Sozialversicherung

SVA treibt Selbstständige in die Schuldenfalle

29. August 2011, 11:37

Fast jeder fünfte Versicherte wurde gemahnt und knapp jeder zehnte exekutiert. Das System trifft die Wenigverdiener am härtesten, jetzt formiert sich Widerstand

Wien - Die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) wurde erfunden, um für Unternehmer im Krankheitsfall und in der Pension zu sorgen, aber es ist ausgerechnet diese Institution, die viele Selbständige in Not bringt. Wie das Monatsmagazin Datum in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, wurde fast jeder fünfte SVA-Versicherte gemahnt und knapp jeder zehnte exekutiert, das heißt: Von rund 33.000 Menschen mussten die Sozialversicherungsbeiträge mittels Gericht eingetrieben werden. Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Jahresbericht der SVA, der das Geschäftsjahr 2009 behandelt.

Unter der Armutsgefährdungsgrenze

Drei von fünf SVA-Versicherten verdienen monatlich weniger als 600 Euro netto. Jene von ihnen, die kein zusätzliches Einkommen haben, liegen damit weit unter der Armutsgefährdungsgrenze (derzeit: 994 Euro), müssen aber trotzdem Sozialversicherung zahlen. Das System trifft die Wenigverdiener am härtesten. Zwar zahlen Vielverdiener mehr Geld in den Topf ein, prozentuell berappen sie aber beträchtlich weniger. Der Grund: Die Sozialversicherung beträgt im Normalfall etwas mehr als ein Viertel des Einkommens, doch durch den Mindestbeitrag, den man mindestens zahlen muss, und dem Höchstbeitrag, den man maximal zahlt, verschieben sich die Beiträge zugunsten der Besserverdienenden. "Eine Friseurin, die mit einem Einkommen von 400 Euro knapp über der Geringfügigkeitsgrenze dahinschrammt, zahlt 47 Prozent ihres Einkommens an die SVA, ein Firmenboss, der 10.000 Euro monatlich verdient, zahlt 12,4 Prozent", rechnet das Magazin Datum vor.

Laut Statistik Austria sind 17 Prozent aller Working Poor Selbständige, sie tragen ein höheres Armutsrisiko als Arbeitnehmer. Besonders davon betroffen sind so genannte Ein-Personen-Unternehmer, kurz EPU. Laut Schätzungen der Wirtschaftskammer verdienen in Österreich rund eine Viertel Million Menschen ihren Lebensunterhalt als Alleinunternehmer. Betroffen ist ein breites Spektrum, vom Freudenmädchen bis zum Computerfachmann, von der Architektin bis zum Taxifahrer, von der Journalistin bis zum Künstler. Nicht alle EPU haben die Selbstständigkeit frei gewählt, manche werden von Firmen einfach dorthin gedrängt bzw. aus Kostengründen outgesourct. SVA-Sprecherin Anna Helmy betont gegenüber derStandard.at, man habe sich eben auch an die gesetzlichen Vorgaben zu halten. Außerdem sei in den ersten drei Jahren ohnedies nur der Mindestbetrag zu zahlen, dann erst werde zurückgerechnet, um die tatsächliche Beitragshöhe zu eruieren.

EPU Mehrzahl der WK-Mitglieder

Obwohl Ein-Personen-Unternehmer schon heute die Mehrzahl der Wirtschaftskammer-Mitglieder stellen, richtet sich deren Sozialversicherung Datum zufolge noch immer an den Bedürfnissen des alten Unternehmerbildes á la Fabriksbesitzer aus. So haben SVA-Versicherte im Gegensatz zu Arbeitnehmern, die bei Gebietskrankenkassen versichert sind, weder Anspruch auf Arbeitslosen- noch auf Krankengeld. Dafür müssten sie extra eine Zusatzversicherung abschließen, die sich im Prekariat lebende Selbständige selten leisten können.

