Risiko Umschulung

"Das Problem ist das Unwissen"

28. August 2011, 16:57
  • Artikelbild
    foto: standard

    Elisabeth Ertl kam 1956 in Linz zur Welt. Die Pädagogin wurde selbst als Kind umgeschult, ist Mitbegründerin der Linkshänder-Initiative, und arbeitet hauptberuflich als Lehrerin in der Steiermark.

Interview mit Elisabeth Ertl, Fachberaterin der österreichischen Linkshänder-Initiative, über die verkannten Risiken der Umschulung linkshändiger Kinder

Standard: Wie ist die gesellschaftliche Lage für Linkshänder heute?

Ertl: Man muss heutzutage keine Scheu mehr haben, sich zu seiner Linkshändigkeit zu bekennen. Das Problem ist aber das Unwissen. Die Menschen wissen zu wenig über die Bedeutung der Händigkeit und unterschätzen so die Probleme der Linkshänder. Es heißt heute, es wird nicht mehr umgeschult. In manchen Elternhäusern und Kindergärten passiert das aber sehr wohl noch, wenn auch meistens unbeabsichtigt. Das Kind muss dann zum Beispiel mit der "schönen Hand" grüßen. Im Kindergarten wird das Thema nicht angesprochen. Linkshändige Kinder glauben dann, sich an die rechtshändige Mehrheit anpassen zu müssen. Das Vorurteil, es werde nicht umgeschult, führt dazu, dass man bei Kindern mit Schulproblemen nicht an diese Ursache denkt.

Standard: Welche Auswirkungen hat die Umschulung auf Körper und Psyche?

Ertl: Händigkeit ist eine Hierarchiebeziehung zwischen einer Führungshand und einer Hilfshand, die im Gehirn angelegt ist. Wenn diese auf den Kopf gestellt wird, kommt es im Hirn zu einer fortwährenden Rebellion. Der Balken, die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften, wird überlastet, und der betroffene Mensch wird fehleranfällig. Kinder neigen dann zu Legasthenie, zu Stottern und zu motorischer Ungeschicklichkeit. Das Gehirn verbraucht etwa dreißig Prozent mehr Energie. Die Kinder ermüden dadurch um vieles schneller und sind in ihrer Konzentrationsfähigkeit gestört. Es kommt zu Schreibunlust und in weiterer Folge zu Schulunlust. Auch psychosomatische Beschwerden sind häufig. Bei Erwachsenen gibt es Hinweise auf Zusammenhänge mit Allergien und Autoimmunkrankheiten.

Standard: Und welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um die Situation der Linkshänder zu verbessern?

Ertl: Das Wichtigste ist die Verhinderung der Umschulung durch Aufklärung der Eltern und Fortbildung der Kindergartenpädagoginnen. Darüber hinaus sollte es mehr Gebrauchsgegenstände für Linkshänder geben, vor allem Werkzeuge und Musikinstrumente. Aber: In einem klassischen Orchester wird man als Linkshänder mit einer seitenverkehrten Geige nach wie vor keine Chance haben. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 29.08.2011)

Kommentar posten
25 Postings
eknaD
00
28.8.2011, 21:46

ich müsste laut Klatsch-Test (der glaube ich schon ziemlich verlässlich ist) auch Linkshänder sein, weiß aber echt nichts davon, dass ich je umgeschult worden wäre.
Dass man es sich abschaut im Kindergarten.. hmmm, eventuell denkbar aber so ganz plausibel kommt mir das auch nicht vor.

keywords
00
29.8.2011, 13:50

ich kann mich an meine einschulung erinnern, wo mich eine dame gefragt hat (die direktorin wie ich später festgestellt habe), ob ich links- oder rechtshänderin sei.

ich hab geandwortet, dass ich nicht weiss, was das bedeutet.
sie hat gefragt: malst du mit links oder rechts?
ich hab geantwortet: das kommt drauf an, wo der stift gelegen hat.
sie hat gemeint: na dann machma halt rechtshänder.

(ich kann mich noch daran erinnern, weil ich meine einschulung als massiv skurril empfunden habe und in dem gespräch auch noch andere für mich damals merkwürdigkeiten vorgekommen sind. ich bin froh, dass ich nicht allein da hin hab gehen müssen.)

