Mit dem Kapital für einen "Humanismus der Tat"

26. August 2011, 19:29
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    foto: kpö

    Florian Birngruber ist bekennender Kommunist.

Kommunist Florian Birngruber engagiert sich ernsthaft und mit Leidenschaft auf Fußballplatz und in Partei

Aus zweierlei Gründen sollte der hier Porträtierte, Florian Birngruber, hier nicht porträtiert werden: Erstens sei man aus feministischen Gründen eigentlich darum bemüht, weibliche Mitglieder zu Interviews zu schicken - die haben jedoch alle keine Zeit. Zweitens ist er kein Mitglied einer Jugendorganisation, sondern der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), die keine offizielle Jugend mehr hat (die hat sich 2005 abgespalten).

Dennoch: Florian Birngruber ist 26 Jahre alt, groß, schlaksig, leicht mürrisch, ein Kommunist, studiert im 14. Semester Volkswirtschaft an der Uni Wien, raucht und trägt Converse. Viel Persönliches über sich preisgeben will er nicht. Nur so viel: Er geht ganz gerne ins Fußballstadion und schaut Unterhauspartien. Direkt als Fan wolle er sich aber nicht bezeichnen lassen.

Mit Begeisterung hingegen spielt er politisch in der zweiten Liga. "Aus karrieristischen Gründen geht man nicht zur KPÖ, schließlich gibt es keine Berufsaussichten", sagt er. Um bundesweit Fuß zu fassen, müssten sie die Stimmen vervierfachen, was er für nicht besonders realistisch hält. Die KPÖ sei historisch eine Kleinpartei in Österreich. Ob die erfolgreiche deutsche Linke ein Vorbild sei? "Ich sehe dort, wie wichtig eine starke linke Opposition ist." Er möchte sich dennoch nicht an der deutschen Schwesterpartei orientieren. Es scheint, als fühle sich die KPÖ wohl in ihrer Rolle als leiser Rebell im Hintergrund. "In Spitzenfunktionen ist es ohnehin schwer, den Idealismus aufrechtzuerhalten", sagt er.

Florian Birngruber selbst ist "spätberufener Kommunist": Erst zu Beginn des Studiums hat er begonnen, sich mit der Partei auseinanderzusetzen. Der Grund dafür war das Erstarken des Rechtsextremismus in Österreich, das ihn empört habe - die genau gegenteilige Position einzunehmen seine Konsequenz. "Trotzdem musste ich mich erst davon überzeugen, dass sich die KPÖ unmissverständlich vom Stalinismus distanziert." Nach einer einjährigen Obduktionsphase habe er herausgefunden: "Die Vergangenheit wurde aufgearbeitet." Mit 22 Jahren wurde er Parteimitglied. Das Kapital hat er im Bücherregal stehen, die Frage danach nervt ihn aber als Klischee. Er schätze das Werk, weil es zeige, dass die Geschichte des Kommunismus ein "Humanismus der Tat" ist. Er sieht sich als Teil einer Bewegung, die Verhältnisse bekämpft, in denen Menschen unwürdig leben.

Einige seiner Genossen waren Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus - ein Teil der Parteigeschichte, auf den er stolz ist. Noch heute könnten dieselben Ideale gelten, die "kompliziert" und exakt formuliert seien. Birngruber erzählt langsam und bedacht, um in der Kürze nichts falsch darzustellen. Er spricht von der längst überfälligen Überwindung des Kapitalismus, von Feminismus und Umverteilung. Die "vielleicht radikalste Forderung" sei die nach einer Vergesellschaftung der Banken.

Birngruber versprüht nicht den jugendlichen Elan, den träumerischen Idealismus, den man von einem jungen Mann erwarten könnte. Er tritt für eine Grundsicherung und einen gesetzlichen Mindestlohn ein - er selbst engagiert sich in der Partei aber ohne materielle Entlohnung. (Katharina Mittelstaedt, STANDARD-Printausgabe, 27./28.8.2011)

KPÖ - Kommunistische Partei Österreichs

Bundessprecher: Melina Klaus und Mirko Messner

Mitglieder: ungefähr 3000

Selbstverständnis: Marxismus, Pluralismus, Umverteilung, Vergesellschaftung der Banken, Feminismus, Mindestlohn.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 180
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Alan Jones80
20
29.8.2011, 18:02
"Obduktionsphase"

- KPÖ tot!?

