Innerhalb von bloß zwölf Jahren stieg die Bevölkerungszahl von sechs auf sieben Milliarden Menschen an
Wien - Am 12. Oktober 1999 kam in Sarajevo ein kleiner Bub zur Welt. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan begrüßte ihn symbolisch als sechsmilliardsten Erdbewohner. Keine zwölf Jahre später wartet bereits der siebenmilliardste Mensch auf seine Geburt. Nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit wird er in einem der beiden einwohnerreichsten Staaten Indien oder China zur Welt kommen.
Möglicherweise ist er aber auch schon da: Denn keine Statistik ist so genau, dass man einen exakten Termin ausrechnen könnte. Die Vereinten Nationen haben sich auf den 31. Oktober als mutmaßlichen Geburtstag festgelegt - ein Datum von eher symbolischem Wert. Die Bevölkerungsexperten haben oft schon die Erfahrung gemacht, dass ihre Prognosen von der Wirklichkeit überholt werden. Deshalb wird erwartet, dass es schneller geht.
Enorme Beschleunigung
Im Lauf der Menschheitsgeschichte hat sich das Wachstumstempo enorm gesteigert: Zu Christi Geburt gab es etwa 300 Millionen Menschen. Erst kurz nach 1800 wurde dann die erste Milliarde erreicht. Jetzt kam allein im noch jungen 21. Jahrhundert schon wieder eine Milliarde hinzu. Mit weiteren Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung ist man inzwischen ähnlich vorsichtig wie bei längerfristigen Wettervorhersagen.
"Der globale Ausblick ist durch eine Vielzahl von Unsicherheiten schwierig", gibt der Bevölkerungswissenschaftler David Bloom von der Harvard School of Public Health zu. "Dazu zählen Infektionskrankheiten, Krieg, der wissenschaftliche Fortschritt, politische Änderungen und unsere Fähigkeit zur globalen Zusammenarbeit." Allgemein wird aber erwartet, dass sich das Bevölkerungswachstum abschwächt: Die UN-Prognosen fürs Jahr 2050 reichen von acht bis 10,5 Milliarden.
Interkontinentales Ungleichgewicht
Sicher ist, dass sich die Gewichte zwischen den Kontinenten verschieben werden. Getrieben wird das Wachstum von den hohen Geburtenraten in Asien und Afrika. Bald wird Indien (derzeit: 1,2 Milliarden) China (1,3 Milliarden) als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen. Allein in Nigeria, das mit 162 Millionen heute schon die meisten Einwohner Afrikas hat, soll die Zahl bis zur Jahrhundertmitte auf fast eine Drei-Viertel-Milliarde zunehmen.
Ein anderes Beispiel: Derzeit haben die Industrienation Deutschland und das Entwicklungsland Äthiopien beide etwas mehr als 80 Millionen Einwohner. In 40 Jahren jedoch wird es voraussichtlich 174 Millionen Äthiopier geben, aber nur noch 72 Millionen Deutsche. Und die werden im Durchschnitt auch deutlich älter sein als heute.
Dies bedeutet auch, dass sich die Machtverhältnisse zwischen den Kontinenten verschieben werden. Länder wie China, Indien oder Brasilien (193 Millionen) gewinnen jetzt schon an Einfluss. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte dieser Tage nicht nur mit Blick auf die Euro-Krise: "In einer Welt von sieben Milliarden Menschen müssen wir 500 Millionen Europäer zusammenhalten." Wohlstand und Werte seien sonst kaum zu retten.
Ökologische Folgen
Mit der schieren Zahl an Menschen wächst auch der Bedarf an Land,
an Lebensmitteln, an Energie. Befürchtet wird, dass der Kampf um die
vorhandenen Ressourcen immer härter wird. Viele halten es zum
Beispiel für möglich, dass es zwischen Nachbarstaaten künftig Kriege
ums Wasser geben wird.
Die Umweltorganisation WWF hat ausgerechnet, dass man 2050
eigentlich drei Planeten Erde brauchen wird, wenn sich an unseren
Gewohnheiten nichts ändert. "Wir müssen in den kommenden 40 Jahren
die gleiche Menge an Lebensmitteln herstellen wie in den letzten
8.000 Jahren", sagt WWF-Experte Jason Clay. Zudem wird, vor allem in
den großen Industrienationen, immer noch viel zu viel weggeschmissen.
100 Milliarden
Optimisten verweisen darauf, dass sich die zahlreichen
apokalyptischen Voraussagen über die Folgen des Bevölkerungswachstums
bisher noch nie bewahrheitet hätten. Tatsache ist, dass sich die
Dinge durch technische und medizinische Errungenschaften oft
positiver entwickelt haben als befürchtet - nicht nur wegen der
Erfindung von Pille und Präservativ, auch wegen der besseren
Verwertungskette in der Landwirtschaft.
Und selbst der aktuelle Bevölkerungsrekord bekommt eine andere
Dimension, wenn man vergleicht, wie viele Menschen die Erde insgesamt
schon ausgehalten hat: Geschätzt wird, dass es seit dem ersten
Auftauchen des Homo Sapiens schon mehr als 100 Milliarden menschliche
Wesen gab. Was sind da schon die sieben Milliarden von heute.
(APA/red, derStandard.at, 29.8.2011)