Aracni Santini
00
30.8.2011, 19:12
vielleicht sind manche beidhändig gleich begabt?

man kann ja auch Klavier spielen. Links und rechts eine andere Melodie...

keywords
00

mit sicherheit sogar.

was mich aber eben verwundert hat: man hat mich einfach einkathegorisiert. ohne test, ohne mit der wimper zu zucken. und man hat MICH gefragt, das kind, das gerade erst in die volksschule kommt, zu einem thema, das lebensbestimmend sein kann.

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 11:18

Der Klatschtest ist einerseits überhaupt nicht zuverlässig, ein seriöser Händigkeitstest dauert 2 Stunden! Andererseits gibt es viele umgeschulte Linkshänder, die sich an die Umschulung nicht erinnern.

eknaD
00
29.8.2011, 13:26

hm,
aber warum klatsche ich dann mit der linken Hand als aktive Hand, hat das wirklich gar keine Bedeutung?

und das mit der Umschulung, das müsste dann ja irgendjemand gemacht haben. Ich kenne sogar heute noch meine Kindergartentante, ich weiß welche Einstellung meine Eltern dazu haben. Ich wüßte einfach nicht wer das gemacht haben sollte.

Ellisabeth Ertl
 
01
29.8.2011, 14:14

Sicherlich deutet es auf Linkshändigkeit hin, wenn sich beim Klatschen die
linke Hand stärker bewegt als die rechte. (Dass die linke oben ist, das
allein sagt z.B. gar nichts.) Wir wissen aus Erfahrung, dass es im Rahmen
eines Händigkeitstests, bei dem eben nicht eine Tätigkeit untersucht wird,
sondern etwa 40 - 50 Tätigkeiten, auch eindeutige Rechtshänder fast immer
wenige Items linkshändertypisch vollziehen und umgekehrt. Daher kann ein
einzelnes Item allein nie als Beweis für eine bestimmte Händigkeit gelten.
Möglicherweise sind Sie also trotzdem Rechtshänder.
Seit jener Aufklärung in den 60er Jahren ist es nicht mehr üblich,
linkshändige Kinder gewaltsam umzuerziehen. Seither erfolgt das subtil. Ein
linkshändiges Kleinkind ver

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 16:10

Ein
linkshändiges Kleinkind verbrennt sich beispielsweise die Finger beim
Aufdrehen des linken Wasserhahns. Die Mutter lehrt es, den rechten Hahn zu
drehen. Das Kind hat erfahren, dass der Gebrauch der linken Hand ihm schaden
kann. Niemand hat bei diesem Ereignis an Händigkeit und an Umschulung
gedacht, weder die Mutter noch das Kind. Es war gewissermaßen der
Wasserhahn, der umschulte. Das Kind muss mit der rechten Hand grüßen, weil
auch bei diesem Thema niemand an die Händigkeit des Kindes denkt. Im
Kindergarten sagt man dann: Ja, linkshändige Kinder soll man nicht
umschulen, daher greifen wir nicht ein. Aber man spricht das Thema auch vor
den Kindern nicht an. Man zeigt alles mit der rechten Hand vor und auch die
Mehrzahl der

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 16:49

Man zeigt alles mit der rechten Hand vor und auch die
Mehrzahl der anderen Kindern agiert rechts. Manche Spielsachen lassen keine
andere Wahl. Es gibt vielleicht nur eine Linkshänderschere, die manchmal
unauffindbar ist, also muss es auch mit der Rechtshänderschere gehen. Dass
das alles Umschulung ist, wird nicht bewusst, weil es eben nicht aus
Feindseligkeit dem Kind gegenüber geschieht, sondern aus Unwissen und
Blindheit gegenüber den Tatsachen.
Eine jahrhundertelange Diskriminierung verschwindet eben nicht einfach
dadurch, dass man zu der Grundeinsicht gelangt, dass Linkshändigkeit
angeboren und kein schlechter Charakter ist. Die Gleichberechtigung von
Frauen steht auch schon seit über 100 Jahren in der Verfassung, und es traut

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 17:27

Die Gleichberechtigung von
Frauen steht auch schon seit über 100 Jahren in der Verfassung, und es traut
sich niemand mehr ernsthaft daran zu zweifeln. Sind die Frauen deshalb heute
schon gleichberechtigt? Man muss in viele Details hineingehen, um das
Schritt für Schritt zu verwirklichen, und so ist das bei den Linkshändern
auch!

