Kaltenbrunners erstes Interview nach der K2-Besteigung
K2/Wien - "Hallo, da spricht die Gerlinde. Im Moment bin ich einfach sehr, sehr müde, sehr erschöpft. Es waren anstrengende zehn Tage am Berg. Ich bin überglücklich, ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen. Manchmal sind Zweifel aufgekommen, wir waren ein sehr kleines Team auf einem sehr großen Berg, die Route war schwierig. Aber ich hatte von Anfang an ein sehr gutes Gefühl, ein anderes Gefühl als bei früheren Expeditionen."
Sie hatte auf dem Weg ins chinesische Basislager eine kurze Pause eingelegt, saß auf einem Stein, schaute hinauf zum Gipfel. Via Satellitentelefon sagte sie zum Standard: "Ich bin sehr erleichtert, dass wir bis zum Schluss konzentriert geblieben sind." Der Abstieg gemeinsam mit den zwei kasachischen und einem polnischen Kollegen sei "sehr, sehr schwierig" gewesen. "Wir haben gewusst, dass wir in die Dunkelheit kommen, hatten Stirnlampen und Reservebatterien mit."
Auch das Magazin National Geographic hatte Kaltenbrunner quasi auf den K2 begleitet und die gestrige Telefonkonferenz organisiert. Die 40-Jährige war am Dienstag die erste Frau, die ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff auf den 14 Achttausendern stand. Nebenbei ist Österreich nun in der Liste jener 27 angeschrieben, die alle Achttausender bestiegen. So gesehen ist die Tochter größer als alle Söhne dieser Heimat.
Daran dachte Kaltenbrunner nicht, sie dachte zurück an die Strapazen. "Am Gipfelcouloir standen wir hüfthoch im Schnee, wir haben gezweifelt, aber uns Meter für Meter hinaufgearbeitet." Sie dachte an die Viertelstunde, die sie alleine auf dem Gipfel verbrachte, ehe die anderen ankamen. "Man sieht in alle Richtungen, es war ergreifend. Ich hab einfach nur weinen müssen." Sie dachte an das Wiedersehen mit ihrem Ehemann Ralf Dujmovits, der die Besteigung früh abgebrochen hatte. "Das Wiedersehen war das Allergrößte."
Kaltenbrunner sagte, ohne Karl Gabl, den Innsbrucker Wetterexperten, wäre die K2-Besteigung "nicht möglich" gewesen. Das Wetter sei zunächst so schlecht gewesen, dass man eigentlich hätte zuwarten müssen. Da Gabl einen Umschwung ankündigte, stiegen sie auf, er sollte Recht behalten. "Ohne ihn wären wir zu spät dran gewesen, hätten wir die schönen Tage verpasst."
Von 302 K2-Besteigern sind nur vier ein zweites Mal auf dem Gipfel gewesen. Ob sie sich vorstellen kann, den K2 noch einmal anzugehen, wollte der Standard von Kaltenbrunner wissen. "Ich glaub, ganz ehrlich, eher nicht", antwortete sie. "Diese Besteigung hat mich total erfüllt. Aber ihn von herunten bestaunen, das werde ich ganz sicher wieder." Das Gefühl, in ein Loch zu fallen, habe sie jedenfalls nicht. "Ich habe noch sehr viele Ziele gemeinsam mit meinem Mann. Es kommt immer wieder etwas daher."
In den nächsten fünf Tagen kommt ein langer Marsch daher, auch darauf freute sich Kaltenbrunner, schließlich führe er "durch ein wunderschönes Tal". Außerdem freut sie sich "auf frisches Quellwasser in Spital am Pyhrn", auf die Familie, auf die Freunde. An Feiern war gestern jedenfalls nicht zu denken. "Das wird auf später verschoben." (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 26. August 2011)