Hazares Hungerstreik: Politik lenkt ein

Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, 28. August 2011, 17:49

Der indische Anti-Korruptions-Aktivist Anna Hazare hat seinen Hungerstreik beendet, nachdem das Parlament auf seine Forderungen eingegangen ist - und droht mit einer neuen Aktion, falls jene nicht umgesetzt werden

Dreizehn Tage hatte er jeden Bissen Nahrung verweigert, sieben Kilo in dieser Zeit abgenommen. Nun hat Indiens "neuer Gandhi", wie Anna Hazare bereits tituliert wird, seinen Hungerstreik beendet. Am Sonntag um 10.20 Uhr brach er, von TV-Sendern im ganzen Land live übertragen, mit einigen Schlucken Kokosmilch und Honig symbolisch sein Fasten. Und Indiens Regierungschef Manmohan Singh dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein.

Der 74-jährige Hazare hatte gedroht, sich auf einer Bühne in Delhis Ramlila-Park öffentlich zu Tode zu hungern, sollte die Regierung das geplante Antikorruptionsgesetz nicht verschärfen. Und er hatte damit eine landesweite Protestlawine losgetreten.

Am Samstag lenkten die Politiker schließlich ein. In einer Sondersitzung sicherte das Parlament per Akklamation zu, auf drei Kernforderungen Hazares bei dem sogenannten Lokpal-Gesetz einzugehen. So soll das Gesetz etwa zukünftig für alle Staatsbediensteten gelten, nicht nur für höhere Beamte. Auch die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen für Bürger, die von Korruption betroffen sind, wird nun voraussichtlich ermöglicht.

Die Nation jubelte. Wahlweise von einem Sieg "für Indien", "für das Volk" oder "für die Demokratie" sprachen die Medien. Im Ramlila-Park tanzten und sangen tausende Anhänger Hazares. Damit ging ein Machtkampf zu Ende, der Indiens Regierung in eine ihrer schwersten Krisen gestürzt hatte. Eine solche Protestwelle hatte das Gandhi-Land seit Jahrzehnten nicht gesehen.

Der bis dato wenig bekannte Hazare, den alle respektvoll "Anna", großer Bruder, nennen, stieg zum Volkshelden auf, großspurig erhob er seine Kampagne "zum zweiten Unabhängigkeitskampf". Die Regierung wirkte konfus und kopflos. Um den sturen Greis aus dem Verkehr zu ziehen, hatte sie Hazare sogar für drei Tage ins Gefängnis werfen lassen. Doch der drehte den Spieß um und begann, im Knast zu fasten.

Streik "ausgesetzt"

Doch der Konflikt ist noch nicht vorbei. Sein Hungerstreik sei nur ausgesetzt, sein Kampf gehe weiter, bis das Gesetz verabschiedet sei, warnte Hazare, der sich nun für einige Tage in einem Krankenhaus erholt. Den rüstigen Ex-Soldaten und "Gandhianer" dürstet es bereits nach neuen Taten. Er will nun durchs Land touren und die Menschen aufrufen, bei den nächsten Wahlen allen bestechlichen Politikern die rote Karte zu zeigen - und das dürften in Indien ziemlich viele Kandidaten sein.

Aus westlicher Sicht mag Hazare wie ein wunderlicher Kauz wirken, der auf der Gandhi-Welle reitet und sich als Heiliger feiern lässt. Kritiker sehen in ihm einen autoritären Führer, der dem Parlament seinen Willen aufzwingen will. Auch sei das von ihm vorgeschlagene Lokpal-Gesetz kein Allheilmittel. Dazu ist die Korruption viel zu tief in Indiens System verankert. Das weiß allerdings auch Hazare selbst, der dies nur einen ersten Schritt nennt.

Das Volk sei sich seiner Macht bewusst geworden, sagt der populäre Guru Sri Sri Ravi Shankar, der einer der Unterhändler bei dem Kompromiss war. Zwar erlässt die Politik ein Gesetz nach dem anderen, um Armut und Hunger einzudämmen - doch das meiste Geld versickert regelmäßig in dunklen Kanälen. Das Fass zum Überlaufen brachten zwei Megaskandale in der Politik in diesem Jahr. Die Politiker hätten den Kontakt zur Realität und zum Volk verloren, meint Ravi Shankar. "Dies ist keine gesunde Demokratie."

Rückgrat der jüngsten Proteste war Indiens erstarkende, städtische Mittelschicht. Aber auch Rikschafahrer, Bauern und Hausmädchen kamen zum Ramlila-Park, um Hazare zu unterstützen. Selbst Indiens Ureinwohner, die oft noch schlechter als Tiere behandelt werden, reisten von weit her an: 22 Dörfer kratzten ihre letzten Rupien zusammen, um zwölf Abgesandte auf eine Reise nach Delhi zuschicken. "Wir leben von Blättern und Käfern", sagte einer. "Anna Hazere ist unsere letzte Hoffnung." (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, STANDARD-Printausgabe, 29.8.2011)

Kommentar posten
25 Postings
Damenräumlichkeit
07
29.8.2011, 13:27
probier sowas mal bei uns

unsere politiker lassen einen verhungen und wünschen sich mahlzeit zu ihrem schweinsbraten

Der Waehlerwille
 
01
glaub ich gar nicht mal.

Aber ich denk eher dass man zwangsernährt wird oder ins wagner kommt.

