014 tritt er die Nachfolge Luc Bondys als Intendant der Wiener Festwochen an.

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17 Postings
p-hammer
00
30.8.2011, 15:29
Danke für diesen letzten Satz

Das bringt die - einzige wirkliche - Existenzberechtigung für Festspiele auf den Punkt:

Sie schaffen das Außergewöhnliche, das sich so in einem regulären Konzert- und Theaterbetrieb nicht oder kaum verwirklichen lässt. Daher können/sollen/müssen sie auch verstören, vielleicht sogar mal vor den Kopf stoßen.

Hinterhäuser ist das bewusst, ebenso war es früher bei Mortier und Landesmann. Es steht aber zu befürchten, dass die kommende Intendanz sich mehr der programmatischen Kulinarik widmet, als aus den festspielen wieder ein Innovationszentrum zu machen.

AllesWieImmer
00
30.8.2011, 10:32
Distinktion

Hinterhäuser steht für eine aufgeklärte Form von Modernität, die von großten Teilen der sog. distinguierten Gesellschaft nicht mitgetragen wird: Sie konstuieren sich gerne wieder reaktionär über Distinktionsattribute und wollen die feinen Unterschiede betont & naturalisiert haben.
Deshalb ist sein Abgang auch nur logisch: Die Spitze gegen das Hermes-Tuch, dieses Ent-Attribuierung, amüsiert die gute Gesellschaft gar nicht bzw. maximal ein Intermezzo lang und auch nur ob des bestimmten & charmanten Charismas von Hrn. Hinterhäuser!
Die Intendanz von Hinterhäuser ist deshalb so gut gelungen, weil seine ganze Energie der Sache galt und nicht diesem Distinktionszirkus: Diese Missachtung verdoppeln, das wär dann doch zu viel des Guten!

Abra Cadabra
14
30.8.2011, 10:03
Massen auf einen Ton gestimmt?

Den Ehrgeiz, "Veranstaltungen, Besucher und Künstler auf einen Ton zu stimmen", sollte man doch hinterfragen. Massen, die "auf einen Ton" gestimmt sind, haben per se etwas Bedrohliches.
Erstaunlich, dass Hinterhäuser so etwas ohne zu Erschauern über die Lippen kommt. Auch wenn er den Bescheidenen mimt, er hat schon auch den selbstverliebten Zampano in sich, wenngleich viel geschickter verpackt als der polternde Flimm.
Man sollte da nicht naiv sein.

p-hammer
10
30.8.2011, 15:08
Wo steht "Massen"? - Sie betreiben hier nur Rufmord

Ein Festival wie Salzburg schließt "Massen" sowieso aus - und Hinterhäuser spricht auch nicht von ihnen.

Meine Lesart ist eine rein künstlerische:

Es geht darum, ein Festival zu schaffen, dass nicht beliebig Stars und Events aneinander reiht, sondern ein Programm erstellt, dass voller innerer Wechselbezüge steht, in dem die Künstler nicht für sich, sondern gemeinsam für dieses Festival("thema") agieren und auch das Publikum dieses Festival als gesamtprojekt - und nicht den einzelnen Star - sucht.

Auch im Orchester wird "auf einen Ton gestimmt" - klar, es muss ja auch zusammen klingen. Dennoch haben sie ganz unterschiedliche Klänge und Klangfarben.
Also das Gegenteil der von Ihnen herbeiphantasierten uniformen Masse.

AllesWieImmer
00
30.8.2011, 13:07
Wortklauberei

Ich möchte das wertneutral sehen.
Was spricht dagegen, gemeinsam auf z.B. einen kritischen Ton gestimmt zu sein!? Passager.
Man könnte das, was Hr. Hinterhäuser vollbracht hat, vielleicht auch als "Fürsorge" sehen: Der Irrende bleibt Mensch & Person auf wenn ein Irrtum vorliegt!

Was wohl stimmt, ist, dass in die Distinktion zu gehen, wie es die sich fein-konstruierenden reaktionären Leute zunehmend wieder gerne haben, von einer enormen Brutalität und Rücksichtslosigkeit zeugt, und Hinterhäuser idealistisch einen Gegenentwurf zu entwickeln versuchte, der diese Brutalität kalmieren sollte.
Hinterhäuser durfte zwar einen Ton anstimmen, aber im Grunde genommen will die distinguierte Gesellschaft diesen nicht, deshalb auch der Abgang!