Alan Jones80
00
29.8.2011, 17:30
zensur?

oder posting steckengeblieben?

Alan Jones80
00
29.8.2011, 16:50
"Obduktionsphase"

- KPÖ tot!? Die Schreiberin und/oder das Lektorat haben wohl ihre Lehre noch nicht beendet. Das sorgt in der ganzen Trostlosigkeit für ein wenig Amüsement.

Franz Parteder
15
29.8.2011, 07:55
Letzte Dinge

Ich wundere mich - nicht zum ersten Mal - darüber, warum eine KPÖ-Diskussion so schnell zu den "letzten Dingen" vorstößt.
Die KPÖ ist - wie man in Graz und der Steiermark sieht - eine nützliche Partei für die Menschen, weil sie nicht vergisst, dass die Menschheit aus einzelnen Menschen besteht.
Ohne unseren gesellschaftspolitischen Kompass würden wir nicht so handeln wie wir handeln. Entscheidend sind die gesellschaftliche Praxis und der Gebrauchswert unserer Aktionen und Vorschläge für die Leute.

Diese Praxis wirkt auf unsere Theoriebildung zurück und macht auch die programmatischen Aussagen realistischer. Und dass der finanzmarktgetriebene Kapitalismus nichts taugt, das ist ja evident.

F. Parteder

phorus
02
30.8.2011, 00:46

danke für die unbezahlte werbeeinschaltung. auch der kpö steiermark täte es gut, ihr austronationalistisches politbiotop zu entlüften. und beim latenten rassismus ihrer grazer gemeindebauwähler nicht immer wegzuschauen.

Alan Jones80
00
30.8.2011, 14:12
das ist arbeitsteilung

die rechten hetzen; die linken schauen weg - wenn sie nicht auch hetzen.

Alan Jones80
01
29.8.2011, 15:49
"gesellschaftlicher kompass"

ist populismus; dem volk aufs maul schauen, wie es steht und fällt. nur nicht ihr falsches bewusstsein (patriotismus und damit zusammenhängende ausländerfeindlichkeit, etc.) kritisieren, das wäre ja"bevormundung". nur keine "letzten dinge" ansprechen, das geht nicht, wenn man mit den wölfen, den anderen, mitheulen will und nicht gegen sie agieren will.

Franz Parteder
00
29.8.2011, 18:40
Lustig

Gerade hat uns die grün(schwarze) Vizebürgermeisterin in einem konkreten Zusammenhang Populismus vorgeworfen, weil wir die BewohnerInnen einer Wohnsiedlung unterstützen.
Vorgefasste Meinugnen lassen sich nicht ändern. Trotzdem der Link zu einem Artikel unserer Knittelfelder Stadträtin:
http://www.kpoe-steiermark.at/islamisch... agen.phtml

Zu Guevara: Die Frage ist nicht mit wenigen Zeichen zu beantworten.

nigl3
10
29.8.2011, 11:58
Einzelne Menschen

Sehr geehrter Herr Parteder,
wenn Sie in der steirischen KPÖ diesen individualistschen sozialen Bezug zu Menschen haben finde ich das schön. Ich wundere mich nur, warum Sie sich dann Kommunisten nennen. Es gibt in der Theorie des Kommunismus kein hervorheben der Rechte des einzelnen, oder gar einen Ansatz, dass das wohlergehen des einzelnen irgendeine Bedeutung hätte. Überall dort wo der Kommunismus an die Macht kam wurde das Wohlergehen des Einzelnen brutal ignoriert (siehe zum Bespiel die vielen millionen Verhungerten zufolge der Kollektivierungen).

