16-jähriger Jugendlicher bei Protesten getötet

26. August 2011, 22:12

Zehntausende demonstrierten gegen Bildungs- und Arbeitspolitik - Rund 1.400 Festnahmen

Santiago de Chile - In Chile ist bei den massiven Protesten gegen die Erziehungspolitik ein 16-jähriger Jugendlicher getötet worden. Zum Abschluss eines zweitägigen Generalstreiks war es in der Hauptstadt Santiago des Chile zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. 153 Polizisten und 53 Zivilisten seien verletzt worden, teilte das Innenministerium am Freitag mit. 1.394 Personen wurden nach Angabe der Behörde festgenommen.

"Die Regierung erwartet, dass der Tod des jungen Mannes schnell aufgeklärt wird", sagte Vizeminister Rodrigo Ubilla. Manuel Gutierrez war im Stadtteil Macul an den Folgen eines Schusses in die Brust gestorben. Augenzeugen zufolge wurde der Jugendliche in der Brust getroffen, als er einen kleinen Übergang überquerte. Seine Familie machte die Polizei für den tödlichen Schuss verantwortlich.

Erste Meldungen hatten von einem 14-jährigen Toten berichtet. Die nächtlichen Krawalle konzentrierten sich auf die Vororte der Hauptstadt Santiago sowie die Umgebung von Universitäten. Dabei wurden auch brennende Barrikaden errichtet.

Chile müsse "traurig sein, weil wir nicht alle in der Lage waren, uns friedlich und geordnet zu verhalten, um die großen Probleme und Herausforderungen dieses Landes zu bewältigen", erklärte Ubilla. Am Donnerstag waren im ganzen Land rund 175.000 Menschen auf die Straße gegangen, davon 50.000 in Santiago. Nach Angaben des Energiekonzerns Chilectra fiel bei 50.000 Einwohnern der Hauptstadt wegen Vandalismus während der Proteste der Strom aus.

Zu dem Streik hatte die führende chilenische Gewerkschaft CUT aufgerufen, um den Forderungen von Studenten nach Reformen im Bildungswesen Nachdruck zu verleihen. Bei den seit drei Monaten andauernden Protesten wird eine stärkere finanzielle Beteiligung des Staates an der Bildung sowie eine bessere Ausstattung staatlicher Schulen gefordert.

Bei den Demonstrationen ging es zudem um bessere Arbeitsbedingungen von Krankenhauspersonal und Rettungskräften. Nach Angaben der CUT nahmen 600.000 Menschen an dem Streik teil sowie 80 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Dem Arbeitsministerium zufolge beteiligten sich lediglich neun Prozent der Beamten. Auch Forderungen an die Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten Sebastian Pinera nach einer Verfassungsreform und einer Senkung der Steuern auf Treibstoff wurden bei den Protesten laut. (APA/Reuters)

Kommentar posten
11 Postings
WomatschPepe
00
Seit wann herrscht in Chile wieder ein Regime?

Was sollen all diese Postings in dem von einem Regime in Chile gesprochen wird? Chile ist eine zentralistische Praesidialrepublik und Sebastian Piñera ihr legitim gewaehlter Praesident. Gut, er ist das erste rechts der politischen Mitte stehende Staatsoberhaupt seit Pinochet aber wenn man ihn rechtsextrem nennt, dann muesste man auch die liberalsten OEVP Politiker in Oesterreich als verkappte Neonazis betiteln.

egal9
03
26.8.2011, 22:47

Sie fordern kostenlose Bildung und wirtschaftliche Reformen, und was bekommen sie? Kugeln!

Auf die Unterstützung von NATO und EU brauchen sie auch nicht hoffen.
So bleibt ihnen nur, sich weiterhin entschlossen der brutalen Repression der Herrschenden entgegenzustellen und mutig für ihre Forderungen einzutreten.

Viel Erfolg wünsche ich!

odrr
00
19.2.2012, 13:17

und warum nicht den menschen des arabischen fruehlings. heuchler!

