Fünf Jahre Thomas Oberender bilden mehr als nur ein Festspiel-Intermezzo
Mit der Uraufführung von Peter Handkes slowenischer Familientragödie Immer noch Sturm hat Schauspielchef Thomas Oberender 2011 das Salzburger Vermächtnis von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal endgültig angenommen. Die Salzach-Stadt ist mit dieser cholerischen Liebeserklärung an das Kärntner Jaunfeld zu jener Drehscheibe geworden, die dem Gründungstheoretiker Hofmannsthal vorgeschwebt haben mag. An die Klippen der Salzburger Festspiel- und Theaterbühnen brandeten während der fünf Jahre, in denen Oberender das Schauspiel in Salzburg klug verwaltete, die Erzeugnisse eines tatsächlich gesamteuropäischen Kulturraums.
Mit Blick auf die antiken Ursprünge des "Kultus", mit einigem Bedacht auf hauchzarte Verbindungslinien zwischen Reinhardt und Bernhard, dem Barock und Brandauer, steckte Oberender ein Terrain ab, auf dem für buchstäblich alles Platz war. Dass die Abschlusssaison besonders glücklich verlief, liegt auch in der Natur mächtiger Schlussakkorde: Wie im Finalsatz einer Bruckner-Symphonie sich das Choralthema zum Ende hin mächtig aufbaut, so packte Oberender mit dem doppelten Goethe-Faust und Handkes poetischem Forschungsbericht zwei Achttausender auf die Halleiner Perner-Insel.
Demgegenüber fällt auf, wie sehr die Betriebsamkeit des Festspielzirkus alle Chronisten und Adabeis binnen weniger Jahre zum Vergessen verdonnert. Wie in weite Ferne entrückt wirken heute Unternehmungen wie Andrea Breths bildermächtige Dostojewskij-Adaption Verbrechen und Strafe (2008): eine Unternehmung von kühler Klarheit in Gedanken, Worten und Werten.
Verschwommen bleibt die Erinnerung an ein paar tadellos gedachte Produktionen, die auf dem Papier deutlich mehr versprachen, als sie hernach szenisch einlösen konnten. Die Bemühung um Thomas Bernhards Fest für Boris war halbherzig, die vorsichtige Annäherung an einen lokalen Weltautor wie Stefan Zweig (Angst) blieb 2010 zwar nicht frucht-, aber folgenlos.
Gerade weil der Dramaturg und Autor Oberender ein skrupulöser Intellektueller ist, der Zusammenhänge assoziativ bildet, konnte er sich den furchterregenden Tücken des Salzburger Mahlwerks bestmöglich entziehen. Gegen Jürgen Flimm, der Oberenders Autonomie anzutasten wagte, bewies er erstaunlich robuste Wehrhaftigkeit. Nichts ändern konnte Oberender aber am strukturellen Defizit der Sparte Schauspiel: So sehr er die Spielflächen ausweitete, auf Schloss Leopoldskron seine Aufwartung machte und sogar die Residenz bespielte - dem quecksilbrigen Sprechtheater-Chef erging es wie einem König ohne Land.
Und so haftet allen unbestreitbaren Erfolgen des Schauspielsektors immer etwas Uneigentliches an. Solange der Theaterleiter im Direktorium weder Sitz noch Stimme hat, so lange muss er auf die erwirtschafteten Überschüsse schielen und kostengünstige Kooperationen eingehen.
Darunter leidet das Alleinstellungsmerkmal jeder Salzburger Dramaturgie, daran gehen absehbar auch alle Pläne zuschanden, die Felsenreitschule zu bespielen. Und auch Oberenders Nachfolger Sven-Eric Bechtolf wird sein Lied davon bald zu singen gelernt haben.
Das Young Directors Project beglückte heuer übrigens alle Freunde des Mitmachtheaters. Und der Jedermann? Am Domplatz wurden heuer rund 60 Grad Celsius gemessen. Nicholas Ofczarek ist dem Vernehmen nach wohlauf. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 27./28. August 2011)