Politikverdrossenheit

Ausweichmanöver statt Innenpolitik

Kommentar der anderen | 25. August 2011, 18:52

Was passiert, wenn in Krisenzeiten geplaudert statt geplant wird? Anmerkungen eines von den Koalitionspolitikern nicht mehr angesprochenen Bürgers - Von Rüdiger Wischenbart

Ein österreichischer Bundeskanzler und sein Vizekanzler plaudern sich nun schon fast einen ganzen Sommer lang an allen auf uns Bürger und Wähler einstürzenden Themen vorbei, und ich bemerke meine aufsteigende Beklemmung, die Franz Schuh, mit dem der Kanzler doch lieber nicht sprechen wollte, auf den Begriff brachte: "Ich fürchte den Zusammenbruch."

Wie lange lässt sich Politik in Zeiten schwerwiegender Krisen auf Inseraten-PR und Ausweichmanöver reduzieren, ohne gravierende Schäden hervorzurufen?

Aus den vielen Sachbereichen hier die Universitäten als ein gutes Beispiel:

Es gibt ein breites Einvernehmen darüber, dass die Universitäten unterfinanziert sind, dass der Zugang zu zahlreichen Studienfächern chaotisch und zulasten von Studierenden wie Lehrenden geht, dass die Frage der höheren Bildung und der Forschung entscheidend für den Standort Österreich wie auch die Lebensperspektiven der jungen Menschen (und ihrer Eltern) ist, dass der Zugang zu Universitäten auch ein eminentes Integrationsthema wäre und dass die zurzeit anlaufenden Zugangsregulierungen undurchdacht sind.

Es ließe sich hinzufügen, dass die Universitäten, seitdem sie über das Universitätsgesetz von 2002 mehr Handlungsspielraum und damit Verantwortung für ihre Gestaltung innehaben, diese Möglichkeiten nicht gerade offensiv angegangen sind und dass auch die zwischenzeitlich eingeführten Studiengebühren nicht eben zielgerichtet oder gar für die Studierenden nachvollziehbar, etwa zur Qualitätsförderung eingesetzt worden sind. Kurzum, das Schlamassel hat alle Eigenheiten, die weite staatsnahe Bereiche - von Bundesstaatsreform über Schulreform, ÖBB, Asfinag, ORF bis zur Fiskalpolitik - zusehends ins Schlingern bringen.

Der Bundeskanzler und sein Vizekanzler plaudern indessen im Wesentlichen darüber hinweg. Der eine schlug im Juli vor: "Wir wollen Studiengebühren. Bei Studienrichtungen, bei denen ein großer Bedarf an Absolventen besteht, könnte man keine oder nur geringe Studienbeiträge einführen. Bei anderen Fächern, bei denen es wahnsinnig viele Studierende gibt und die Berufsaussichten nicht besonders gut sind, könnte man sie höher gestalten." Der andere hat auch Ideen, nämlich "dem Wunsch der Industrie gerecht zu werden, nicht die Plätze in philosophischen und ähnlichen Bereichen zu vervielfachen, sondern in technischen Fächern." Welche Verfassungsprobleme nach dem Gleichheitsprinzip eine Taxierung nach schwammigen "Berufsaussichten" hervorriefe (Spindelegger) oder was der "Wunsch der Industrie" (Faymann!) in Bildungspolitik gegossen wert wäre, will ich hier nicht beurteilen.

Als Absolvent, Selbstständiger und Lehrender in den "ähnlichen Bereichen" bemerke ich, dass ich von solch einer Politik nicht mehr "gemeint" bin. Und ich bin nicht als Person "nicht gemeint" - nicht angesprochen, und erst gar nicht ernst genommen -, sondern Kanzler und Vizekanzler sowie, in Personaleinheit, die Parteichefs der derzeit gerade noch größten Parteien teilen uns aus diesen "anderen Bereichen" in Bausch und Bogen mit, wir seien nicht mehr Gegenstand ihrer Politik.

