Schon als sie in die Schwimmschule traten, wusste sie, dass hier ein schrecklicher Ort war - In diesem schwimmenden schwarzen Geviert war die Sonne, die draußen so hell geschienen hatte, wie ausgelöscht
Nein, Ich frage mich nicht mehr. Die Bilder von damals kommen, hell sind sie und ich schaue sie an. Ich schaue hinüber nach Vineta, wo ich damals zu Hause war.
Als sie ein kleines Kind war, bestanden die Waldviertler Sommerwochen aus einer Kette goldgelber Sonnentage, an denen sie viele Stunden am Teich ihres Onkels verbrachten, der vor dessen Hof lag. Der jungverheiratete Onkel hatte über dem Ausfluss des Teichs ein hölzernes Badehäuschen errichten lassen, dort wurden die Badeutensilien aufbewahrt, und auch das gestreifte lila Badegewand der Großmutter hing dort immer ungebraucht an seinem angestammten Haken.
Ein einziges Mal hat sie ihre Großmutter darin gesehen. Sie saß damals mit der Mutter, die ihren schwarzen Badeanzug anhatte, in dem sie ihrer kleinen Tochter zum Erschrecken nackt vorkam, am Kopfende des Teichs auf der hölzernen Plattform, von der aus die beiden Mägde sonst die Wäsche schwemmten, und nebenan schlief der Babybruder im runden Weidenkorb unter den schattenspendenden Sträuchern. Die Mutter ließ sich mit geschlossenen Augen sonnen, und es war sehr still.
Da erschien drüben auf einmal die Großmutter in der Tür des Badehäuschens. Sie hatte ihr Badegewand angezogen, dessen Pumphosen ihr bis zu den halben Waden reichten, seine bauschigen Ärmel gingen ihr bis zu den Handgelenken, die Großmutter hatte auch Badeschuhe aus demselben Stoff angelegt, die waren mit Bändern um die Knöchel festgeknotet, und eine lila Bademütze bedeckte turmartig ihren Kopf. Das Kind starrte sprachlos diese majestätische Erscheinung an.
Jetzt stieg die Großmutter langsam und feierlich die Holztreppe hinab, endlich stand sie bis zum Bauch im dunklen Wasser, sie machte mit ausgestreckten Armen kleine, kreisende Bewegungen über der Wasserfläche, sie stand da und trug wie immer ihr angespanntes, beinahe finsteres Gesicht. Weil das so unheimlich war, wollte sie schnell zur Großmutter hinüberlaufen, den Bann brechen, aber die Mutter hielt sie zurück, als hätte sie etwas Ungehöriges versuchen wollen. Schließlich wandte sich die Großmutter um und tappte mit kleinen, unsicheren Schritten zurück und wieder die Holztreppe hinauf, während das Wasser in kleinen Bächen aus dem nun eng anliegenden Badegewand troff und über ihre weißen Waden floss. Das Kind wunderte sich, dass eine so mächtige Frau so dünne Beine haben konnte. Dann war die Großmutter im Badehäuschen verschwunden.
Die Mutter zischelte: "Die alte Frau hat nie schwimmen gelernt", und jetzt beschließt das Kind bei sich, es seiner Mutter, die von sich selber sagt, dass sie schwimme wie ein Fisch, mindestens gleichzutun. Als sie dann eine Volksschülerin war, verbrachte sie ihre Sommerferien nicht mehr am Waldviertler Mühlteich, sondern im Salzkammergut. Das Mädchen war hier durch lange Stunden sich selbst überlassen, deswegen war es froh, als die Mutter einmal sagte, sie würden jetzt zur Schwimmschule spazieren.
Aber schon als sie in die Schwimmschule traten, wusste sie, dass hier ein schrecklicher Ort war. In diesem schwimmenden schwarzen Holzgeviert war die Sonne, die draußen so hell geschienen hatte, wie ausgelöscht. Auf einer Art Floß umgaben schwärzlich modernde niedere Kabinenreihen ein finsteres, tiefschwarzes Wasserloch. Es war leer hier, keine vorsichtigen Schwimmer zu sehen, nur ein finsterer Mann stand auf der hölzernen Plattform, er hatte kurzes graues Haar und einen schwarzen Schnurrbart und zwei Buben daneben, die waren größer als sie, mager, und ihre schwarzen Turnhosen gingen bis über die Knie. Die Mutter flüsterte, der Bademeister sei Ausbildner beim Militär gewesen, sogar bei den Pionieren, wo auch der Vater im Krieg gedient hatte. Wollte sie sie damit beruhigen? Jetzt band der Bademeister dem einen Buben einen Strick um den Bauch, und musste über die Badeleiter ins Wasser steigen, Sprosse um Sprosse. "Noch eine", schrie der Bademeister, "und noch eine" - bis das schwarze Wasser über dem Kopf des Kindes - oder über ihrem Kopf? - zusammenschwappte - nichts als schwarzes Wasser, es blubberte leicht. Sie selbst spürte das schwere Wasser über sich zusammenschlagen - Finsternis - ohne Atem. Da zog der Bademeister am Strick und der Bub schoss an die Oberfläche, prustend und um sich schlagend. Die Mutter sagte, das sei die neue Methode, bevor ein Kind schwimmen lerne, müsse es erst die Angst vorm Wasser verlieren.
