Erneute Ausschreitungen bei Generalstreik - Bildung laut OECD so teuer wie nirgendwo anders
Wien / Santiago de Chile - Es sind die größten Proteste, die Chile seit seiner Rückkehr zur Demokratie 1989 erlebt hat. Den seit Mai protestierenden hunderttausenden Schülern, Studenten und Lehrern haben sich jetzt auch die Arbeiter angeschlossen.
In einem Generalstreik, der für Mittwoch und Donnerstag angesetzt wurde, forderte die mit 78.000 Mitgliedern stärkste Gewerkschaft des Landes Steuersenkungen, eine Pensionsreform sowie Umverteilung zugunsten des Gesundheits- und Bildungswesens. Was als friedliche Kundgebung begann, endete am ersten Tag mit 36 Verletzten und 348 Festnahmen. Am Donnerstag das gleiche Bild: Wieder brannten Barrikaden, wieder flogen Steine - und wieder setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas ein.
Die Ausschreitungen waren weniger schwer als bei den Protesten der vergangenen Wochen. Doch der Unmut gegen die Politik des seit 17 Monaten regierenden konservativen Präsidenten Sebastián Piñera wächst unaufhaltsam in der gesamten Bevölkerung.
Das Land mit knapp 17 Millionen Einwohnern hat sich zum Liebling der Investoren und Analysten in Südamerika aufgeschwungen. Die weltweit größten Kupfervorkommen bringen dem Land hohe Einnahmen. Obwohl Chiles Wirtschaft Wachstumsraten von 6,6 Prozent vorweist, fühlen sich viele Bürger vom Fortschritt abgeschnitten.
Das durchschnittliche Jahreseinkommen betrug 2010 etwa 11.000 Euro. Um in Chile studieren zu können, müssen jedoch beträchtliche Summen aufgebracht werden: Bis zu 40.000 Euro kann ein Studium hier kosten. Laut OECD ist Studieren nirgendwo auf der Welt so teuer. Diktator Augusto Pinochet, der das Land von 1973 bis 1990 mit eisenharter Hand geführt hatte, privatisierte den Großteil der Schulen und Universitäten. Die Folgen: In den ärmeren Vierteln fehlt das Geld für die Lehrer, der Schulbesuch kostet die Mittelschicht rund 280 Euro pro Kind und Monat. Nun solidarisieren sich die abertausend Arbeiter der Kupferkonzerne mit den Anliegen der Studenten und Lehrer. Sie streiken gegen die Privatisierungspläne der Regierung und wollen die Gewinne aus dem ertragreichen Erzgeschäft für das öffentliche Wohl verwendet sehen. Camilla Vallejo, Führerin der Studentenproteste, bringt es auf den Punkt: "Wir fordern kostenlose Bildung für alle und das Ende der Profite privater Bildungseinrichtungen." Mit Kussprotesten und Kunstaktionen haben die Studenten es schon versucht. Mehrere Schüler haben nun zu radikalen Maßnahmen gegriffen und sind seit 37 Tagen im Hungerstreik. (Julia Herrnböck/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2011)