Ernst Guevara
03
27.8.2011, 09:53
bitte was erwartest du?

für die rechtsextreme regierung sind die demonstranten "eine kleine Bande arbeitsscheuer, nutzloser Subversiver" und "bedrohen die öffentliche Ordnung". die studentische sprecherin camila vallejos ist für eine regierungsbeamtin eine "läufige hündin, die erschlagen gehört, damit die demonstrierende meute wieder zur vernunft kommt". für einen anderen senator der rechten ist sie eine "scheissgöre". wer so über die andersdenkenden redet, der schreckt auch nicht vor terrorismus und gewalt zurück.

empört euch !
00
27.8.2011, 15:24
leider in chile rückkehr zur rechten "normalität"

pinochet lebt. ich kannte einige österreichische exilantinnen jüdischer herkunft, die pinochet eisern die stange gehalten und das ende des regimes bitter beklagt haben. ich versteh das bis heute nicht.

egal9
07
27.8.2011, 09:58

"bitte was erwartest du?"

Alles richtig. Was ich erwarte (oder eher erhoffe) ist, dass sie das ganze korrupte recht Pack zum Teufel jagen. Wird zwar der freiheitsliebenden NATO und EU nicht gefallen, aber das nehme ich in kauf :)

Ernst Guevara
11
27.8.2011, 10:48
was meinst du genau mit "zum teufel jagen"?

es handelt sich in chile (noch) nicht um einen aufstand gegen das regime, sondern um eine soziale protestbewegung für die reform des bildungswesens - teilweise geht es schon weit darüber hinaus (forderung nach einer neuen verfassung). ich finde die chilenische bewegung sehr inspirierend und ähnlich sympathisch wie die israelische bewegung. die chilenen sind noch etwas radikaler in ihren methoden als die israelis (randale und hungerstreiks von schülerInnen). aber wie gesagt, es geht nicht um regime change, sondern vor allem um freie bildung für alle. allein diese forderung ist im kontext des marktextremistischen bildungssystems in chile radikal.

Vamos!
http://www.youtube.com/watch?v=4ZF7K-OVF_4
http://www.youtube.com/watch?v=TLZwfS9fPbo

*space
10
27.8.2011, 12:27

marktextremistisches bildungssystem?

Der Begriff des Extremismus ist ein propagandistischer, der oftmals zur Gleichsetzung zwischen Rechts und Links gebraucht wird, es macht keinen Sinn diesen zu benutzen, wenn keine Gewalt zur Stürzung des Regimes gegeben ist, zu gebrauchen.

marktradikales bildungssystem...

egal9
03
27.8.2011, 11:23

"Zum Teufel jagen" meint genau die Negation davon:
"es handelt sich in chile (noch) nicht um einen aufstand gegen das regime,"
Also dass sich die Proteste und Streiks zu einen allgemeinen Aufstand gegen das herrschende System weiterentwickeln. Seit Wochen gibt es politische Kämpfe, die das zum Ziel haben und mit dem Generalstreik wurde ja auch ein erstes sehr deutliches Zeichen gesetzt.

Ernst Guevara
10
28.8.2011, 09:15
'tschuldigung, dass ich nachhake..

aber welche indizien gibt es, die auf einen bevorstehenden allgemeinen aufstand in chile hindeuten? zwar sehe ich schon, dass die bildungsproteste dieses mal viel weiter in die gesellschaft hineinreichen und mehr leute zu erreichen scheinen als 2006. das zeigt auch die unterstützung der studenten und schüler durch die arbeiter beim generalstreik. aber selbst der generalstreik bedeutet noch nicht, dass es gegen das regime geht. die CUT ist nach meinem eindruck eine weniger systemloyale gewerkschaft als andere gewerkschaftszentralen auf der welt, aber vielleicht irre ich mich auch. trotzdem bleibt jedenfalls alles im rahmen der verhältnisse und ich sehe in chile keine politischen kämpfe, die über das bestehende hinausweisen.

egal9
09
28.8.2011, 14:23

Intensiver habe ich mich jetzt damit nicht beschäftigt.
Ich habe eher meiner Hoffnung ausgedrückt, weniger eine Prognose abgegeben.

Der absolute Unwillen der Herrschenden, den Demonstrieren Zugeständnisse zu machen, und die gleichzeitige starke sich ausbreitende Protestbewegung, könnte aber durchaus Potenzial haben, sich auch weiterzuentwickeln.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.