Weil den Alleinunternehmern eine politische Lobby fehlt, beginnen sie sich nun selbst zu organisieren. Mitglieder der Facebook-Gruppe "Amici delle SVA" - laut Datum wurde der Name "bewusst italienisch gewählt, in Anlehnung an die Mafia" - haben bereits einen Flashmob und eine Bettelaktion ins Leben gerufen, um auf die Missstände im System aufmerksam zu machen.

Dennoch fehlt bislang der politische Druck. Bestes Beispiel: Alle Parteien sind sich einig, das Wochengeld für selbständige Frauen im Mutterschutz aufzustocken, das im Vergleich zum Wochengeld der Arbeitnehmerinnen bedeutend niedriger ist. Trotz des Konsenses hat die Regierung bisher noch keinen Handlungsbedarf für einen entsprechenden Beschluss gesehen. (derStandard.at, 29.8.2011)

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DonSalvatore
 
00
23.9.2011, 19:23
SVA: Der zarte Aufstand der Versicherten…

„Amici delle SVA“ nennt sich eine Facebook-Gruppe von Versicherten der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft, die ihre Unzufriedenheit artikulieren. Zwar mit viel Engagement, aber - zumindest derzeit - wenig Potential für politischen Druck. Der Grund: Mangelnde Informationen über Sozialversicherungsgesetze, unterschiedliche Interessen und eine Vielzahl unterschiedlicher Ausgangspositionen der Gruppenmitglieder.

Mehr unter: http://gesudere.at/blog/?p=3992

blue notes
03
Das hat mit der SVA überhaupt nichts zu tun.

Vielmehr liegt es an der immer stärker werdenden Verteilungsungerechtigkeit in diesem Land.

Die Armen wenden notgedrungen einen Großteil ihrer Mittel für den Konsum auf und zahlen daher ungleich mehr Steuern als die Reichen.

Daran ändert sich auch nichts, wenn diese Armen selbständig werden und sich als Unternehmer sehen.

Prekariat bleibt Prekariat. Ganz konservativ.

lawiesalon
 
02
Arbeitsmoral

Na wenigstens zeigen die SVA-Versicherten, was Arbeitsmoral ist. Die rennen wegen einer Petitesse wie eitriger Angina nicht gleich zum Arzt, sondern hackeln weiter. Nicht ganz freiwillig, na gut, weil eben (theoretischer) Krankenstand und gleichzeitig Geld verdienen einander ausschließen.
Angesichts dessen sind die barocken Selbstbehalte der SVA eher eine theoretische Größe.
Wie bilanzieren die Versicherer eigentlich? Und wer bekommt das ganze schöne Überschussgeld? Und: wo haben die ihr Kundenservice à la Ignazius von Loyola gelernt?

NoPod
16
Mindestbemessungsgrundlage weg!

Höchstbemessungsgrundlage weg! Gleichstellung aller SVA Versicherten mit den GKK Versicherten.
Die Arbeitslosenversicherung muss inkludiert sein und ein Pendant zu Lohnfortzahlung muss her.

Es sind so viele Menschen mit einem riesen Potential, wovon auf Dauer die Allgemeinheit sehr profitieren könnte. Leider werden viele abgeschreckt und andere die die es doch wagen, abgezockt und wenn sie nicht mehr zahlen können von der SVA in den Konkurs geschickt.

Detail: Während das Finanzamt bei Zahlungsplänen im Konkursfall fast immer zustimmt, lehnt die SVA prinzipiell ab.

fwn
32
31.8.2011, 16:08
SVA-Beiträge sind Steuern, keine Versicherungsprämien

Die SVA-Beiträge bestehen zum größten Teil (ca. 2/3) aus den Beiträgen zur Pensionsversicherung. Ein Blick auf die Bevölkerungspyramide (Altersverteilung) und ich weiß sofort, dass ich davon sicher nichts mehr haben werde.
Die Krankenversicherung macht nur etwa 1/3 des Beitrags aus (ca. 8%) und die Unfallversicherung kostet noch viel weniger.