Ernst Guevara
01
29.8.2011, 15:44
sind Sie

experte für kommunismuskunde im politbüro der ÖVP? nur weil Sie aus dem propagandamachwerk "schwarzbuch des kommunismus" zitieren können, haben Sie noch lange keine ahnung vom thema.

nigl3
00
30.8.2011, 13:20
Keine Ahnung

Was braucht man um Anhnung zu haben?
Ich kenne das Schwarzbuch des Kommunismus nicht.

Ich könnte Ihnen einige sehr sachlich geschriebene Bücher aufzählen (wie zum Beispiel die Autobiographie von Alexander Jakowlew (Ex-Politbüromitglied der KPdSU) " Die Abgründe meines Jahrhunderts"). Aufgrund Ihrer gehässigen Antwort befürchte ich jedoch ich das solche nichtkonformen Aussagen an Ihnen abperlen.

Anderen welche offen sind für geschichtliche Realitäten kann ich Solschenizyn empfehlen (Archipel Gulag, Im ersten Kreis, Krebsstation, Die Eiche und das Kalb, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch), wirklich gute Bücher.
Ich ersuche Sie Herr Guevara, Solschenizyn jetzt nicht mit dem üblichen kommunistsichen Hasstriaden zu überschütten.

Ernst Guevara
00
29.8.2011, 09:40
lieber herr parteder

was genau ist mit den "letzten dingen" gemeint? ich verstehe ihr posting als kritik an der theorielastigkeit der debatte, weiss aber nicht, was Sie mit den "letzten dingen" meinen.

gerettete Zunge
90
28.8.2011, 13:19
Humanismus der Tat

irgendwie sollte man sich schon darüber im Klaren sein, dass Kommunisten ähnlich demokratiefeindlich sind wie Neonazis, nur halt von der anderen Richtung kommend .

puzzled
02
28.8.2011, 14:39

Darüber sollte man sich im klaren sein?!?

Bitte begründen Sie, warum "Kommunisten ähnlich demokratiefeindlich wie Neonazis" sind.

nigl3
10
29.8.2011, 11:38
Begründung

1. In jedem (wirklich jedem) Land in dem die Kommunisten an die Macht kamen haben sie als erstes die Pressefreiheit abgeschafft (nennen Sie eines wo dies nicht so ist/war).
2. In jedem (wirklich jedem) Land in dem die Kommunisten an die Macht kamen wurden politisch andersdenkende getötet (entweder direkt erschossen, oder in Lagern zu Tode gerackert, oder sie verhungerten zufolge der Kollektivierung), in mindesten drei Staaten war dies eine zweistellige Millionenzahl von Menschen, in mindestens zwei weiteren Staaten war dies eine einstellige Millionenzahl von Menschen.
3. In keinem Staat in dem die Kommunisten an die Macht kamen ließen sie (außer nach Volksaufständen) frei Wahlen zu.
4... die Liste lässt sich noch lange Fortsetzen, der Kommuni

nigl3
20
29.8.2011, 11:39
Begründung Fortsetzung

4... die Liste lässt sich noch lange Fortsetzen, der Kommunismus sieht sich grundsätzlich in seiner Theorie nicht als eine demokratische Bewegung sondern als Diktatur des Proletariats, welche sich als Diktatur der Partei manifestiert.

Abschließend sollte man nocheinmal mit dem Märchen des Stalinismus aufräumen. Der Terror und die Ermordung andersdenkender wurde bereits von Lenin ganz offiziell als Parteilinie eingeführt, und von allen kommunistischen Regimen die jemals an der Macht waren durchgeführt, das ist nicht Stalinismus sondern einfach das grundsätzliche Wesen des Kommunismus.

puzzled
01
29.8.2011, 17:53

Wenn ich Sie bitte auf dieses Posting von mir verweisen dürfte: http://derstandard.at/plink/131... id22668704

Sollte als Antwort ausreichen, denke ich. Wenn nicht, stehe ich Ihnen natürlich für weiterführende Fragen zur Verfügung.

