Esspapier

Gastkommentar | 27. August 2011, 08:24

Bloße Umverteilung kann den Welthunger in armen Ländern nicht besiegen – nur der Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens, also Wohlstand, wird den Hunger gezielt bekämpfen - Von Howard Leathers

Technisch betrachtet ist das Problem der Unterernährung gelöst. Die Welt produziert genügend Lebensmittel, um für jeden eine ausreichende Ernährung zu gewährleisten. Dennoch sind noch immer nahezu 15 Prozent der Weltbevölkerung unterernährt. Da Lebensmittel nach Einkommen verteilt sind, ist der Ruf nach Umverteilung eine häufige erste Reaktion: "Der Westen soll weniger essen und den Überschuss den Afrikanern geben." Das ist jedoch keine zweckmäßige Lösung.

Freiwillige Konsumänderungen

Oft hört man die Behauptung, "ethischer Konsum" - meist ist damit verringerter Fleischkonsum oder Vegetarismus gemeint - würde das in der Fleischproduktion verwendete Getreide "freisetzen", womit man hungrige Menschen ernähren könne.

Dieser Gedankengang ist falsch. Würden Menschen weniger Geld für Lebensmittel ausgeben und dabei gleichzeitig mehr für - sagen wir - sehr teure Haarpflegeprodukte, produzierte das globale Wirtschaftssystem weniger Nahrung und dafür mehr Haarpflegeprodukte. Auf geringere Lebensmittelpreise würden Landwirte antworten: "Lasst uns produzieren, was die Leute kaufen wollen; oder lasst uns die Landwirtschaft ganz aufgeben und in die Stadt ziehen, wo wir uns in der aufstrebenden Haarpflegeproduktindustrie betätigen können."

Es genügt also nicht, den eigenen Lebensmittelkonsum zu ändern. Wenn man eine Wirkung erzielen möchte, müsste man seinen kompletten Konsum verringern, den gesparten Betrag spenden und hoffen, dass dieses Geld effektiv genutzt wird, um den Hunger zu bekämpfen. Aber seien wir ehrlich: So großzügig sind wir nicht. Wir wissen bereits, wie Spenden funktionieren und trotzdem verwenden wir unser Geld lieber anders.

Europäer geben ca. 200 Milliarden Euro pro Jahr für Reisen ins Ausland aus. In Schwarzafrika gibt es 200 Millionen unterernährte Menschen. Man könnte eine Regelung schaffen, die es den Europäern verbietet, Auslandsreisen zu machen und jedem Hungernden in Schwarzafrika 1.000 Euro zur Verfügung stellt.

Die Probleme mit Vorschlägen wie diesem sind mehr als offensichtlich. Die Europäer würden solch eine drakonische Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit nicht akzeptieren. Und wie könnte man es selbst realisieren? Selbst wenn europäische Regierungen es schaffen würden, diese Mittel einzufordern, wie würden sie verteilt? Durch die (möglicherweise korrupten) nationalen Regierungen in Afrika? Direkt an die Unterernährten? Dies würde einen Anreiz schaffen, sich als unternährt klassifizieren zu lassen.

Der praktische Weg zur Lösung

Jede umsetzbare Lösung muss daher zwei komplementäre Elemente beinhalten: Der Anstieg sowohl der Ernteerträge als auch des Wirtschaftswachstums, um das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in armen Ländern zu erhöhen.

In den letzten 50 Jahren haben asiatische Länder unbestreitbar demonstriert, dass Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens Unterernährung reduziert. Aber Ökonomen kennen keinen klaren Weg zum Wirtschaftswachstum: Die Effektivität von Auslandshilfe und wie konstruktive Globalisierung auszusehen hat, sind umstritten. Zudem gibt es keine Einigkeit darüber, wie bessere Institutionen zur Förderung des Wirtschaftswachstums geschaffen werden könnten. Die Schritte, die benötigt werden, um die Ernteerträge zu erhöhen, sind bekannt, aber auch hier ist die Umsetzung nicht immer einfach.

Doch Erfolg ist möglich. Unterernährung ist in Asien von 41 Prozent in den frühen Siebzigern auf 16 Prozent 35 Jahre später gefallen; in Ghana von 27 Prozent auf weniger als fünf Prozent innerhalb von 15 Jahren. Dennoch sollten wir nicht auf Umverteilung als einfache Versprechen zur Lösung des Welthungerproblems hereinfallen. (Howard Leathers, derStandard.at, 27./28.8.2011)

Autor

Howard Leathers, The European, ist Associate Professor of Agricultural Economics and der Universität von Maryland, College Park. Er schreibt regelmäßig über Landwirtschaft und Hungersnöte, unter anderen in seinem Buch "The World Food Problem".