Was auch ein Problem für wenig-verdienende Selbständige ist: Die SVA-Beiträge steigen ständig. Nicht der absolute Betrag ist dabei gemeint, sondern der Prozentsatz! Der geht seit Jahren bergauf...

Eisbaer14
01
31.8.2011, 23:45
? ? ?

Ein erstaunliches Posting.
Haarsträubende Behauptungen, ohne jeden Beleg, dafür aber ebenso quer durch den Gemüsegarten wie zusammenhanglos.

Wie begründen Sie, dass die SV-Beiträge Steuern sind? Weil die UV weniger kostet? Oder sehen Sie das an der Alterspyramide?

Tatsächlich ist es umgekehrt, aus Steuermitteln werden Ihre mageren SV-Beiträge gestützt.

Und wieso steigen die Beiträge? Wurden die nicht erst gesenkt, weil man alle Berufsgruppen angleichen wollte?

Ich gestehe, ich bin nicht gut genug für Ihr Posting. Es ist mir einfach zu hoch.

lepoldi
01

es stimmt nicht , dass steuermittel zugeschossen werden . es wurden sogar da die SVA überschüsse erwirtschaftet hat durch die seinerzeitige schwarzblaue regierung 500 . 000 . 000.- (fünfhundert millionen schilling ) an die Bauernversicherung umgeschichtet .

fwn
00
Steuer oder Versicherung?

Eine Versicherung verspricht eine garantierte Leistung und verlangt dafür eine Prämie, die sich am Risiko orientiert. Die Pensionsversicherung verspricht KEINE garantierte Leistung und verlangt eine Prämie, die bei Wenigverdienern einen höheren Prozentsatz und bei Vielverdienern einen geringeren Prozentsatz des Einkommens ausmacht. Die Beiträge werden dann direkt den derzeitigen Pensionisten ausgezahlt, wobei der Staat hier noch zuzahlen muss. Daher empfinde ich die SVA-Beiträge als Steuer und nicht als Versicherungsprämien.

Die SVA-Beiträge wurden nicht gesenkt, sie wurden erhöht. Z.B. PV 2009: 16%, 2011: 17,5%. Gesenkt wurde vor ein paar Jahren die Krankenversicherung von 9,1% auf 7,65%, dafür wurde gleichzeitig die SeVo eingeführt mit 1

fwn
00
...

...mit 1,53%. Die Gesamtbeiträge haben sich prozentuell also erhöht.

Eisbaer14
00
O.k., insgesamt Erhöhung, aber bei mehr Leistung.

Beim ersten Teil liegen Sei dafür gänzlich falsch.

Eine private Pensionsversicherung verspricht eine phantastische Rendite (wir erinnern uns an Schüssels 7%) und garantiert dafür NICHTS, mittlerweile nicht einmal, dass Sie das einbezahlte Geld herausbekommen. Von Ihrer Prämie zahlen Sie hauptsächlich Werbung, überhöhten Verwaltungsaufwand und Dividenden.

Die SV garantiert dafür, dass Sie entsprechend der zukünftigen Wirtschaftsleistung Ihren Anteil am Wohlstand erhalten, durchaus abhängig von Ihren Einkünften und der Dauer Ihrer Erwerbstätigkeit. Dafür ist Werbung sinnlos (weil es das Gesetz gibt), der Verwaltungsaufwand ist sensationell niedrig und statt Dividenden zu zahlen bekommen Sie noch ein Zuckerl aus Steuermitteln.
Optimal!

R. Lexer
00
30.8.2011, 20:00

An alle Kammermitglieder: Geht zur Wirtschaftskammerwahl, und gebt dem Wirtschaftsbund eine schallende Ohrfeige! (gut, vielleicht keine mit dem RFW)

Salz Burger
00
14.9.2011, 13:46

und was würde das jetzt ändern?