Abra Cadabra
11
30.8.2011, 13:34
Befremdlich

Ihre Wertneutralität in Ehren: aber ein Festival wie die Salzburger Fetzenspiele (Jandl) sind nun einmal ein Repräsentationsfestival. Oder hat Hinterhäuser die wirkliche neue Musik gespielt (Ausnahme: Haas, einmal Neuwirth), hat er Uraufführungen programmiert? Keine Einzige ... er hat eben auch repräsentiert, auf hohem Niveau.
Befremdlich, dass er dieser Welt hinterhertrauert.

p-hammer
01
30.8.2011, 15:14
Er trauert der Chance nach, das zu tun

Man kann ja aus Ihren Postings (bzw denb darin enthaltenen Unterstellungen) lesen, dass Sie den Hinterhäuser nicht mögen. Aber etwas Ahnung von der Sache wär nicht schlecht.

Hinterhäuser wurde wegen des verfrühten Ausscheidens von Flimm übergangsweise auf den Posten hinaufgeschoben - als billigste Lösung für die Festspiele, weil er war ja eh schon da und hat einen laufenden Vertrag. Klar konnte er da nur noch an den kleineren Schrauben drehen.

Toll wäre gewesen, hätte man ihn zum vollwertigen Intendanten gemacht - dann hätte hier künstlerische Innovation entstehen können wie zuletzt unter Mortier.

Schade.

daniel stephan
10
30.8.2011, 11:00

Das ist in der Tat ein erschreckender Satz ...

p-hammer
00
30.8.2011, 15:19
Erschreckend ist nur Ihre Unterstellung

Wie man aus der Passage etwas anderes herauslesen kann, als den Wunsch nach einem gemeinsamen Geist - und nicht einer uniformen Ideologie - der Programm, Künstler und Publikum verbindet, ist mir nicht nachvollziehbar.

Aber solche Unterstellungen sagen eh oft mehr über den aus, der sie anstellt....

Sebastian Figl
01
30.8.2011, 10:35
Versorgungsposten

Bei allem Respekt vor dem Musikverstand Hinterhäusers: die Festwochen sind in erster Linie ein Theaterfestival. Das ist ein Versorgungsposten.

Lirum Larum
01
30.8.2011, 10:40
eine österr. Lösung ...

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich Konzerthaus und Musikverein in ihrem Festwochen-Programm von Hinterhäuser dreinreden lassen - und trotzdem muss er es mittragen ... eine österr. Lösung par excellence!

Zdenko von Chlamtatsch
00
30.8.2011, 09:55

Hinterhäuser ist übrigens auch ein fantastischer Pianist. Er hat die Fassbaender begleitet: Sternstunden. Auch toll: Die Klavierwerke von Galina Ustwolskaja.

Thomas Rothschild
 
01
30.8.2011, 08:43
Ein sympathischer Mann

Könnte das allgemeine Lob für Hinterhäuser nicht daran liegen, dass entgegen einem verbreiteten Missverständnis Leistung und zurückhaltende Bescheidenheit im Auftreten doch mehr überzeugen als lautstarke Ankündigungen bei Pressekonferenzen und penetrante Selbstbeweihräucherung, die durch keinerlei Ergebnis gerechtfertigt sind? Es zeigt sich, dass das Klappern nicht unbedingt zum Gewerbe gehört und letzten Endes Qualität und persönliche Integrität anerkannt werden.

Kondratjew -Zyklus
 
21
30.8.2011, 04:41
In der Person der Präsidentin zeigt sich, dass die Salzbuger Sommerfestspiele eine Einrichtung der Fremdenverkehrsförderung sind.

afterthought
04
30.8.2011, 02:02

Danke, Herr Hinterhäuser für Ihre Verdienste um die Festspiele. Man wird sie zutiefst vermissen und hoffentlich, zum Richtigen Zeitpunkt und mit gebotenem Respekt sich wieder an Sie erinnern

krikri
01
29.8.2011, 23:52

ps: andererseits freut man sich auf seine zeit in wien

krikri
02
29.8.2011, 23:51

wenn man mh vor schon einiger zeit in ö1 bei michael kerbler im gespräch gehört hat, wußte man sofort was für ein absolut "gscheiter" und sypathischer mensch mh ist und ist mehr als verwundert, um es milde auszudrücken, dass er nicht weitermachen kann...

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