Am Sonntag gastiert Fazil Say bei den Salzburger Festspielen - Mit Daniel Ender sprach er über die Türkei und die Beziehungen zwischen Komposition, Interpretation und Improvisation
Standard: Vor vier Jahren haben Sie öffentlich mit dem Gedanken gespielt, Ihre Heimat zu verlassen. Aber Sie leben noch immer in der Türkei?
Say: Ja, ich lebe da. Ich habe da eine zehn Jahre alte Tochter und verbringe ja zwei Drittel meiner Zeit auf Tournee. Ich hatte mit der konservativen Regierung im kulturellen Bereich einige Probleme mit Zensur und Absage von Konzerten. Das war schwierig, und jetzt ist es immer noch schwierig und sogar noch schwieriger - nicht nur für mich, sondern für viele Künstler in der Türkei. Aber wir leben noch, und als Künstler hat man ohnehin oft das Gefühl einer universellen Einsamkeit.
Standard: Wie erleben Sie denn die Atmosphäre in Ihrem Land im Allgemeinen?
Say: Wie gesagt, für die Kultur ist es eine ganz schwierige Situation, weil die Regierung wirklich kein Interesse hat. Wir gehören nicht zu deren Welt. Das betrifft auch bildende Künstler, Maler oder Regisseure - die haben im Moment alle sehr viele Schwierigkeiten. Denn Kultur braucht ja auch Hilfe, ein bisschen Unterstützung - auch vom Staat. Wenn es das gar nicht gibt, hat man ein großes Problem.
Standard: Nun besteht das Land nicht nur aus der Regierung, sondern es gibt eine lebendige, künstlerische Szene. Inwieweit werden Sie denn in Ihrem eigenen Land wahrgenommen?
Say: Wenn ich ein Konzert mit einem Privatveranstalter präsentiere, dann ist das immer voll, und es kommt auch viel junges Publikum. Die Türkei hat zwei Seiten: Es gibt auch moderne Leute, nicht wenige, es sind 30, 35 Prozent. Dahin gehöre ich auch. Wir sind also nie die Mehrheit, doch wir haben großartige Künstler. Aber die andere Schicht, die Parallelgesellschaft, schürt mehr und mehr ein Lebensgefühl wie in arabischen Ländern.
Standard: Inwieweit ist in der Türkei dennoch ein offener Diskurs möglich? Immerhin ist Ihre Stimme auch in türkischen Zeitschriften zu Wort gekommen.
Say: Ich war natürlich einer der Ersten, die öffentlich Kritik geübt haben, und das hat die Regierung wahnsinnig getroffen. Sie hat mit viel Hass geantwortet. Aber es bringt mir nicht viel, wenn wir diese Sachen in Europa besprechen. Davon lernen diese Leute nichts.
Standard: Dann wechseln wir das Thema und die Szenerie. Am Sonntag spielen Sie bei den Salzburger Festspielen. Welche Assoziationen haben Sie denn zur Mozartstadt?
Say: Salzburg gehört als Stadt zum Kulturerbe; und man hat als Musiker ein zauberhaftes Gefühl, weil Mozart hier geboren wurde. Allein das gibt der Stadt eine besondere Luft. Man ist natürlich unglaublich stolz, bei den Festspielen dabei zu sein; ich habe ja schon einige Male hier gespielt. Aber bei anderen Festivals wie jetzt gerade in Schleswig-Holstein bin ich auch als Komponist intensiv präsent. Das würde ich mir auch in Salzburg wünschen. Bisher war ich hauptsächlich als Interpret hier.
Standard: Sie sind mit kreativen Aneignungen von Klaviermusik, Ihrer Fassung von Strawinskys "Sacre" oder Gershwin-Bearbeitungen sowie mit Eigenkompositionen berühmt geworden. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Komposition und Interpretation?
Say: Wissen Sie, ich bin, seit ich fünf Jahre alt war, mit beidem aufgewachsen und habe schon damals komponiert. Meine Lehrer und meine Eltern haben das immer sehr unterstützt. Ich habe dann auch Komposition studiert, und im Moment arbeite ich an zwei neuen Symphonien und an einer Oper. Ich spiele zwar viele Konzerte, aber ich kann zum Glück auch oft in Konzerte gehen, in denen meine Musik gespielt wird. Zum Beispiel hat vor zwei Wochen Sabine Meyer mein Klarinettenkonzert uraufgeführt. Natürlich fehlt es aber in der Türkei an Möglichkeiten, dass meine Musik gespielt wird. Das ist im Moment keine leichte Sache.
Standard: Der Stil, in dem Sie komponieren, klingt in mitteleuropäischen Ohren manchmal ein wenig "orientalisch".
Say: Ich komponiere sehr gerne nach bestimmten Themen und habe schon als Kind auf gegebene Themen improvisiert. Mein Lehrer hat mir gesagt: Was hast du heute erlebt? Erzähl mir das auf dem Klavier! So hat sich in mir ein bisschen der Erzähler entwickelt: Ich erzähle in der Istanbul-Sinfonie oder im Violinkonzert Geschichten, die sich musikalisch entfalten. Die Musik bezieht sich jedes Mal auf eine andere Sprache und auch Technik. Ich kann natürlich avantgardistisch komponieren, aber meine Sachen beziehen sich nicht auf eine bestimmte Technik, sondern jede Technik dient dazu, etwas zu erzählen.
Standard: Könnten Sie sich einen anderen Beruf vorstellen, falls Sie nicht Pianist und Komponist geworden wären?
Say: Wie bitte? (lacht) Darauf kann ich im Moment wirklich keine Antwort bieten. Aber wenn ich noch einmal geboren würde, würde ich sicher wieder Musiker sein wollen. Denn ich liebe diesen Beruf. (Daniel Ender, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26./27. August 2011)
Hinweis
Fazil Say spielt am Sonntag, dem 28. 8., um 20.30 Uhr im Haus
für Mozart Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" und Strawinskys "Le
Sacre du printemps" (Fassung für Klavier zu vier Händen, gespielt mit
einem Computerflügel).