nigl3
00
30.8.2011, 14:11
ling gelesen (2)

Im vorigen Jahrhundert sahen das die kommunistischen Theoretiker in Ost und West (siehe KPÖ) sehrwohl so das die Länder an unserer Ostgrenze kommunistsiche Länder waren. (und diese waren, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, nicht demokratisch)

Ich finde Sie machen es sich nun etwas leicht wenn Sie nun sagen das waren keine kommunistischen Regime.

puzzled
00
30.8.2011, 15:03

Ich verstehe, was Sie meinen, und ich verstehe auch, warum in der öffentlichen Rezeption diese Länder als kommunistische Regimes gesehen werden, hat insofern auch seine Berechtigung nach der Eigendefinition.
Nur kann ich deswegen trotzdem keine parallelen zwischen dem klassischen Kommunismus nach Marx + Engels und den Vorgehensweisen der Regimes sehen.
Marxismus-Leninismus hat nicht sonderlich viel mit den ursprünglichen kommunistischen Ideen zu tun, bzw. ist die "Weiterentwicklung" durch Lenin mehr als abstrus.

Nur, weil jemand Planwirtschaft betreibt, ist er noch kein Kommunist, sondern bedient sich lediglich einer der Ideen aus dem Kommunismus und instrumentalisiert dadurch die Idee selbst.

puzzled
00
30.8.2011, 15:16

Ergo ist die Kritik an den Regimes an sich natürlich völlig korrekt und berechtigt, aber mit Kommunismus haben diese Regimes trotzdem nichts zu tun.

Der Leninismus hat ja schon quasi-religiöse Züge an sich (dogmatich, Führer-Verehrung, etc...), alleine das läuft der kommunistischen Idee an sich diametral entgegen.
Und der Kommunismus postuliert, dass die Idee nur gewollt vom Volk durchgeführt werden kann, nicht durch Repression von oben herab. Die Liste lässt sich noch länger fortführen.

Wenn man nun sagt, dass Leninismus gleich Kommunismus ist (wie es wohl viele Alt-KPÖler sehen/gesehen haben), mag das mit "kommunistischen Regimes" stimmen, dem muss ich aber ganz entschieden Widersprechen, und daher auch meine diese Sichtweise.

nigl3
00
30.8.2011, 14:03
Link gelesen

(Das folgende hat jetzt leider einen polemischen Klang soll es aber wirklich nicht sein).
Reden Sie mit jenen älteren Leuten welche im vorigen Jahrhundert in der KPÖ aktiv waren. Damals sah die KPÖ die Diktaturen an unserer Ostgrenze sehrwohl als kommunisitisch an.
Diese Leute können Ihnen sicher auch heute noch begründen können warum sich diese Diktaturen auf dem Boden des Kommunismus bewegten.
Ich sprach in den neunzigern mit jemand der in den achzigern Technik in der DDR studierte. Die hatten auch Unterricht in Marxismus Leninismus, das dort unterichtende Lehrpersonal (sich nicht unintelligent) sah den Staat sehrwohl als kommunistisch an.
(setze fort)

Nathaniel Winerib
51
28.8.2011, 12:39

Seit wann gehen "Marxismus" und "Pluralismus" zusammen?

Darius Minor
06
28.8.2011, 10:56
Memo an die Politiker anderer Couleurs:

_So_ stell' ich mir ein glaubwuerdiges Gegenueber vor (ungeachtet dessen ob ich seine Ansichten nun vollinhaltlich teile oder nicht). Das erste Politiker-Interview seit langem, bei dem mich nicht nach zwei Saetzen der Brechreitz ueberkommt.

wg 1980
11
28.8.2011, 08:49
Wie bei allen Dingen, kommt es auch beim Kommunismus auf die Dosis an!

Und hier die richtige zu finden, vermag der Mensch ebenso wenig wie beim Kapitalismus.

stefan1981
72
28.8.2011, 08:07

...studiert im 14ten semester volkswirtschaft. sauber, der wird mal karriere machen!

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