SPÖVP reloaded

Die SPÖ hat offenbar mit den Universitäten nichts mehr am Hut, also etwa mit den Aufstiegsmöglichkeiten der kleinen Leute. Die ÖVP schreibt indessen mit den Unis ihre entsprechende Stammwählerschaft aus den "gebildeten Schichten" ab. Beide bauen viel lieber auf jene Bereiche ihrer Wählerschaft, derer sie sich sicher sein zu können glauben: öffentlicher Dienst, Pensionisten, Landwirte, vielleicht noch Industrie und Funktionäre. Damit ruinieren sie nicht nur die Universitäten (oder den ORF oder die Schulen). Sie öffnen die politische Flanke für die populistischen Fänger, die auf jene Gruppen zielen, die von SPÖVP nicht mehr gemeint sind, weil sie als "andere Bereiche" abgekanzelt werden.

Den Begriff SPÖVP prägte übrigens der verstorbene FAZ-Korrespondent Andreas Razumovsky, um die Voraussetzungen für den Aufstieg von Jörg Haider in den 1990er-Jahren zu erläutern. Trotz selbstgelegter Fußangeln war dessen sicheres Gespür für die Möglichkeiten der Krawallpolitik stets stärker. Jetzt gibt es offenbar SPÖVP "reloaded" .

Wenn die Spitzenvertreter der Regierungsparteien drüberfahren über alle Fragen und Gesellschaftsgruppen, die sie nicht als ihre Kern-Klientel definieren, dann führt das für die Universitäten (und den ORF usw.) über kurz oder lang zu dem, was Franz Schuh angesprochen hat: zum Zusammenbruch. (Rüdiger Wischenbart, DER STANDARD; Printausgabe, 26.8.2011)

Der Autor ist Journalist und Berater mit Schwerpunkt auf Kultur und Verlagen.

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13 Postings
laurelundhardy
00
Ja, viele fühlen sich nicht mehr gemeint!

Als (Neuer) Selbständiger bin es gewohnt selbständig zu denken und zu handeln, verfügen einigermaßen über Bildung (auch des Herzens und des Körpers) und bin wenig anfällig für grauenhaft simple, monokausale Weltbilder.

Ich fühle mich politisch gar nicht mehr vertreten.

Und so wie mir das Fernsehen zu blöd geworden ist und daher keinen mehr habe, wird mir auch die Politik zu blöd.

Wenn ich mich sedieren will trinke ich Rotwein! Und wenn ich was ändern will, änder ich mich selber. Von anderen, auch Politikern, erwarte ich nur mehr wenig.

Gert Bachmann
 
00
26.8.2011, 16:36
Danke, Rüdiger!

Franz_Josef
00
26.8.2011, 15:52
Die verteiben sich die Zeit bis zum ESM Vertrag

Ich denke alle wichtigen Politiker wissen um den ESM Vertrag Bescheid und sind ratlos oder warten auf Anweisungen von der EU.

ALARM - ALARM : ESM-VERTRAG = ÖSTERREICH WIRD UNFREI
Der ESM Vertrag nimmt allen europäischen Staaten ihre Budgethoheit und stellt die Institutionen der EZB-Finanzelite über nationales Strafrecht!
http://julius-hensel.com/2011/07/a... veranitat/
Hier ist der "Besatzungsvertrag", für alle die es nicht glauben können.
http://www.peter-bleser.de/upload/PD... ag_ESM.pdf

mikromalist
 
01
26.8.2011, 12:59
Kurz, die Tyrannei

der politischen Idiotie.
Die meisten Installateure, Malergehilfen, Kaffeeroester, Chilizuechter, Grabsteingraveure und Perueckenmacherinnen, die mir hin und wieder so über den Weg laufen, wissen weit mehr ueber notwendige gesellschaftliche Entwicklungen, als Fay, Sindel und Spiessgesellen.

OeVP glaubt, in der Korruption liege ihre Rettung, SPOe im Krone Bauchfleck und ORF Kaperung.