Sie packte die Hand der Mutter um sie fortzuziehen, aber die Mutter schüttelte sie ab, sie musste dableiben und zuschauen, wie jetzt der Mann den anderen Buben an einer Art Angel festband, wie sie es selbst mit den sich windenden Regenwürmern machte, wenn sie in ihrer Badehütte fischen wollte. An der langen Stange wurde der Bub in seinem Gurt jetzt ins Wasser gelassen, er musste flach auf der Oberfläche liegen und nach dem Kommando des Mannes langsame Tempi machen.
Der Wärter musste sich gar nicht anstrengen, denn die Stange der Angel war so an einer Stelle des Holzgeländers befestigt, dass er nur wie bei einer Schaukel sein eigenes Ende ein wenig senken musste. Und der Bub an der Angelschnur tauchte ein wenig tiefer ins Wasser und machte jetzt heftige Bewegungen, um sich oben zu halten - lächelte da der Böse nicht unter seinem Schnurrbart?
Nachher traten die Mutter und der Bademeister in Verhandlung, aber der Mann weigerte sich, so ein kleines mageres Ding richte er nicht ab - dafür wäre auch in ein, zwei Jahren noch Zeit. Sie gingen wieder nach Hause, und den ganzen Weg legte sie vor der Mutter her hüpfend in einer Art Dreivierteltakt zurück, zu singen traute sie sich nicht. Die Mutter gab nicht auf. Wie sollte sie ihre kleine Tochter zum Segeln mitnehmen, wenn die nicht seetüchtig war?
Daheim musste sie sich also immer wieder über Bänke oder Sessel legen und die Tempi üben - dann nahm die Mutter sie zum See, sie legte sich auf die ausgestreckten Arme dieser neuen strengen Lehrerin und die Mutter zählte: "Eins - und zwei, und eins - und zwei". Bei "zwei" mussten die Beine mit einem kräftigen Schlag zugeklappt und gleichzeitig die Arme vorgestoßen werden. Später hielt die Mutter sie bei den Schwimmübungen im Seichten nur mehr unterm Kinn, damit sie nicht zu viel Wasser schluckte, und dann gar nicht mehr, sie konnte jetzt ein, zwei Tempi allein schwimmen, dann vier, und acht und neun, sie hörte zu zählen auf und schwamm vergnügt im seichten Wasser hin und her und war sehr stolz über diesen Erfolg, aber sie weigerte sich, die neue Kunst im Tiefen auszuprobieren - sie hatte das schwarze Wasserloch in der Schwimmschule nicht vergessen. Die Mutter gab nicht auf: An einem schönen Vormittag ruderte sie hinüber zum Lieblingsbadeplatz, dem Greiner Bankerl, das Kind freute sich. Dort musste die Mutter ein Brett entdeckt haben, das ein Sturm angeschwemmt hatte, es war modrig und glitschig, jetzt musste sie sich bäuchlings darauf legen und dann beförderte sie die Mutter mit einem Stoß hinaus ins tiefe Wasser und kümmerte sich nicht mehr um sie.
Sie lag auf dem schleimigen Brett und schrie. Da schaukelte das Brett unter ihr stärker, und sie schrie noch lauter. Jetzt sieht sie auf einmal Menschen den Hang zum See hinunter stürmen, Männer und Frauen mit Sensen und Rechen, die gerade heimgehen zum Mittagessen, die umringen die Mutter und schimpfen laut über die herzlose, dumme Städterin, die ihr Kind ersaufen lasse.
Nachher weiß sie nicht, wie sie wieder ans Ufer gekommen ist. Haben sie die Wellen angetrieben, oder hat sie die Mutter geholt? Und mit dem Schwimmunterricht ist es jetzt vorbei.
Im nächsten Jahr kommen neue Erziehungsmoden: Sie bekommt einen Korkgürtel umgebunden, mit dem schwimmt sie, wohin sie mag, und wenn sie es anschafft, wird ein Korkstück vom Gürtel geknüpft und dann noch eines und noch eines, bis sie nur mehr den Doppelstrick umgegürtet hat und sich mit ihm schwimmend auch sicher fühlt. Aber eine Angst aus der Schwimmschule ist ihr geblieben: Wenn ihr im Wasser die schwarze Tiefe unter der glänzenden Oberfläche einfällt, muss sie noch immer ganz schnell ans rettende Ufer zurück.
Manchmal kommt noch in der jungen Erwachsenen die Schreiszene am stillen Greiner Bankerl hochgeschossen. Dann ist der alten neuen Angst auch immer ein Triumphgefühl beigemischt, als hätte sie damals mit ihrem Schreien die allmächtige Mutter besiegt. (Ilse Helbich, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 27./28. August 2011)
Ilse Helbich, geb. 1923 in Wien, promovierte in Germanistik und
war
in Verlagen tätig. Als Publizistin und Übersetzerin arbeitete sie u. a.
über die Familie Wittgenstein. Lebt im Kamptal. Nach Radio-Collagen und
Zeitungsfeuilletons erscheinen ab 2003 ihre Prosatexte (zuletzt 2010
"Fremde" bei Droschl). 2012 erscheint, ebenfalls bei Droschl, der
Prosaband "Beschreibung einer Gegend". Die vorliegende Erzählung ist
Teil des in Arbeit befindlichen Erzählbandes "Vineta" über die
1930er-Jahre.