Peacefaktor
01
29.8.2011, 16:36
Nicht, wenn er oder sie die Bevölkerung hinter sich hat

Peacefaktor
00
29.8.2011, 12:29
kein tropfen Blut, keine Gewalt = Erfolg. Eine

einfache Formel, im Grunde, die dieser Inder hier vorgeführt hat.
Sehr symphatisch auf derartig friedliche Weise für Menschen etwas zu erreichen.
Und jene, die sonst pro Gewalt argumentieren, sollten sich ansehen, wie man mit friedlichen Mitteln viel mehr erreicht als mit Gewalt. Nach Ghandi wird hier nun das nächsze Bsp. dafür vorexerziert.
Diese friedliche Methode des Protestes hat auch die Chance auf wirklichen Erfolg, da mit Waffengewalt nichts besseres nachkommt. Frieden braucht keine Waffen, genauso wenig braucht es Waffen, wenn man berechtigte Forderungen hat. Man hat immer die Wahl, wie man seine Ziele erreicht. Mit Waffen macht man sich selbst schuldig und bringt das Gehabte, ohne Waffen kann man positive Veränderung schaffen.

iGrammophon
01
29.8.2011, 10:18
mahlzeit!

Aux armes, citoyens
12
29.8.2011, 09:48

Ich war vor ein paar Monaten in Indien. Da gärt es derzeit gewaltig. Hab mich mit unserem Country Manager unterhalten, der mir sagte, dass nur 9% der Inder Steuern zahlen sollen. Die Mittelschicht eben.
Die kolportierten 1500 Mrd. $ Schwarzgeld in der Schweiz sind sicher noch untertrieben.

Meto
01
29.8.2011, 09:59

Na es ist mal so, dass wer unter glaub 200.000Rs oder so pro Jahr verdient 8vielleicht ists jetzt schon mehr) sowieso gar keine Steuern zahlt. Da kommt schon was zusammen. Und ich finds nur fair. Warum sollten die Ärmsten Steuern zahlen?

Aux armes, citoyens
02
29.8.2011, 10:04

Um die Ärmsten geht es mir natürlich nicht, sondern um die korrupten Blutsauger.

S. Aynf
01
29.8.2011, 09:32

Unteres Bild: omnnomnom :D

Meto
02
29.8.2011, 08:51

Kokosmilch mit Honig: da dem scheints zu schmecken ;)
Herrliches Bild.

ratatataaaa
12
29.8.2011, 07:49

Nur damit die Leute wissen, um welche Größenordnungen es hier geht:
http://www.finews.ch/news/fina... fluchtgeld
Man vermutet allein in der Schweiz 1500 Mrd. Doller indisches Geld (offiziell wohlgemerkt). Die dunkle Ziffer ist weit weit höher.

Bärthold
32
29.8.2011, 01:50
Es grünt so grün

Wie wärs mit einem hungerstreik bei uns gegen korrupte politiker und lobbyisten? Na frau glawischnig?

renegade22
03
29.8.2011, 09:08
reden kann jeder.

Können Sie es auch einfach machen?

yofrog
22
29.8.2011, 07:15

trolltel...

auto-persuasive agency
01
29.8.2011, 00:44
"Dies ist keine gesunde Demokratie."

Das gilt leider zunehmend für die anderen Demokratien auf der Welt auch. Sie müssen sich erneuern.

ikepod
01
28.8.2011, 23:55
in östereich wäre er tot

bevor sich da was tut bei unserer maffia wie man so sieht!
ich will köpfe rollen sehen
bei den politikern und den managern

Jake Gittes
11
29.8.2011, 08:59

Nein er wäre zwangsernährt worden.

ikepod
00
29.8.2011, 09:51

bin mir nicht sicher

athea
114
28.8.2011, 18:14
KÖNNT MA DI GUTE NACHRICHT VORREIHEN?

da hinten siehts nämlich leider niemensch

interessant, dass der soldat war...oder auch:

Selbst Indiens Ureinwohner, die oft noch schlechter als Tiere behandelt werden, reisten von weit her an: 22 Dörfer kratzten ihre letzten Rupien zusammen, um zwölf Abgesandte auf eine Reise nach Delhi zuschicken. "Wir leben von Blättern und Käfern", sagte einer. "Anna Hazere ist unsere letzte Hoffnung.

Roter Baron
10
29.8.2011, 09:32

die töchter egalias gelesen ?

Max Payne
00
29.8.2011, 03:08

niemensch find ich gut

Thomas Jandl
40
28.8.2011, 21:12

Erloeser gibt es viele. Indien ist furchtbar korrupt, aber die Methode ist vollkommen undemokratisch. Und bringen wird es auch nichts. In vielen Laendern sind die Anti-Korruptionsgesetze ausgezeichnet, allein es fehlt am Willen sie fair anzuwenden.

NONE
00
28.8.2011, 23:36

Blödsinn.

Der Protest geht weiter.

Das ist die indische Revolution.

Die geht eben anders weiter. Und ohne Gewalt.

frank franki
01
28.8.2011, 23:31

"... aber die Methode ist vollkommen undemokratisch."

Jein.
Er könnte nicht diesen Druck auf die Politik ausüben, würde er nicht einen entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung haben...

Kyaw Ni
00
28.8.2011, 19:30
inhaltlich absolut zu unterschreiben

ihre wortschöpfung "niemensch" hat allerdings auch was :-)

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