R. Lexer
00
14.9.2011, 14:08

Obmann von SVA und Wirtschaftskammerpräsident sind in Personalunion und fest in der Hand des Wirtschaftsbunds.

Salz Burger
00
15.9.2011, 16:29

Zumindest den Wirtschaftskammer-Präsidenten können wir alle paar Jahre indirekt wählen. Wird schon seine Gründe haben, warum der Wirtschaftsbund ständig die ganzen Funktionen von uns Wählern zugeschanzt bekommt.

Das Angebot ist halt nicht allzu groß. Bei aller Kritik am Wirtschaftsbund, die Alternativen bei den Kammerwahlen sind noch viel schlimmer.

R. Lexer
01
15.9.2011, 16:46

Die meisten Neuen Selbständigen, die inzwischen wohl die Mehrheit der SVA-Versicherten ausmachen, sind ja gar nicht Kammermitglied.

Salz Burger
00
15.9.2011, 17:11

Das sind dann aber keine richtigen Selbständigen. Haben Sie einige Beispiele?

pfeffernelke
01

Es geht ja darum, dass wir genau dazwischen hocken. Wir sind "Freiberufler" ;)

Salz Burger
00
15.9.2011, 19:16

danke.

Kelbo
02
31.8.2011, 08:28

die meisten Einzelunternehmer sind nicht Kommermitglieder sondern in freiem Gewerbe tätig...

Eisbaer14
90
30.8.2011, 17:24
Ja, das ewige Gesudere mancher Träumer...

...kann einem schon gehörig aufstoßen.
Aber der Markt (und hier sein verlängerter Arm SVA) regelt das offenbar ganz gut. Es hat eben nicht jeder das Zeug zum Unternehmer.

Wenn Gewinn und Umsatz nicht unterschieden werden, die Buchhaltung nur lästig ist und die Ahnung von den gesetzlichen Bestimmungen fehlt, dann schaut man halt blöd, wenn die Vorschreibung kommt, das Geld aber weg ist.

Die Schuld würde ich hier eher bei den Betroffenen sehen. Aber auch beim AMS, das die ganzen unvermittelbaren Langzeitarbeitslosen in die Selbstständigkeit drängt, damit die Statistik passt. Kurse über Unternehmertum werden aber keine angeboten, so viel ich weiß. Das ist leichtfertig, solche EPU sind zum Scheitern verurteilt.

Der keynesianische Endpunkt ist erreicht.
02
21.11.2011, 18:35

Lesen Sie ein bisschen L.v.Mises, bevor Sie so einen Unsinn auch noch glauben.

Sie haben ganz offensichtlich keinen Schimmer, was Markt ist. Noch weniger, dass dieser nicht ohne Attribute gedacht werden kann, wie z.B. freier Markt. Und den gibt es in AT __nicht__, es herrscht Korporatismus pur (wovon Sie sicher auch nichts wissen).

Die SVA als "verlängerten Arm" von Markt zu bezeichnen, kann nur einem völlig unbedarften Sozialisten passieren.

Würschtl, peinliches.

Kelbo
01
31.8.2011, 08:30

da redet der Blinde wieder mal von den Farben...

blue notes
04
30.8.2011, 17:55
So ein Schmarren!

Das ist ja nur überheblich! Nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Zeiten vorbei sind, da "die Unternehmer" etwas Besseres waren. Das ist seit den ganzen Ich-AGs Geschichte.
Genau so ist die SVA kein kleiner, aber feiner Verein mehr, sondern das sind Armenhäusler und Grabler. Lauter selbständige Hausmeister, Kolporteure, Maurer und Wünschelrutengeher.
60000 SVA-ler sind arm! Ich finde es beachtlich, dass nur die Hälfte davon Eintreibungsmassnahmen zur Hebung der Zahlungsmoral braucht.

Eisbaer14
00
Vielen Dank für die Zustimmung!

War vielleicht anders gemeint, aber tatsächlich findet sich darin nichts, was meiner Aussage widerspricht.

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