Was Österreicher von britischen Unterrichtsexperimenten lernen sollten - Von Isabelle Zins
Die dramatischen Sommertage in englischen Städten haben zwar viele Ursachen. Aber eine ganz entscheidende ist das britische Bildungssystem. Denn dieses ist in den letzten Jahrzehnten durch sukzessive politische "Reformen" zugrunde gerichtet worden.
In Großbritannien wurde der größte Teil der "Grammar Schools" (Gymnasien) durch "Comprehensive Schools" (Gesamtschulen) ersetzt. Seither ist der Sektor der "Independent Schools" (Privatschulen) stark angewachsen. Schon vor etwa zehn Jahren erklärte Tony Blair (der, wie fast alle Schulpolitiker, seine Kinder auch nicht in einer öffentlichen Gesamtschule, sondern in einer elitären "Faith School" erziehen ließ), die Gesamtschulen seien ein "Misserfolg" und Ausbildung ohne Selektion habe keine besseren Bildungs- und Aufstiegschancen gebracht.
Seit Einführung der Gesamtschule sind die Chancen für ein Kind aus einer "bildungsfernen Familie" , es nach Oxford oder Cambridge zu schaffen, nur mehr halb so groß wie vor ihrer Einführung. Auf die wenigen noch verbliebenen, unserem Gymnasium ähnlichen "Grammar Schools" (in ganz Großbritannien nur ca. 160 an der Zahl) herrscht ein so starker Ansturm, dass die Immobilienpreise in den jeweiligen Einzugsgebieten sehr stark gestiegen sind. Dadurch können es sich wieder nur vermögende Familien leisten, dort zu wohnen.
Laut einem britischen Parlamentsbericht aus dem Jahr 2009 kann mehr als die Hälfte der Engländer nicht richtig lesen und schreiben, drei Viertel können nicht richtig rechnen - trotz Milliardeninvestitionen in die Bildung.
Der Niveauverlust steht in engem Zusammenhang mit exorbitanten disziplinären Schwierigkeiten. In den Klassen herrschen zum Teil anarchische Zustände, Lernen wird auch für die wenigen Lernwilligen unmöglich, viele Lehrer flüchten aus ihrem Beruf.
Eltern vermeiden daher verzweifelt das öffentliche Schulwesen. Sie bringen sich teilweise an den Rand des finanziellen Ruins, um ihre Kinder in teure Privatschulen ("Public Schools" ) schicken zu können, an denen ein Unterrichtsjahr oft mehr als 14.000 Euro kostet. Eine große Mehrheit der Briten will daher schon längst weg von der Gesamtschule, und britische Politiker, allen voran die Tories, planen eine Rückkehr zum differenzierten Schulsystem.
Im Vergleich weist Österreich eine der geringsten Jugendarbeitslosigkeitsraten in Europa auf (9,4 Prozent im Gegensatz zu über 20-40 Prozent in Gesamtschulländern wie Großbritannien, Frankreich oder Spanien). Wir haben viel weniger Schulabbrecher, geringere Ausgaben für Nachhilfe etc.
Die katastrophalen Auswirkungen der Einführung der Gesamtschule in Großbritannien sollten uns daher zu denken geben. Wie wollen Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Gesamtschul-Verfechter Hannes Androsch eine Massenflucht der Mittelschicht in die Privatschulen, also eine echte soziale Selektion wie in Großbritannien, verhindern? Denn diese wird unweigerlich die Folge sein, wenn ihr Plan gelingt, die Gesamtschule flächendeckend einzuführen. (Isabelle Zins, DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2011)
Die Autorin ist AHS-Direktorin in Mistelbach, Bundesobfrau der
Vereinigung christlicher LehrerInnen und Vorstandsmitglied der
Bildungsplattform Leistung & Vielfalt.