Godesberg
10
28.8.2011, 19:58

Ned Flanders wurde auch nicht umgeschult und ist trotzdem ein Freak.

"Man muss heutzutage keine Scheu mehr haben, sich zu seiner Linkshändigkeit zu bekennen."

Wann musste man das? Zur Zeit der Hexeverbrennungen?

metternich
00
29.8.2011, 12:11
@Godesberg

Linkshändigkeit ist Naturgegeben. Warum man darin eine Art Hexenverfolgung sieht die selbstredend ausgemerzt werden muss, ist wohl nur einmal mehr in einem gesellschaftl.Normierungswahn zu sehen. Es würde mich daher nicht wundern, formulierte man auch daraus eine schwerwiegende Persönlichkeits störung mit inkludierten ICD-10 Code.

Geoffrey of Monmouth
00
29.8.2011, 09:55

Würd wohl eher sagen, bis in die 70er des 20. Jahrhunderts musste man Scheu davor haben. Nicht umsonst wurden die Kinder von links auf rechts umgeschult.

Godesberg
00
29.8.2011, 15:55

Mir ging es um das "Bekenntnis" dazu. Den Ausdruck finde ich arg übertrieben. Linkshänder hatten ja auch damals keine Verfolgung. Die wurden eben umgeschult, aber hatten doch ansonsten keine Nachteile.

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 16:12

Doch, hatten sie! Vor allem Burschen hätten sich geniert, zu ihrer Linkshändigkeit zu stehen. Das ist jetzt vorbei.

A. Sieberer
00
28.8.2011, 19:55

Der Balken wird überlastet.... und man braucht ca. 30% mehr Energie....

Jetzt würde mich interessieren, wie man das gemessen hat!

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 11:20

Die folgende Seite zeigt die PET - Bilder dazu!
http://www.wdr.de/tv/quarks... sp?pbild=3

A. Sieberer
00
29.8.2011, 17:21

Leider sind keinerlei genauere Daten zu diesen Untersuchungen angegeben, so fehlt vor allem ein Hinweis darauf, in welchem Alter die Probanden dieser Studie auf die linke Hand umgeschult wurden.

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 17:43

"All converted left-handers clearly recalled that they had started to write with their left hand and were subsequently forced to switch to right-hand writing by their teachers and parents ..... at the age of ~ 6 years"

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 17:35

Hier das Zitat:
Hartwig R. Siebner, Claus Limmer, Alexander Peinemann, Alexander Drzezga, Bastiaan R. Bloem, Markus Schwaiger, and Bastian Conrad: "Long-Term Consequences of Switching Handedness: A Positron Emission Tomography Dtudy on Handwriting in "Converted" Left-Handers" veröffentlicht in "The Journal of Neuroscience, April 1, 2002, 22(7):2816-2825

Ellisabeth Ertl
 
00
29.8.2011, 16:37

Die PET -Untersuchung zeigt die Erregungspotentiale beim Schreiben.

A. Sieberer
00
29.8.2011, 15:23

Danke!
Zeigt das die Erregungspotentiale beim Schreiben oder ständig? Sie hatten ja oben die erhöhte Gehirnaktivität nicht auf bestimmte Tätigkeiten beschränkt.

Vielleicht könnten sie auch zu der angeführten Überlastung des Balkens etwas verlinken.

Ellisabeth Ertl
 
00
30.8.2011, 09:56

Ich habe jetzt schon zweimal versucht, einen Link zu posten, aber er erscheint leider nicht!

A. Sieberer
00
30.8.2011, 11:45

Danke, ich habe in als Mail bekommen!

Protonenzerquetscher
00
29.8.2011, 09:20

Vermutlich mit fMRI und PET-Scan, denn beides zusammen zeigt auch die Aktivität des Gehirns an, je aktiver, desto mehr Energie wird benötigt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.