Schwedenbombe
 
00
26.8.2011, 13:06
auch wenn sie über weite strecken recht haben,

muss ich sie darauf hinweisen dass genannte berufsgruppen (gelernte maurer, etc.) im nr sitzen und uns vertreten sollten...

was sie leider nicht tun.

grimsvotn eyjafjallajökull
00
26.8.2011, 18:58
schweden

Wenn genannte Berufsgruppen tatsächlich auch im Nationalrat sitzen sollten, was ich bezweifle, so sind sie eine verschwindend kleine Minderheit die nichts zu sagen hat und nur als Alibivolksvertreter und zum verordneten Hand heben geduldet werden.

Schwedenbombe
 
00
26.8.2011, 21:25
Hätte ich auch gedacht

Aber schauen sie mal auf den hps nach, da stellt sich die Situation eher umgekehrt dar...

Seria
00
26.8.2011, 11:59

um zu planen braucht man doch auch Können und Wissen, deshalb plaudern die nur.

site:°~+*-||!#.\>
40
26.8.2011, 01:58

So ist es - dem kann man nur beipflichten.

Die SPÖVP besteht nur mehr aus einem Haufen dummdämlicher, korrupter Dummschwätzer.

Der Zusammenbruch wird schneller kommen als sie sich und Franz Schuh das vorstellen können.

Allerdings, falls sie Franz Schuh, den Möchtegern-Philosophen meinen, wäre ein radikales Umdenken angesagt.

Politik sollte nicht auf pseudo-philosophischen Untersuchungen basieren, sondern auf dem Prinzip der Wissenschaftlichkeit. Beschäftigen sie sich mit Naturwissenschaften, statt mit Philosophie.

Österreich=pleite=pleite=pleite. Daran kann auch die Philosophie nicht rütteln.

Dampfschiff St. Nepomuk
01
26.8.2011, 15:59

Ich darf daran erinnern, dass Politik ein Feld der praktischen Philosophie ist.

Wenn, sie also gegen pseudo-philosophische Untersuchungen sind, sind sie somit auch gegen politische Analyse. Ernstlich?

scio ut nescio
01
26.8.2011, 09:20
umgekehrt wird vielleicht ein schuh daraus

österreich=pleite ....pleite -> weil sich alle auf das prinzip der wissenschaftlichkeit verlassen - die philosophie hätte und längst schon gesagt, dass der krug nur so lange zum brunnen geht, bis er bricht

hin und wieder ein tunichtgut
04
25.8.2011, 22:20
das ist ein eindruck,

der sich mir ebenfalls massiv aufdrängt.

sie plaudern nicht nur am bürger vorbei, sie gehen den populistischen weg, obwohl der schon von einem besetzt ist, der das vermutlich leider besser kann.

in sachen echter reformen aller art geht nix weiter, entweder weil es den herrschafften egal ist oder weil sie zu feig sind, irgendetwas kontroversielles anzurühren, das ihnen möglicherweise etwas gegenwind bereitet. haben die keine fähigkeit, sinnvoll zu argumentieren, damit die nicht ganz dummen dieses landes sie nachvollziehen und evt. unterstützen können?

aber sie geben jede menge geld für imagekampagnen aus. in nutzlosen medien.
ich fühle mich verarscht!
die fp ist mir trotzdem ein gräuel.

santa fe
 
01
25.8.2011, 21:07

die politik sorgt für sich selbst und ist daher der FI (finanzindustrie) hörig, denn von dort wird sie finanziert.

allerdings beginnt sich die FI langsam vor sich selbst zu fürchten und öffnet sich sozialpolitischen investitionen in den sozialen frieden. es ist nicht mehr auszuschliessen, dass sie das

BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN für alle

wirklich sponsert, um die politik vor der endgültigen diskreditierung zu bewahren, denn mit ihr sind die bisher besten geschäfte ihrer geschichte gelungen, weil sie als "demokratisch" verkauft werden konnten.

ausserdem stabilisiert das BGE die allgemeine kaufkraft.

so kommt es, dass der konservative frz. präsidentschaftskandidat de villepin mit einem "kleinen" BGE in den wahlkampf geht:revenu de bas

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