Kommentar posten
24 Postings
Es heißt immer...

"Afrika ist arm, am besten ist es, wir spenden fleissig damit sie sich was zum Essen kaufen können" - oder sowas in der Art. Und viele glauben, dass Afrika bedingt durch die geografische Lage keine optimalen Vorraussetzungen hat, um Nahrungsmittel anzubauen.
Das Gegenteil ist der Fall. Dafür hat Afrika andere Probleme: fehlende Infrastruktur, fehlende Produktionsmittel und Maschinen, Kriege und Krisen, nicht definitiv geklärte Landbesitze. Dies aber nicht erst seit jetzt. Wäre irgendwann mal Zeit, dies ansatzweise zu ändern. Afrika hätte durchaus gewaltiges Bodenpotenzial, um im Nahrungsmittelbereich zu einem wichtigen Exporteur aufsteigen zu können und nebenbei ihre eigenen Landsleute ausreichend mit Lebensmittel und Jobs zu versorgen.

irgendwer

wird schon "dahintersein" dass sich da nichts ändert...
Konzerne, Waffenindustrie, Diktatoren, Europa,....wer auch immer
leider
Hilfe zur Selbsthilfe wäre gefragt, wie es Karl-Heinz Böhm u.v.a. machen

endlich jemand...

...der logisch denken kann und nicht sofort in verbale selbstgeisselung verfällt.

was bringt ein wirtschafts- und produktionswachstum . . .

. . . von 4-5%, wenn es durch ein bevölkerungswachstum von 8-10% aufgefressen wird.

global gesehen hast du recht

ich beziehe mich auf entwickungsländer wie in europa (diverse stadtviertel in london) in asien (afganistan) im nahen osten (palästina, gaza) in afrika (zb. zimbabwe) süd- und mittelamerika (fawelas)

da bleiben eigentlich nur australien und die antarktis übrig

Abgesehen, dass ein Bevölkerungswachstum von 8-10% biologisch unmöglich ist: Das globale Bevölkerungswachstum hat sich in den letzten Jahren entspannt.

Die globale Zuwachsrate (prozentueller Zuwachs) hatte ihren Höhepunkt in den 60ern, in den 80ern wurde der höchste absolute Zuwachs erreicht. Im globalen Durchschnitt bekommt eine Frau heute noch 2,5 Kinder.

Die Anzahl der Länder mit auf Dauer untragbar hohem Wachstum wird zunehmend geringer. Zuletzt sind die Wachstumsraten in vielen arabischen Ländern sehr rasch gefallen, teilweise auch in Afrika.

http://www.weltbevoelkerung.de/oberes-me... ionen.html

Null-Artikel

ich habe gerade heute gelesen,

dass in den USA die Hälfte der produzieren Lebensmittel weggeworfen wird, bei uns wird die Quote wahrscheinlich bei 30 % liegen schätze ich mal.
Also wenn wir weltweit diese "Überproduktion" verteilen könnten, wären alle gerettet!!!
Auf lange Sicht ist aber meiner Meinung Bildung und Hilfe zur Selbsthilfe das Entscheidende für das Ende von Hungersnöten,...
dazu gehört aber auch das Ende der Gier der Konzerne....

Und ganz geschickt erwähnt er zwar Asien als Beispiel vermeidet aber von deren Geburtenkontrolle zu reden. Das wäre nämlich der erste Ansatz um das Einkommen zu erhöhen. Angebot und Nachfrage, wenn Menschen seltener werden wird ihre Arbeit wertvoller.

die Geburtenkontrolle ist sicherlich ein Lösungsansatz für diese Probleme u. die Tragfähigkeit unseres Planeten... ob ethisch vertretbar sei jetzt mal dahingestellt...

Geburtenkontrolle

ist in weiten Teilen Afrikas von HIV abgelöst worden. Da bis zu 50% der Bevölkerung und davon ganz besonders die unter 20-jährigen betroffen sind, ist in nächster Zeit mit einem drastischen Bevölkerungsrückgang zu rechnen.
Es wird eher so sein, dass durchaus fruchtbare Landstriche veröden weil die Menschen zum Bearbeiten fehlen werden.

Das ist aber insgesamt nicht relevant, nur regional.
Und fruchtbare Landstriche könnte man immer neu besiedeln (oder notfalls Agrarkonzern zum effizienten Beackern überlassen, wie es ja schon passiert), die Mehrheit, außer die alten Omas, will aber wohl sowieso weg, zumindest in die Städte, wo auch dort die Bevölkerung sich immer mehr konzentriert, und nicht mehr ackern.

die "Alten Omas" wollen nicht weg

die müssen weg wenn sie überleben wollen und den langen Marsch in ein Flüchtlingslager schaffen...
und die Agrarkonzerne bewirtschaften die Fruchtbaren Flächen, die Einwohner arbeiten zu "Sklavenlöhnen" und haben noch dazu ihr "vorher fruchbares Land" verlassen müssen, denn in Somalia gibt es keinen Landbesitz,...
die Regierungen haben diesen einfach an die Konzerne verpachtet.....
was hilft das jetzt den Einheimischen??? wenn sich dort die Konzeren ansiedeln, sie sind wieder die blöden.....

