Der "Protestantismus" des Helmut Schüller

Kolumne |

Schönborn und Co verhalten sich wie Monarchisten, die ihre Macht über eine Mehrheit der Österreicher längst verloren haben

Im ORF-Mittagsjournal am Samstag wiederholte Helmut Schüller einen der zentralen Sätze: Die Kirchenleitung müsse "auf das Kirchenvolk hören". Der katholische Papst und seine "gehorsamen" Bischöfe verlangen das Gegenteil: Die "Gläubigen" müssten auf das Wort des Lehramts, also der Bischöfe, hören. Und die wiederum folgten dem Papst. In diesem Punkt ist Schüller protestantisch.

Das war auch der wichtigste Vorwurf des Kardinals Christoph Schönborn, als er im Februar 1999 dem damals 47-jährigen Wiener Generalvikar Schüller das Entlassungsschreiben vor die Wohnungstür legen ließ. Dieser habe die Strukturen der Erzdiözese Richtung Protestantismus verändern wollen. Das könne er, Schönborn, nicht zulassen.

Frauen als Pfarrer, verheiratete Priester, Mitbestimmung des "Kirchenvolks" sind verwoben mit dem täglichen Leben der Protestanten und erscheinen auch immer mehr Katholiken als "normal". Das Argument der Bischöfe, die evangelischen Kirchen hätten trotz verheirateter Pfarrer einen Priestermangel, stimmt nur oberflächlich. In Österreich sind katholische Strukturen trotz der Verweltlichung der Gesellschaft dominant.

Eine Umfrage im Auftrag des Standard (die übrigens beim Schüller-Interview im ORF ignoriert wurde) zeigt, dass nur noch zwei Prozent der Befragten zustimmen, die Kirche hätte die richtigen Antworten auf die Probleme der Zeit. Vor drei Jahren waren es immerhin noch sieben Prozent. Ein signifikanter Abfall.

Dieses Ergebnis unterstreicht die These Helmut Schüllers, die Gesellschaft habe sich "an der Kirche vorbei zivilisiert".

Schüller hat es nicht direkt gesagt. Aber noch vor dreißig Jahren haben sich missbrauchte Menschen nicht getraut, die Täter öffentlich zu nennen. Diese Mauer des Schweigens ist eingestürzt. Die Anklagen sind Grund genug, die Kirchenstrukturen zu ändern.

Sie bleiben, wie sie sind. Weshalb ein Umkehrschluss naheliegt. Nicht Schüllers Initiative spaltet die katholische Kirche, sondern deren Führung gefährdet die Einheit. Mit ihrem arroganten Beharren auf einer Verfassung, die den heutigen Regeln des Zusammenlebens widerspricht.

Schönborn und Co verhalten sich wie Monarchisten, die ihre Macht über eine Mehrheit der Österreicher längst verloren haben, aber so tun, als hätten sie das Sagen. Angesichts jener 40 Prozent, die dem Wiener Kardinal das Vertrauen entzogen haben, sollten die Alarmglocken läuten.

Der Vertrauensverlust schreitet trotz wöchentlicher Kolumne in der "Kronen Zeitung" weiter fort. Deren Leser sind offenbar auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Die Bischöfe stecken in einer schrecklichen Klemme. Wenn sie dem "Aufruf zum Ungehorsam" folgen, würde sich der österreichische Episkopat von Rom abspalten. Setzen sie Pfarrer Schüller ab, verlieren sie mehr als die Kirchenbasis. Es bliebe nur noch das liturgische Gewand als Hülle. Hohl, ohne Inhalt.

Nicht Schüller ist am Zug, sondern die Bischöfe. Sie müssten einen Kompromiss anbieten und "protestantische" Zugeständnisse machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2011)

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