Mit dem Gegenteil ist zu rechnen. Wenn ich weiss, dass die Hälfte meiner Kinder an einer Krankheit sterben werden, werde ich den Nachwuchs verdoppeln, um die Ausfallsquote zu senken und da die Behandlung von HIV immer besser wird, wird die Bevölkerungszahl noch mehr explodieren als derzeit.

Nur Geburtenkontrolle, die mehrere Generationen in die Zukunft plant, funktioniert.

ist es ihnen also nicht recht,

dass immer mehr HIV-positive Kinder überleben????
und wegen Geburtenkontrolle reden sie einmal mit dem Pabst..... "allmächtiger Satan"

Mir ist überhaupt nix recht, das auf zwei Beinen läuft und Menschengemurks von sich gibt.

sorry, wie konnte ich nur fragen

bei dem Nick ;-)
aber mit dem Pabst könnten sie wenigstens reden zwecks Geburtenkontrolle,
auf einer "Ebene" eben....

allerdings ist die beste geburtenkontrolle

ein gewisser wohlstand, bildung, medizinische versorgung mit verhütungsmitteln unterschiedlicher systeme und einer gewissen gleichberechtigung der frau.

unsere hilfe ist naiv: wir wollen viel zu schnell viel zu große gesellschaftssprünge überbrücken und dazu braucht man einen langfristigen plan.

versorgung mit nahrung ist primär wichtig, ohne menschen die ausgebildet sind UND AUCH IM LAND BLEIBEN wollen bleibt aber alles stückwerk. maschinen und technik kann dann nicht mehr gewartet werden und alles war umsonst.

der einzige weg um etwas zu verändern ist geduldig wissen dorthinzutransferieren. hilfe zur selbsthilfe umfasst eben mehr als geschenke: bildung ist wichtig.

Wissenstransfer bringt nicht unbedingt was, da zB die USA auch brüten wie die Karnickel, während die Temperatur steigt und steigt und sich die ach so Gebildeten, wohin man auch blickt, dümmer als jeder bloßfüßige Buschjäger verhalten.

Für Geduld ist also keine Zeit.

Schade, dass der Herr Professor keine Ansätze zur Lösung des Ernährungsproblmes anbietet!

Wo es doch solche sicher gäbe.

Bevölkerungskontrolle etwa!

Es müsste jedem klar sein, dass unendliches Bevölkerungswachstum in einer begrenzten Biospäre nicht möglich ist.

Aber das ist politisch unkorrekt, und große Bevölkerungszahlen bedeuten politische Macht der Regierungen - ergo wird sich solange nichts ändern, bis die Menschen nicht zu Millionen, sondern zu Milliarden verhungern werden.

Wenn es einmal 50 Mrd. Menschen oder so auf der Erde geben sollte, ist klar, dass es mit der Nahrungsversorgung schwierig wird.

Heute hat Hunger aber nichts mit einem globalen Mangel an Lebensmitteln zu tun. Europa ist der mit Abstand am dichtesten besiedelte Kontinent und hier gibt es keine Hungersnöte sondern Lebensmittel im Überfluss.

Programme zur Geburtenkontrolle gibt es durchaus. Man kennt die rigide Ein-Kind-Politik Chinas und auch in Indonesien gibt es "Ein Kind ist genug"-Kampagnen. Auch andere Länder vor allem in Asien streben niedrigere Geburtenraten an. Alle Mächtigen scheinen Ihre Philosophie also nicht zu teilen.

Wie überaus praktisch...

...und frühkapitalistisch zugleich! Armut hat also überhaupt nichts mit Umverteilung zu tun - ergo deren Bekämpfung auch nicht. Wir (die noch Wohlhabenden) haben nicht nur keine Schuld daran, wir können leider auch garnix dagegen tun. Nur hoffen.

Hoffen wir also einfach auf Wirtschaftswachstum dort, wo Menschen arm sind (nein - bei UNS gibt es überhaupt keine Armut!), dann löst sich das Problem von ganz alleine.

Wenn ich nur ein genügend starkes Realitätsverzerungsfeld hätte, um das glauben zu können...

Ich find es supa, ich kümmere mich ohnehin nur um die armen Menschen in meinem Umfeld, und Afrika ist sowieso nicht zu helfen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.